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"Die Gärtnerin von Versailles" im Kino
Kate Winslet hat den grünen Daumen

"Die Gärtnerin von Versailles": Kate Winslet hat einen grünen Daumen
FOTO: dpa, mbk
Düsseldorf. Das Historiendrama "Die Gärtnerin von Versailles" führt an den Hof des Sonnenkönigs. Regisseur Alan Rickman hat sich indes nicht entschieden, ob sein Filme Romanze sein soll, Gesellschaftsporträt oder Postkartensammlung. Von Philipp Holstein

Es ist nicht gut, wenn man beim Anblick des Hauptdarstellers immerzu denken muss: Der hat total schönes Haar, sollte sich aber dringend mal die Spitzen schneiden lassen. Während dieses Films kommen einem indes ständig solche Gedanken. Man möchte ganz viele Stellen mit der Schere bearbeiten, etwas wegnehmen und kürzen.

"Die Gärtnerin von Versailles" ist die zweite Regiearbeit des Schauspielers Alan Rickman. Man kennt den 69 Jahre alten Briten in der Rolle des Severus Snape aus den "Harry Potter"-Verfilmungen. Nun spielt er den Sonnenkönig Ludwig XIV., und der will sein Schloss in Versailles mit einer Parkanlage veredeln lassen, deren formale Gestaltung die absolutistische Ordnung spiegelt. Also engagiert er André Le Notre: Der vom bemerkenswert frisierten Matthias Schoenaerts gespielte Künstler konzipierte Ende des 17. Jahrhunderts den französischen Barockgarten und führte die europäische Gartenkunst in ihre Blütezeit.

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Bis hierher ist historisch alles verbürgt, erfunden hingegen ist die Figur der Sabine De Barra. Sie geht dem Garten-Architekten zur Hand, darf einen eigenen Bauabschnitt kontrollieren, wo eine Wasserfontäne samt Freilichtbühne entstehen soll. Erst mögen sich der Meister und die rotwangige Lady nicht, doch dann besucht er sie daheim, und er erkennt, wie ein Garten eben auch aussehen kann: verwunschen, verträumt, auf wunderbare Weise chaotisch. Das gefällt ihm.

Von nun an lässt sich Regisseur Rickman keine Gelegenheit entgehen, um auf den Gegensatz von Freigeistigkeit und Kontrolliertheit per Pflanzenmetaphorik hinzuweisen. Kate Winslet fällt als Sabine De Barra die Rolle der Avantgardistin mit dem grünen Daumen zu, und natürlich wird auch sie mit Blumenarten verglichen - mit einer Rose etwa: schön, aber Vorsicht vor den Dornen. Wenn die 39-Jährige auftritt, wird das Licht wärmer, sie bewegt sich zumeist im Halbdunkel, von verschmust flackerndem Kerzenschein illuminiert. Es wirkt alles ein bisschen wie Malen nach Zahlen.

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Der mit Lavendelduft parfümierte Film hat ein gebührliches und unaufgeregtes Tempo, und zu Beginn freut man sich noch, wenn die Kamera über die Hecken des irrgartenähnlichen Parks streift und die Schauspieler auf den Bänken überrascht. Beim x-ten Mal ist es dann nur noch Manieriertheit.

Rickman verliert seinen Film denn auch bald in den Gartenanlagen, und er findet ihn nicht wieder. Er mag sich nicht entscheiden, ob das nun eine Romanze sein soll, ein Gesellschaftsporträt oder eine Postkartensammlung. Und so dichtet er Sabine De Barra ein dunkles Geheimnis an, das er in Rückblenden preisgibt, erst allmählich und schließlich fast panisch, weil die Zeit wegrennt. Überhaupt ist Kate Winslets Figur der verwitweten Frau, die von jetzt auf gleich die Hofschranzen befriedet und den König um den Finger wickelt, völlig unplausibel: Woher kommt sie? Wie kann sie leben, wie sie lebt? Und dann will uns Rickman auch noch weismachen, sie sei in Leidenschaft für ihren Vorgesetzten entbrannt. Dabei stand der doch trotz aufwendigen Brokat-Ornats zumeist cordhosig in der Landschaft herum. Und auch Winslet ist hier trotz Rosen-Vergleichs eher Stiefmütterchen als Venusfliegenfalle.

Der Film bietet eigentlich viele Möglichkeiten. Rickman hätte die Philosophie des Gartenbaus ausbreiten können, den Wunsch, in der Bezähmung der Natur Vernunft zu symbolisieren, den Willen, sich die Natur zu unterwerfen. Aber Rickman beschränkt sich lieber auf die Ansicht wogender Busen, rauschender Röcke und zu stark gepuderter Männerhaut. Und auch Stanley Tucci, der Philippe d'Orléans, den Bruder des Sonnenkönigs, als bisexuellen Dandy anlegt, zeigt auf, was das für ein Film hätte werden können: Komödie mit abgespreiztem kleinen Finger, Satire, grelle Reflexion über den Absolutismus.

Rickman hat es indes lieber ernst und getragen. In einer Szene zieht sein Sonnenkönig die Perücke vom Kopf und verweilt mit geschlossenen Augen im Garten - er erholt sich vom Herrschen. Winslet, die ihn perückt schon gesehen hat, nun aber vorgibt, ihn nicht zu erkennen, spricht zu ihm wie zu einem Gleichrangigen und bietet in Erinnerung an Eva in Eden eine Birne an. Der König beißt gerne zu, aber er kokettiert nicht oder schäkert. Das Drehbuch liefert Verlautbarungen, Sätze auf Stelzen: "Was soll ich tun?" - "Ihr könntet Euch anpassen wie eine gut gezogene Pflanze." Da nützt der beste Dünger nichts.

So geht es beinahe zwei Stunden, und vielleicht war Alan Rickman als Regisseur am Set an einem gewissen Punkt so einsam, wie es der König an der Spitze des Staates ist: Irgendwann ist die Macht so groß, dass sich niemand mehr traut, die Wahrheit zu sagen, zu kritisieren und ihm im Schneideraum die Schere anzureichen.

Der einzige Spannungsbogen, der bis zum Schluss trägt, ist die Vorfreude auf das Teilstück im Park, an dem Winslet 117 Minuten gearbeitet hat und das ein "Fenster der Vollkommenheit" sein soll. Als es dann zu sehen ist, macht es einen sehr traurig: Bundesgartenschau 80er Jahre, Düsseldorf hinter der Philipshalle, reine Kulisse.

Insofern bleibt der Film sich immerhin treu.

Quelle: RP
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