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Düsseldorf
Das Literatur-Phantom Elena Ferrante

Düsseldorf. Endlich erscheint der viel gerühmte Welterfolg der rätselhaften italienischen Autorin auch auf Deutsch. Von Philipp Holstein

Der Suhrkamp-Verlag hat gerade eine Mail verschickt, darin steht, dass dieses Buch nun doch nicht wie geplant im September erscheint, sondern früher, am kommenden Samstag nämlich. Das Buch heißt "Meine geniale Freundin", die geheimnisvolle Autorin Elena Ferrante hat es geschrieben, und die ganze Welt ist anscheinend aus dem Häuschen über dieses Stück Literatur; man kann das im Internet unter #ferrantefever leicht überprüfen. Deutschland hat das Phänomen zunächst verschlafen, zeigt nun aber den Willen, umso größer einzusteigen. Unter der Adresse elenaferrante.de zählt eine digitale Uhr schon mal die Zeit bis zum Verkaufsstart herunter.

Zum Wirbel beigetragen hat sicher, dass Ferrante ein Phantom ist. Der Name ist ein Pseudonym, niemand weiß, wer sich dahinter verbirgt, ob überhaupt eine Frau schreibt oder ein Mann oder mehrere Autoren. Wenn sie enttarnt werde, ließ Ferrante verlauten, höre sie auf zu schreiben. 1992 erschien ihr erster Roman, unter dem Titel "Lästige Liebe" wurde er ins Deutsche übertragen, verkaufte sich aber schlecht. Die vergriffene Taschenbuchausgabe wird inzwischen für 100 Euro im Internet angeboten. Der "Spiegel" hat für seine aktuelle Ausgabe ein sehr langes E-Mail-Interview mit ihr geführt, aber viel schlauer wird man bei der Lektüre auch nicht. An Fakten gibt Ferrante lediglich dieses preis: "Ich heiße Elena, ich bin eine Frau, und ich bin in Neapel geboren."

In dieser Stadt spielen denn auch die vier Bücher, die den Weltruhm der Autorin begründen. Der 2012 im Original veröffentlichte Roman "Meine geniale Freundin" ist der Auftakt einer Tetralogie, die folgenden drei Bände will Suhrkamp im Halbjahrestakt herausbringen. Es geht um zwei Freundinnen und deren Leben in den vergangenen 60 Jahren. Am Anfang steht ein Anruf: Der Sohn von Lila ruft bei Elena an, der besten Freundin seiner Mutter. Er sagt, dass Lila verschwunden ist, alle persönlichen Dokumente sind weg, aus Fotos hat sie ihr Gesicht geschnitten, ein Leben ist ausgewischt worden. Und so beginnt Elena, die längst als Schriftstellerin in Turin lebt, sich zu erinnern: an die neapolitanische Kindheit in einfachsten Verhältnissen, an den Beginn der Freundschaft. Lila war die gewitztere und mutigere der beiden, sie war die Rebellin, sie tat nie, was man von ihr erwartete. Die Bücher schildern Emanzipation und Befreiung. Die Mafia spielt eine Rolle, später die Roten Brigaden, aber im Mittelpunkt steht das Private, das Empfinden, der Körper, die Sehnsucht. Es tauchen viele Männer auf, die alle bald wieder gehen. Was bleibt, ist die Freundschaft der Frauen.

Die Bücher entwickeln einen Sog, es ist wie bei einer TV-Serie, man kann nicht damit aufhören. Ferrante schreibt in klarer, analytischer und hochverdichteter Sprache. In den USA ist der abschließende Band 2015 erschienen, und seither vergeht kaum eine Woche, in der die großen Blätter keine Verbeugung vor Ferrante bringen. Die "Washington Post" vergleicht sie mit Charles Dickens, andere wählen Zola und Balzac als Referenz, "Korrekturen"-Autor Jonathan Franzen bekundet seine "tiefste Dankbarkeit", und Michiko Kakutani, die gestrenge Kritikerin der "New York Times", hat ein neues Dreigestirn: Alice Munro, Doris Lessing und Elena Ferrante.

Weit mehr als eine Million Mal hat sich Band eins inzwischen verkauft. Und einerseits gehören das Spiel mit der Identität, das die Autorin betreibt, und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten des Marketings zu den Gründen für den Erfolg. Andererseits sind die Bücher tatsächlich großartig. Man kann ihre Wirkung mit der des mehrbändigen Romanprojekts von Karl Ove Knausgard vergleichen, der ja nichts anderes tut, als sein Leben mitzuschreiben. Man sieht bei Ferrante zwei Personen beim Menschsein zu. Das ist die humane Botschaft dieser Bücher: Auch das gewöhnlichste Leben ist bedeutend und beispielhaft.

Es verdient, erzählt zu werden.

Quelle: RP
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