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Deutscher Ingenieurtag
Warum man am Garten von Axel-Springer-Managern die Zukunft ablesen kann

Porträt: Gabriel - unberechenbar und brillanter Stratege
Porträt: Gabriel - unberechenbar und brillanter Stratege FOTO: afp, JOHN MACDOUGALL
Düsseldorf. Beim Deutschen Ingenieurtag wurde lebhaft über die Zukunft der deutschen Industrie diskutiert. Ergebnis: Es ist nicht alles schlecht, aber im Garten von Axel-Springers Außenminister gibt es Verbesserungsbedarf. Von Florian Rinke

Wer den Unterschied zwischen der deutschen Ingenieurskunst und der des Silicon Valley kennenlernen will, muss bei Christoph Keese in den Garten gehen. Der Axel-Springer-Manager hat sich einen Rasenmäher-Roboter von Bosch gekauft, doch obwohl das Gerät mehr als 1000 Euro gekostet habe, hätte ihn die Inbetriebnahme mehrere Tage gekostet.

"Während die selbstfahrenden Autos von Google inzwischen mehrere Millionen Kilometer im Straßenverkehr zurückgelegt haben, knie ich im Garten und verlege Begrenzungsdraht für meinen Rasenmäher", klagt Keese dem lachenden Publikum. Seine Schlussfolgerung: In deutschen Maschinen mag zwar hervorragende Technik stecken, doch bei der Benutzerfreundlichkeit habe das Land gegenüber den Technik-Firmen des Silicon Valley den Anschluss verloren.

"Thinking Generations - Innovationen für Deutschland" lautete in diesem Jahr das Motto des Deutschen Ingenieurtag des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) im Düsseldorfer Maritim-Hotel. Im Kern ging es darum, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf unsere Wirtschaft hat – und welche Rolle Deutschlands Ingenieurszunft in dieser Welt spielt. "Es geht um nicht weniger als die Frage, ob wir weiter Innovationstreiber bleiben werden", sagte Bundeswirtschaftsminister Gabriel in seiner Festrede. Aktuell kämen noch elf Prozent aller Patente aus Deutschland. "Ein Topwert", so der SPD-Parteivorsitzende. Doch was ist, wenn die Digitalisierung weiter voranschreitet. Werden deutsche Autobauer dann zu Zulieferern für Googles selbstfahrende Autos? Wird Deutschland zur Werkbank der digitalisierten Welt?

Gabriel will digitale Aufholjagd

Der Wirtschaftsminister will das verhindern. Auf der Hannover Messe hatte Gabriel bereits die Gründung der Plattform Industrie 4.0 angekündigt. Vor den gut 1600 Gästen bekräftigte er nun noch einmal, dass er es ernst meint mit der digitalen Aufholjagd. Dabei gehe es nicht nur um gemeinsame Industriestandards, sichere Datenübertragungen und Regelungen für die Arbeit in dieser Welt – sondern auch um mehr Unterstützung für den deutschen Mittelstand. Mithilfe von Förderpolitik und der Einrichtung von Kompetenzzentren soll dieser fit gemacht werden für die Zukunft. "Entweder der Mittelstand digitalisiert sich – oder er wird digitalisiert", so Gabriel.

Aus Sicht von Michael Hüther dürfte dies nicht ausreichen. Um den Anschluss nicht zu verlieren, müsse mehr in den Ausbau von Infrastruktur investiert werden, hatte der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft zuvor bei der gemeinsamen Podiumsdiskussion mit Christoph Keese gesagt:

"Es kann nicht sein, dass schnelles Internet in der Schweiz trotz der vielen Berge viel verbreiteter ist." Auch Lencke Steiner, Vorsitzende des Wirtschaftsverbandes "Die jungen Unternehmer" forderte mehr Anstrengungen der Politik. So brauche es einen sicheren rechtlichen Rahmen beim Thema Datenschutz, damit der Mittelstand mehr in die Digitalisierung investiert. "Momentan spüre ich viel Unsicherheit", sagt Steiner. Immerhin: Nachdem Steiner zuletzt bei der Bremer Bürgerschaftswahl als Spitzenkandidatin der FDP triumphierte, kann sie nun selbst dazu beitragen, dass die Politik die richtigen Weichen stellt.

VDI: Deutschland ist gut aufgestellt

Zwar mahnten auch die Vertreter des VDI, Präsident Udo Ungeheuer forderte etwa mehr technische Bildung in den Schulen, sahen die Lage aber nicht annähernd so pessimistisch wie Springer-Mann Christoph Keese. "Wir sind bei der Automatisierung führend", sagte Udo Ungeheuer und VDI-Direktor Ralph Appel ergänzte, Deutschland sei als Technologie- und Innovationsstandort sehr gut aufgestellt.

"Wir erleben hier gerade das Seerosen-Prinzip", sagte daher Manfred Wittenstein, der an diesem Abend auch für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Seine Wittenstein AG stellt Antriebssysteme und Getriebe her. Die Einführung der Industrie 4.0, der Digitalisierung und Vernetzung der Industrie, erlebt er daher aus allernächster Nähe. Noch werde vielleicht nicht in aller Breite deutlich, welche Anstrengungen die deutschen Ingenieure unternähmen, um bei der Industrie 4.0 eine führende Rolle zu spielen, räumt Wittenstein ein.

Auch bei einem Teich seien im Winter keine Seerosen zu erkennen, doch im Sommer erblühe wie von Geisterhand das gesamte Wasser, weil erst dann sichtbar werde, was in den Monaten davor nahezu unsichtbar passiert sei. "Um im Bild zu bleiben", so Wittenstein: "Wir sind gerade im Frühling." Der Rasenmäher im Garten von Christoph Keese wird erst der Anfang sein. 

Quelle: RP
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