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"Alles steht Kopf" im Kino
Kinderquatsch für große Philosophen

Jede Menge Emotionen in "Alles steht Kopf"
Jede Menge Emotionen in "Alles steht Kopf" FOTO: 2015 Disney•Pixar
Düsseldorf. Die Pixar-Studios schicken wieder einen großen Film in die Welt: In "Alles steht Kopf" betritt der Zuschauer die Welt einer Elfjährigen. Entstanden ist ein fantastischer Film.  Von Thomas Klingenmaier

"Sag mal, wie geht es dir denn so?" Es gab Zeiten, da haben Menschen diese Frage leichteren Herzens beantwortet. Da waren sie sich sicher, dass ein Blick ins eigene Innere auf etwas Kompaktes, Solides, Unteilbares, Verlässliches fallen würde. Diese Gewissheit ist uns abhanden gekommen. Unser Inneres stellt sich als zerklüftetes Forschungsland für Psychologen, Hirnforscher, Biochemiker und Soziologen dar. Der moderne Mensch grübelt, was da in ihm arbeitet, fühlt, Gedanken entwickelt: Ist das Ich der Chef im Ring oder eine Marionette an Fäden?

Zu behaupten, das amerikanische Trickfilmstudio Pixar komme mit einer Antwort auf diese Frage daher, wäre die falsche Art Lob für dessen neuestes Meisterstück "Alles steht Kopf". Aber Pixars wagemutiges Kreativteam bietet pfiffige Trostbilder, die uns Erwachsenen die Angst vor dem Durcheinander im eigenen Ich nehmen können. Zugleich ist "Inside out", so der Originaltitel, ein quirliges Abenteuer mit knuffigen Figuren für die Kleinen, das lehrt, dass auch Trauer und Angst eine unverzichtbare Rolle im Leben spielen.

Kinostarts der Woche FOTO: Moviepilot

Die meiste Zeit über befinden wir uns hier nicht draußen in der Welt, sondern drinnen in einem Kopf, dem der elfjährigen Riley. Ein Kontrollzentrum mit ein paar Hebeln und Knöpfen wird von einem Team personifizierter Gefühle bedient, als da wären Freude, Traurigkeit, Angst, Zorn und Abscheu. Im Kurzdurchlauf sehen wir Rileys Kindheit, eine ziemlich glückliche, weshalb Freude so eine Art Mannschaftskapitän der Knopfbediener zu sein scheint.

So prima läuft alles, dass die Traurigkeit immer trauriger wird. Die pummelige blaue Figur mit dem erbarmenswert kummerschlaffen Gesicht gerät immer tiefer in die Sinnkrise. Sie ist eigentlich nur im Weg, der Gegenentwurf zu dem, was sein soll, zum Spaßhaben, zum Sammeln schöner Erinnerungen, die hier als Speichermurmeln in den Kopf rollen. Holt man eine aus dem Regal und legt sie in einen speziellen Projektor, wird die Erinnerung wie ein Film abgespielt.

Mit der Geborgenheit und Glücksgewissheit ist es aber vorbei, als Rileys Eltern mit ihr von Minnesota nach San Francisco umziehen. Bis dahin waren Erinnerungen einfach nur Rückversicherungen, dass gestern schon da war, was auch morgen noch auf sie wartet. Jeder Rückblick war zugleich eine Vorschau. Jetzt ändert sich das dramatisch. Gespeichertes ist nur noch im Gedächtnis vorhanden. Die vertrauten Orte? Unerreichbar. Alle guten Freunde? Zurückgelassen. Geliebte Spielzeuge? Weggegeben, um Platz zu sparen. Die Vorfreude auf das Kommende? Futsch. Alles, was neu ist, sehen wir als Folge schaler, fahler Zumutungen.

Drinnen im Kopf kullern nun Murmeln mit miesen Erinnerungen herein. Verwirrt von dieser Situation, macht das Emotionsteam Fehler. Unter Traurigkeits Händen färben sich alte Glücksmurmeln blau, fröhliche Erinnerungen werden zu erdrückenden. Es rüttelt und kracht, ein großer, destruktiver Umbau scheint zu beginnen. Beim Versuch, diese Katastrophe aufzuhalten, werden ausgerechnet Freude und Traurigkeit aus der Kommandozentrale ausgeschlossen, landen in ferneren Winkeln des Ichs und müssen mit ansehen, wie Rückkehrbrücken zusammenbrechen.

Für kleinere Kinder folgt nun das stets leicht fassliche Abenteuer, dass zwei ulkige Figuren einen Weg durch ein bizarres Wunderland suchen. Für Ältere wird eine Theorie entworfen, wie wir eigentlich ticken: Die Figuren kann man als Vertreter einer eher klassisch psychologischen, die Apparaturen um sie her als Statthalter einer eher biochemischen Innenweltvermessung sehen.

"Alles steht Kopf" ist kein deterministischer Film, der uns als Opfer unkontrollierbarer Kräfte zeigt, eher ein optimistischer, der ausmalt, dass wir darum kämpfen können, wer wir sein und werden möchten. Aber wie immer in den besten Pixar-Filmen, in "Findet Nemo" etwa oder "Wall-E", ist da der Abgrund spürbar, wird klar, dass alles auch mächtig schiefgehen könnte.

Quelle: RP
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