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About a Boy
Wir sind eben manchmal bescheuert
About a Boy: Wir sind eben manchmal bescheuert
Mode soll nicht praktisch sein, Mode soll einfach nur scheiße aussehen. FOTO: AP, AP
Mönchengladbach (RPO). Unser Kolumnist wird gebeten, als Geschichtsfälscher tätig zu werden. Im Anschluss stößt er eine Morddrohung aus. Von Sebastian Dalkowski

Hannah S. hat mir geschrieben. Sie klang sehr bestimmt: „Ich habe am 27.8. 2005 um 22.54 Uhr und am 27.8.2005 um 23.28 Uhr zwei Kommentare auf Ihrer Webseite verfasst und möchte gerne, dass Sie diese Kommentare entfernen.“

Es ist so, dass ich mal ein Online-Magazin geleitet habe. Dort erschien auch ein Beitrag über Tokio Hotel, als die Band gerade begann, berühmt zu werden. Innerhalb von zwei Wochen erhielt der Artikel knapp tausend Kommentare. Dazu gehörten auch zwei von Hannah S. Das, was sie schrieb, möchte ich lieber nur inhaltlich, aber nicht wörtlich wiedergeben. Ich möchte sie nicht lächerlich machen. Sie ist sehr verrückt nach Tokio Hotel, besonders nach Tom. Sie hätte gerne seine Handynummer und dass die Band an ihre E-Mail-Adresse schreibt. Im zweiten Eintrag verlangt sie von Tom ein Kind und hält ihn für den besten auf der Welt. Zum Schluss macht sie klar, dass alle getötet werden müssen, die die Band nicht mögen.

Zuerst habe ich mich gefragt, was um alles in der Welt sie glauben macht, dass jemand diese Kommentare entdecken könnte zwischen den 998 anderen Kommentaren. Dann gab ich ihren Namen bei Google ein. Ihre Gästebucheinträge erschienen an vierter Stelle. Ich ahne, worum es ihr geht. Vermutlich steht sie mittlerweile nicht mehr hundertprozentig hinter ihren früheren Aussagen, möglicherweise liebt sie sogar Tom nicht mehr. Stattdessen ist sie nun in einem Alter, in dem sie sich um einen Ausbildungsplatz bewirbt. Dann sitzt sie zum Beispiel im Bewerbungsgespräch mit der Bank und die Bank sagt: „Sie haben Topnoten, Sie sehen gut aus, Sie haben ein Gespür für den Finanzmarkt“ – und innerlich jubelt Hannah S. bereits, ihr Gesicht ist dabei, ins Strahlen überzugehen, da sagt die Bank: „Im Internet kündigen Sie an, jeden zu töten, der Tokio Hotel nicht mag. Ich fürchte, das ist nicht mit unseren Prinzipien vereinbar.“ Und Hanna S.‘s Grinsen fällt zusammen wie ein Hochhaus nach der Sprengung.

Ich bin ihrem Wunsch nachgekommen, ohne die Panik zu verstehen, die sie ergriffen hatte. Wieso achten alle so sehr darauf, ihr Image bei Google zu polieren? Wer meinen Namen dort eingibt, entdeckt auf Seite 1 sehr belastendes Material. Es betrifft meine Versuche, als 19-Jähriger Jungschriftsteller zu werden. Ich habe nie daran gedacht, diese Einträge löschen zu lassen. Wenn ein Personalchef mich nur deshalb nicht einstellt, weil ich mal in der Pubertät war, möchte ich den Job lieber nicht.

Vielleicht ist es aber auch so: Der Personalchef ist sehr beruhigt, wenn er von jugendlichen Mordfantasien liest, weil er alles andere für verdächtig, ja geradezu besorgniserregend halten würde. „Es tut mir leid, Frau S., aber Sie hatten in Ihrer Jugend nicht vor, jeden zu töten, der etwas gegen Tokio Hotel sagt. Das macht uns misstrauisch. Sie müssen eine sehr merkwürdige Jugend gehabt haben.“
„Aber ich habe doch den Eintrag bloß löschen lassen, weil ich dachte…“
„Es interessiert mich nicht, was Sie denken. Der Nächste bitte.
“ Solche Dinge gehören doch zu jedem Menschen. Sonst ist er so glatt, als habe er eine PR-Agentur beauftragt, seine Biografie zu erfinden.

Ich denke da auch als Historiker. Wenn Historiker in 50 Jahren den Menschen aus dem Jahr 2011 erforschen, treffen sie im Internet ausschließlich auf perfekte Menschen, die nicht mal wilde Partys feierten und dabei ihre nackten Hintern abfotografieren ließen. Und dann verfassen sie ein Buch über uns mit dem Titel „Das langweiligste Zeitalter aller Zeiten“.

Und deshalb sage ich: Wer etwas gegen den neuen deutschen Rap-Superstar Casper sagt, dem durchtrenne ich die Gurgel. Und ein Kind will ich natürlich auch von ihm.

Sebastian Dalkowski veröffentlicht jeden Freitag die Kolumne „About a Boy“. Seine bessere Gesichtshälfte hat Andreas Krebs fotografiert.

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