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Mein Herz schlägt schneller
Marc Fischer und der Bossa Nova
Mein Herz schlägt schneller: Marc Fischer und der Bossa Nova
Marc Fischer (1970-2011) FOTO: Marc Fischer
Düsseldorf (RPO). Einen Text über Marc Fischer kann man nur nachts schreiben. Weil nachts die Sehnsucht am größten ist und weil Fischer wie kein anderer über die Sehnsucht schreiben konnte. Mit der literarischen Reportage „Hobalala. Auf der Suche nach João Gilberto“ hat er das ein letztes Mal bewiesen. Von Lena Steeg

Er sah im besten Sinne aus wie ein großer Junge. Zumindest, wenn man ihn von den Bildern kennt, die ab und an in Zeitschriften gedruckt wurden, oder die man, als Facebook-Freund, ja eigentlich -Fan, hin und wieder im Profilbilderordner durchklickte. Schüchtern, verschmitzt und das, was Großeltern „blitzgescheit“ nennen, fiel einem ein, wenn man Fischers immer freundlich lächelndes Gesicht sah. Ebenso schrieb er auch. Mit einer feinen Zurückhaltung, die süchtig macht, weil seine Sätze Leichtigkeit vermitteln, wo Schwere keine Schande gewesen wäre. Auch in seinem neuen und letzten Buch schwingen die Satzmelodien in einem Rhythmus, der den Leser vergessen lässt, dass es um nichts weniger als eines der tiefsten, reinsten Momente menschlicher Empfindungen geht: die Sehnsucht.

Das vielleicht Auffälligste an Fischers Texten ist die Abwesenheit von Gleichgültigkeit. Sie tritt nirgends so zu Tage wie in „Hobalala. Auf der Suche nach João Gilberto“. Fischer entdeckte Mitte der 90er Jahre den Bossa Nova für sich, der in den 50er und 60er Jahren in Brasilien entstand und die musikalische Identität eines ganzen Landes begründete. Das war die Zeit, als er für das Magazin „Tempo“ schrieb und als einer der Vorreiter des Popjournalismus gehandelt wurde. Weil es in seinen Texten immer auch um ihn selbst ging, weil er Interviews führte, bei denen am Ende manches Mal der eigentlich zu Befragende die Fragen an Fischer richtete. Das hatte nichts mit Egozentrik zutun, eher wohl mit der Einsicht, dass man etwas geben muss, um etwas zu bekommen. In einem für Fischer-Fans legendären Interview mit Björk kletterte er mit der Sängerin auf das Dach des Hotels, in dem sie den Journalisten eigentlich Fragen beantworten sollte. Solche Momente konnte nur er schaffen.

Auch in „Hobalala“ geht es um Fischer, der nach Brasilien reist, um João Gilberto zu finden, der wiederum einst den Bossa Nova erfand. Gilberto gilt als Eremit, seit Jahrzehnten, heißt es, verlässt er sein Haus kaum mehr, lebt nachts, schläft am Tage. Auf der Jagd nach diesem Vampir begegnet Fischer, Reporter und Detektiv zugleich, vielen Wegbegleiter Gilbertos. Sie alle erzählen eine andere Geschichte, sie alle aber sind sich einig, dass João Gilberto ein Magier ist, der die Menschen, mit denen er sich beschäftigt, verändert, sie verhext. Und weil Gilberto ein Künstler bis ins Mark ist, ist er eben auch ein Verrückter, einer, der nie seine Ruhe findet. Er sucht die perfekte Symbiose von Gesang, Melodie und Tonart, stundenlang, nächtelang, sein Leben lang. Fischer erklärt: „Die Triebfeder des Bossa: Sehnsucht - nach Liebe, Erlösung, Glück, Transzendenz im Wissen darum, dass es eigentlich naiv ist, all das für möglich zu halten. Die Sehnsucht muss aufhören, damit es geht; und für immer bleiben, damit es geht - so denkt der Bossaist.“

Marc Fischer ist einem Phantom hinterher gereist und findet es, folgerichtig, nicht. Er umkreist Gilberto immer enger, besucht die Stätten seiner Biographie, schickt ihm sogar einen Brief. All das mit einer scheinbar schwingenden Leichtigkeit, die den Leser über die Seiten trägt und die dennoch mit jeder Silbe eine tiefe Sehnsucht offenbart. Und obwohl Gilberto Fischers Annäherungen ablehnt, schadet dies dem Roman nicht. Die Sehnsucht nach einer Wahrhaftigkeit, eine unbestimmte Verlorenheit, ist es, die Fischer und Gilberto stärker verbunden hat, als es jedes Gespräch gekonnt hätte. Und so erkennt der Reporter, dass seine Suche endlos bleiben muss, weil Gilberto die Sehnsucht selbst und damit ungreifbar ist.

Marc Fischer kehrt nach Berlin zurück und stirbt dort am 2. April mit nur 40 Jahren. Noch im selben Monat erscheint „Hobalala“. Auf der Suche nach João Gilberto" im Rogner & Bernhard-Verlag.

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