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Mein Herz schlägt schneller
Darum liebe ich die Japaner

Mein Herz schlägt schneller: Darum liebe ich die Japaner
Origami. FOTO: Britta Krauß
Ich wusste nie so recht, wie ich meine Liebe für die Japaner erklären sollte. Noch nicht einmal mir selbst. Bis ich irgendwann im Herbst vor zwei Jahren in einem Gasthaus im südjapanischen Matsuyama das Klo betrat. Nun lag es auf einmal vor mir in der Ecke, in einer Wandnische: ein winziges aus Papier gefaltetes Origami-Kunstwerk. Einsam, aber wohlüberlegt in die Mitte platziert. Und ich stand davor. Mit Tränen in den Augen. Und mit meinen Klopantoffeln an den Füßen.

Ein Deutscher hätte dem kleinen, geblümten Tetraeder nicht mehr als einen kurzen Blick gewidmet. Ich selbst vielleicht früher auch nicht. Ein Japaner aber hält bei seinem Anblick inne. Hält inne und schaut genauer hin, bewundert seine Formen, seine Blumen, das kräftige Lila und das zarte Grün. Und nimmt den kurzen Moment mit in den Tag. Und während ich gerührt in meinen Pantoffeln dastand, war ich auf einmal sehr dankbar. Dankbar für dieses kleine Stück Papier, mit dem ich auf einmal so vieles erklären konnte.
Von Britta Krauß

Erklären, wie Japaner es schaffen, das Große im Kleinen zu sehen. Im Ahornblatt, das im Restaurant den Kastanientofu schmückt, in der Teeschale, deren Form bei der Teezeremonie bewundert wird, und in Matsuo Bashos Haiku vom Frosch. Das Glück der Japaner liegt im Detail. Sie freuen sich nicht über Großes oder Außergewöhnliches. Sie freuen sich über Kleines, Alltägliches. Über das Geräusch des Frosches, der in den Teich springt. Oder die Kirschblüte, die auf einem See schwimmt.

Meinem ersten japanischen Geschäftsmann begegnete ich in einem Tokioter Park. Ich war gerade in der Stadt angekommen, schläfrig vom Jetlag und erschöpft von meinem Einstufungstest an der Uni. Mit einer Packung Oktopusbällchen auf den Knien und einer Flasche Grüntee saßen ein Freund und ich unter einem Kirschbaum, als ich den Geschäftsmann plötzlich vor mir im hohen Gras erblickte: In Anzug und auf allen Vieren kroch er an mir vorbei. Er spielte mit Freunden Verstecken. Peinlich war ihm die Sache nicht. Im Gegenteil. Gestattet ist, was Spaß macht. Und so hängt sich auch ein 60-Jähriger seine bunte Lieblings-Comicfigur am Fädchen an sein Handy.

Japaner sind immer offen für Neues; ja, sie warten geradezu darauf. So sehr sie ihre Traditionen schätzen, so willkommen ist der neueste Roboter im Sony Center oder die neue Teesorte im Getränkeautomaten. Während viele Deutsche Handys noch kritisch beäugten, surften die Japaner schon mobil im Internet.

Unnötige Worte verlieren Japaner selten. Sie sind stille Genießer. Sie lächeln, vielleicht nicken sie. Fast könnte man von einer stillen Übereinkunft sprechen, in der Japaner miteinander kommunizieren. In der Momente einfach erlebt werden – ohne Worte und doch in Verbundenheit. Verliebte Paare spazieren schweigend nebeneinander her, in Filmen wird minutenlang nicht gesprochen. Japaner pflegen ihre Momente der Stille.

Das spiegelt sich auch in ihren Haikus wider, ihren Kurzgedichten. Hunderttausende dichten in ihrer Freizeit. Sie beobachten, gehen achtsam durch den Alltag, beschreiben Augenblicke oder Naturereignisse – und reduzieren, verdichten den Moment auf nur 17 Silben. In der Natur spiegelt sich die Seele, wie es heißt. Und die Natur spielt eine große Rolle in Japan und dem Shinto, seiner Religion. Statt Sünde, Teufel und einem Gott gibt es hier Hunderte, Tausende, vielleicht sogar Millionen Götter und Geister, die auch gerne beschenkt werden wollen. Mit Alkohol oder Kuscheltieren. Sie wohnen in Steinen, Felsen, Bergen, dem Himmel, Bäumen oder großen Fischen. In allem, was irgendwie wunderbar ist.

Um es in Bashos Worten zu sagen:

Der alte Teich.
Ein Frosch springt hinein –
Das Geräusch des Wassers.

 

 
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