| 18.03 Uhr

Netzkultur-Festival in Texas
Die Digital-Trends der SXSW

Die Digital-Trends der SXSW
Auch JJ Castillo, Vanessa Cottingham und Pamela Ledbetter waren bei der SXSW dabei. FOTO: ap
Austin. Mitten in der texanischen Wüste kommt jedes Jahr die Tech-Elite zur weltgrößten Digitalkonferenz zusammen. 35.000 Besucher diskutieren über digitale Trends – von empathische Robotern über Drohnen-Videos bis hin zu einer App, die Ersatzpersonen für das Anstehen in einer Schlange vermittelt. Wir haben uns in Austin umgesehen und spannende Themen identifiziert. Von Michael Bröcker und Daniel Fiene
  • Virtuelle Realität (VR): Das Trend-Thema des Jahres. Zwei Dutzend Foren befassten sich mit den dreidimensionalen Fantasie-Welten, Geräte-Hersteller wie Samsung und Oculus ließen die Besucher mit speziellen VR-Brillen durch virtuelle Landschaften spazieren. McDonalds versetzte Freiwillige in eine virtuelle Happy Meal Box. Nicht nur die großen Firmen wollen Vorreiter der neuen Entertainment-Welt werden, auch Deutsche mischten in Texas mit. 

    Das Hamburger Unternehmen SpiceVR kombiniert die Drohnentechnik mit 360°-Videos, mit der Berliner App Splash können Nutzer aus einfachen Handy-Videos 360-Grad-Ansichten bauen. Dafür gab es sogar den Startup-Preis. Experten sind sich sicher, dass die Technologie in naher Zukunft so ausgefeilt sein wird, dass die Nutzer per Knopdruck an einer gewöhnlichen Brille in die Parallelwelten fliehen können. Die "Washington Post" nahm die Zuschauer auf der Messe auf eine Reportage-Reise zum Mars mit.

  • Roboter- Autos: Google-Chefentwickler Chris Urmson musste in Austin den ersten Unfall eines seiner autonom fahrenden Testautos mit einem Bus erklären. Ein Softwarefehler. "Es wird noch Schlimmeres passieren", sagte er. Den Siegeszug der Technologie dürfte das aber nicht aufhalten. Zwei Millionen Kilometer haben die Google-Autos schon abgespult. "Und mit jeder Fahrt werden die Autos besser." Menschen würden im Straßenverkehr immer mehr Fehler machen, sagt Urmson. Der deutsche Unternehmer Dirk Ahlborn stellte in Texas sein Hyperloop-Konzept vor, ein selbst fahrender Raketenzug, ursprünglich erdacht von Tesla-Erfinder Elon Musk.

  • On Demand: Der mobile und digital affine Kunde ist anspruchsvoll und ungeduldig. Produkte müssen möglichst sofort verfügbar sein, die Bestellung bequem und einfach über das Smartphone. Kommuniziert wird nur noch über Messenger. Die Millenials, die 18- bis 35-Jährigen, ziehen laut einer US-Studie etwa 200 Mal am Tag das Smartphone aus der Hose. Neue Apps und Plattformen greifen Branchen wie Handel, Tourismus, Verkehr, Gastronomie und Finanzen massiv an. AirBnB und Uber sind nur die prominentesten Beispiele. "Mobile first" reicht als Strategie für viele schon nicht mehr aus. Mobile only wäre passender. Und die Millenials sind mächtiger als man denkt. Ihr Verhalten werde von anderen Generationen adaptiert, berichtet die Agentur JW Thomson aus einer internationalen Studie. "Bisher versuchte die ältere Generation die jüngere zu prägen", sagt Thomas Knüwer von der Düsseldorfer Digitalberatung KPunktNull. "Das ist jetzt andersherum."

  • Live-Journalismus: Bunter, direkter und vielseitiger. So sieht der moderne Journalismus aus, wenn es nach den neuen Medienunternehmen wie Vox und Buzzfeed geht. Die Medien müssen sich der Umgebung ihrer Leser anpassen wie ein Chamäleon und alle Plattformen und Kanäle bedienen, vom Podcast und der Push-Meldung bis zum 360°-Livevideo. Das Handwerk – aufklären, erklären und einordnen – verändert sich nicht.

  • Datensicherheit: Vor zwei Jahren noch als "europäisches Spezialthema" von US-Unternehmern belächelt, erlangen die Themen auf den Bühnen der SXSW immer größere Bedeutung, etwa eine viel besuchte Veranstaltung zur Sicherheit der Gesundheitsdaten. Firmen investieren in sichere Cloudlösungen und die Messenger-App Snapchat, die Nachrichten mit spielerischen Elementen wie animierten Grafiken und Videos verknüpft. Snapchat ist auch deswegen die Nummer eins bei Teenagern, weil sie Nachrichten automatisch löscht. Viel Gegenwind erfuhr US-Präsident Barack Obama, als er in seiner Eröffnungsdiskussion um Verständnis warb, dass die US-Regierung zur Strafverfolgung auf die verschlüsselten Daten privater Smartphones zugreifen müsse.

  • Hasskommentare: In Deutschland kontrovers diskutiert, in den USA ein Randthema. Wenn es darum geht, Hass und Hetze in den Kommentarspalten zu bekämpfen, setzen Internet-Plattformen wie Facebook und Youtube auf die Selbstreinigungskräfte der Nutzer. Wie sagte es die Ethik-Chefin von Facebook, Monika Blickert: "Die Hasskommentare sind nicht das Problem, sondern der zugrundeliegende Hass." So entzieht man sich der Verantwortung.

  • Gründer-Mentalität: Gelassen, optimistisch, technologiefreundlich. So zeigt sich die US-amerikanische Techbranche auf der Messe, die neben Konferenzen und Diskussionsrunden auch die Freizeit nicht zu kurz kommen lässt. Es geht ungezwungen und locker zu, man taucht sich offen über Projekte und Produkte aus, die Unternehmen laden zum Barbecue, Comedy-Abend oder Karaoke. Krawatten und Sakkos sind tabu. So gedeiht eine Innovationskultur.

  • Und sonst? Die deutsche Delegation war dieses Jahr so groß wie nie. Vor allem Investoren, Medienmanager und Vertreter von Kommunikationsunternehmen (darunter Vodafone) waren präsent. Im Deutschen Haus trafen täglich Start-up-Gründer (meistens aus Hamburg, Berlin oder Köln) mit den übrigen Kollegen aus der Heimat zusammen. Das traditionelle Barbecue auf einer Ranch im Landesinneren gehört für viele zum Pflichtprogramm. 48 deutsche Gründer nahmen am offiziellen Gründer-Wettbewerb des Festivals teil.
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