| 08.00 Uhr

Porträt Eric Clapton
Der große Melancholiker des Rock

Er hatte immense Erfolge und heftige Abstürze, erlebte Triumphe und Tragödien. Eric Clapton (69) sagt, dass er all das nur überstanden hat, weil es Musik gibt. Auf seinem neuen Album ehrt er seinen verstorbenen Freund und Kollegen J.J. Cale. Von Gesa Evers

Der erste Schlag kam mit neun Jahren. Eric Clapton, geboren im englischen Ripley, erfährt, dass die Menschen, die er für seine Eltern hielt, in Wahrheit seine Großeltern sind. Die Frau, die sie ihm als seine Schwester vorstellten, entpuppt sich als seine Mutter. Sie hatte ihn im Alter von 16 Jahren bekommen und fühlte sich überfordert, und überfordert fühlt sich nun auch ihr Sohn. Er ist verwirrt, bleibt still und gibt sich seinem ersten Rausch hin. "Meine Einstiegsdroge war Zucker. Wenn es mir schlecht ging, habe ich einfach Unmengen Süßes in mich hineingestopft." Als er mit 13 Jahren seine erste Gitarre bekommt, entdeckt er ein weiteres Ventil für Wut, Verzweiflung und Einsamkeit. Beides, die Musik und die Drogen, werden ihn in den nächsten Jahrzehnten ganz nach oben und ganz nach unten bringen.

Mit 17 schmeißt er sein Kunststudium und schließt sich seiner ersten Band an, den Roosters. Er ist ein Virtuose auf der Gitarre, präzise, feinfühlig und in der Lage wie kaum ein Zweiter, menschliche Emotionen in ein Solo zu packen. Er ist aber auch ein Querkopf, und so wechselt er seine Bands wie andere Rockstars ihre Liebschaften. In den 60er Jahren wird er Mitglied der Yardbirds, der Bluesbreakers und gründet schließlich 1966 mit Ginger Baker und Jack Bruce die Formation Cream. Das Trio landet große Hits wie "I Feel Free" oder "White Room", doch die Chemie in der Band stimmt abermals nicht.

Clapton, inzwischen eine Größe in der britischen Rock-Szene, spielt das Gitarren-Solo des Beatles-Klassikers "While My Guitar Gently Weeps" und wird ein enger Freund von George Harrison. Er wird fortan immer wieder mit diversen befreundeten Künstlern Songs schreiben und aufnehmen, doch er treibt auch seine Solokarriere voran. Dabei hat er ein ambivalentes Verhältnis zum Ruhm, er hasst ihn, und er liebt ihn. "Ich bin ein Riesen-Egoist mit einem Minderwertigkeitskomplex", sagt er einmal.

Sein Gefühlschaos betäubt er erst mit Heroin, dann mit Alkohol. Während seine Karriere Fahrt aufnimmt und er mit "Layla" in den 70er Jahren einen Welthit landet, verfällt er zunehmend dem Suff. Er heiratet Pattie Boyd-Harrison, die Ex-Frau seines Freundes George und echte "Layla", und feiert auch mit der Coverversion des Bob-Marley-Hits "I Shot The Sheriff" einen großen Erfolg. Doch in seinem Kopf "schreit alles nach Alkohol", wie er es ausdrückt. Irgendwann ist er bei zwei Flaschen Wodka am Tag, mindestens. Erst die Geburt seines Sohnes Conor, der 1989 aus einer außerehelichen Affäre hervorgeht, bringt den Melancholiker allmählich zur Besinnung. Er geht in den Entzug. "Im Grunde habe ich es für Conor getan. Denn egal was für ein Mensch ich sonst auch sein mochte, war es mir unerträglich, mich in seiner Gegenwart so aufzuführen", schreibt Eric Clapton in seiner Autobiographie.

Im März 1991, als er sich gerade auf den Weg zu seinem Sohn machen möchte, um mit ihm in den Zoo im Central Park zu gehen, ruft ihn die Mutter des Kindes an. "Conor ist tot!", brüllt sie ins Telefon. Der Junge war aus einem Fenster im 53. Stock eines New Yorker Wohnhauses gestürzt. Clapton sagt, dass er erstmal gar nichts fühlte, bevor ihn die Trauer wie eine Walze übermannte. Statt zur Flasche greift er zur Gitarre. "Ich danke Gott, dass die Musik für mich da war. Es hätte sonst sehr gefährlich werden können."

Seinen Schmerz verarbeitet er 1992 in der Ballade "Tears In Heaven", seinem wohl bekanntesten Hit, der in unnachahmlicher Weise Trauer und die Hoffnung verbindet, dass es weitergeht, irgendwie. Es geht weiter, wenn auch langsam. Clapton wendet sich in den kommenden Jahren wieder vermehrt dem Blues zu, der für ihn "Würde, Selbstrespekt und Spaß" bedeutet. Im Jahr 2002 heiratet er erneut und bekommt mit seiner neuen Frau drei Töchter. Drei seiner 20 Grammys bringt ihm der Hit "Change The World" von 1996 ein.

In den vergangenen Jahren war Clapton, der die meiste Zeit des Jahres auf der Karibikinsel Antigua lebt, mehr Interpret als Komponist. Vor allem die Songs seines 2013 verstorbenen US-Musikerkollegen J.J. Cale, Begründer des Tulsa-Sounds, inspirieren ihn. Nach einem gemeinsamen Album folgt nun einer Art Tribut-Platte, auf der Clapton gelassener klingt denn je. Er fürchtet keine Rückschläge mehr.

In der Sonntags-Ausgabe unserer App ist dieser Text bereits erschienen. Aus Gründen der Vollständigkeit bringen wir ihn hiermit erneut.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Eric Clapton: Melancholiker des Rock


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.