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Interactive Cologne
"Als Start-up in NRW muss man die Standortfrage stellen"

Köln: Start-up-Gründer diskutieren über Zukunft der Digitalisierung
Einslive-Radiomoderatorin Anja Backhaus führte bereits zum zweiten Mal durch die Interactive Cologne. FOTO: Frank Schoepgens
Köln. Gründer haben es in NRW noch immer schwer, kritisierten die Teilnehmer an der Digitalkonferenz "Interactive Cologne". Schuld daran trage nicht nur die Politik, auch die Unternehmen sollten sich mehr engagieren – und erzählten teils kuriose Geschichten aus dem Alltag.  Von Florian Rinke

Was NRW tun muss, um im Digitalzeitalter wettbewerbsfähig zu bleiben, lässt sich mit einem einfachen Blick auf die Tische im Camphausen-Saal der Industrie- und Handelskammer Köln erkennen. Halbkreisförmig stehen sie wie in einem Uni-Hörsaal um die Bühne herum aufgebaut. In die alten Tischplatten sind metallene Fächer für analoge Mikrofone eingelassen, die an die alten Zeiten an Rhein und Ruhr erinnern, als in NRW noch Kohle und Stahl für Arbeitsplätze und Wohlstand sorgten. Inzwischen sind die Mikrofone verschwunden, stattdessen liegen Smartphones und Tablets auf den Tischen. Zumindest symbolisch sind sich alte Industrie und junge, digitale Wirtschaft ganz nah.

Dass dies auch im realen Leben noch stärker sein muss, wird beim Digital-Festival Interactive Cologne immer wieder deutlich. Es müsse mehr passieren, fordert beispielsweise Tobias Kollmann, der Beauftragte für digitale Wirtschaft NRW bei einer Podiumsdiskussion zum Thema "Digitales NRW": "Kein Weltmarktführer im digitalen Bereich kommt aus Deutschland."

Unternehmer unterschätzen die Auswirkungen der Digitalisierung 

Aus Sicht der Experten liegt das nicht nur daran, dass die Politik lange geschlafen hat, sondern auch am fehlenden Einsatz von Unternehmen. Denn obwohl diese als Kunden oder Kapitalgeber von Start-ups wichtige Impulse liefern könnten, kommt – so der Eindruck – noch viel zu wenig. "Es gibt viele Unternehmen, die in ihrem jetzigen Geschäftsbereich Weltmarktführer sind, aber noch nicht verstanden haben, was die Digitalisierung für eine Gefahr für sie ist", sagt Ulf Reichardt, Hauptgeschäftsführer der Kölner IHK: "Viele Unternehmer setzen Digitalisierung noch immer mit Facebook gleich und haben nicht begriffen, was es wirklich bedeutet."

Gründer machen daher aktuell noch in vielen Fällen einen Bogen um das bevölkerungsreichste Bundesland. Denn gerade in den Stadtstaaten Berlin oder Hamburg, aber auch in München ist es für viele einfacher ein Start-up auf die Beine zu stellen. Nicht nur, dass es dort eine funktionierende Szene gibt, in der man sich austauschen und schnell Kontakte knüpfen kann, auch der Zugang zu frischem Kapital ist dort sehr viel einfacher.

In anderen Bundesländern kommen Start-ups leichter an Kapital 

Das zeigt auch eine aktuelle Umfrage des IT-Branchenverbands Bitkom. Demnach sind junge Unternehmer aus NRW deutlich pessimistischer, dass sie an dringend benötigtes Kapital kommen, als Gründer in Berlin, Hamburg oder auch Baden-Württemberg. Im Schnitt brauchen die Start-ups in Deutschland laut Umfrage in den kommenden zwei Jahren rund 2,5 Millionen Euro an frischem Kapital, in NRW sind es sogar nur 2,2 Millionen Euro. Dennoch bleibt die Suche nach Investoren schwierig.

Das wurde auch bei der Interactive Cologne deutlich. "Wir haben in der Region zu wenig Venture Capital für schnelles internationales Wachstum", moniert etwa Joachim Vranken, Mitbegründer der Interactive Cologne und Geschäftsführer des Online-Portals Kalaydo (an dem auch die Rheinische Post Mediengruppe beteiligt ist). Michael Hummel, Gründer des Kölner Big-Data-Analyse-Start-ups ParStream ging sogar so weit zu sagen, dass man "als Start-up die Standort-Frage stellen muss. Man muss sich fragen, ob man hier richtig aufgehoben ist."

Den Notar suchen Gründer lieber in der Schweiz auf

Vor allem die Verwaltungshürden machten es jungen Unternehmen in NRW, aber auch in ganz Deutschland noch immer schwer. "Die Verwaltungshürden sind hier viel höher als in Kalifornien", sagt Michael Hummel: "Dort müssen Belege erst ab einem Wert von 75 Dollar gesammelt werden, hier muss ich jeden Parkschein zehn Jahre aufbewahren." Auch die Gebührenordnung für Notare sollte aus seiner Sicht überdacht werden. "Ich muss zwischen 30.000 und 50.000 Euro dafür zahlen, dass mir der Notar einen Vertrag vorliest", ärgert sich der Gründer. Inzwischen würde er daher in die Schweiz ausweichen, weil dort Preise frei verhandelt werden könnten.

Für den NRW-Beauftragten für digitale Wirtschaft Tobias Kollmann gibt es daher keine Zeit mehr zu verlieren: "Die Zeit der Agenden ist vorbei, wir brauchen jetzt konkrete Maßnahmen, damit wir das Land nach vorne bringen können." 

(frin)
 
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