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Biopic "Coco Chanel & Igor Stravinsky"
Pariser Dekadenz: Coco und Igor

Lagerfeld inszeniert die üppige Miss Dirty Martini
Lagerfeld inszeniert die üppige Miss Dirty Martini FOTO: Karl Lagerfeld/V-Magazin
(RP). Sie waren beide besessen von ihrer Kunst: die Modeschöpferin Coco Chanel und der Komponist Igor Strawinsky. Ein neuer Film handelt von der geheimen Affäre zwischen beiden. Ein perfekt ausgestattetes Art-Deco-Schaustück, das allerdings wenig zu erzählen hat. Von Peter Steinhart

Wie sich ein elegantes, zunächst weltläufig gelassenes Publikum auflöst in teils wütend abziehende, teils lauthals protestierende Gruppen, immer weiter aufgepeitscht von den stampfenden Rhythmen aus dem Orchestergraben und den tapfer weiterkämpfenden Tänzern auf der Bühne, bis Gendarmen hereinstürmen und wild gestikulierend wie die Keystone Cops den Tumult vollends in eine Slapstick-Burleske verwandeln; bis die attackierten Tänzer von der Bühne fliehen und die barbarisch wuchtige Musik verstummt: Das ist furios aus verschiedensten Blickwinkeln gefilmt und montiert. Diese Uraufführung des "Sacre du printemps" ("Die Frühlingsweihe – Bilder aus dem heidnischen Russland") führte 1913 in Paris zum größten Theaterskandal der Belle Epoque; zur schlimmsten Niederlage für Sergei Diaghilevs berühmte Tanzgruppe, die Ballets Russes, und ihren Komponisten Igor Strawinsky.

Die geheime Liebe von Coco und Igor

Dem heutigen Zuschauer kommen die wild flatternden Jugendstil-Kostüme der Tänzer befremdlicher vor als Strawinskys längst vertraute Musik. Doch die einst explosive Wirkung dieses "Frühlingsopfers" wird so grandios vergegenwärtigt, dass nur die bange Frage bleibt: Wie lässt sich eine Geschichte steigern, die mit einem Erdbeben beginnt? Erst einmal sorgen Archivaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg für eine Pause, ehe sich die beiden Hauptfiguren kennen lernen: Igor Strawinsky, der inzwischen verarmte russische Emigrant, und Coco Chanel, die sieben Jahre zuvor keineswegs schockiert, sondern eher amüsiert den Premieren-Skandal erlebt hat.

Eine historische Figur wie diese Modekönigin ist offenbar ein unwiderstehliches Sujet in der neuen Welle von Kostümfilmen. Erst im August 2009 kam Audrey Tautou als "Coco – Der Beginn einer Leidenschaft" in die Kinos, als junge Frau vor ihrem Aufstieg zum Ruhm. Diesmal wird Coco von einem ganz anderen Typ verkörpert: Anna Mouglalis ist eine pathetisch kühle Schönheit, seit 2002 ein Star-Model des Hauses Chanel und wie geschaffen für die Verkörperung der Gründerin dieses Unternehmens als eine Stil-Ikone im Paris der 1920er Jahre. Sie trägt Chanel-Originale (einmal auch ein von Karl Lagerfeld eigens entworfenes Abendkleid) und bewegt sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere – weniger mit dem Selbstbewusstsein einer emanzipierten Frau als vielmehr mit der Selbstherrlichkeit einer Diva. Sie lädt den Komponisten ein, aus seiner engen Wohnung in ihr palastartiges Landhaus zu ziehen – samt Ehefrau und Kindern, denn das wird sie nicht hindern, ihn zu ihrem Liebhaber zu machen.

Malerisch zerwühlte Bettlaken

Der Däne Mads Mikkelsen ist als Strawinsky dieser Coco an kühler Eleganz durchaus ebenbürtig. Beide zerwühlen in ihren Sexszenen die Bettlaken so malerisch, dass sie zu den streng schwarzweiß gestylten Interieurs der Villa passen. Dass Igor und Coco mehr darstellen sollen als bloße Accessoires im prächtigen Art Deco, wird nur durch die Besessenheit angedeutet, mit der sie arbeiten: Coco in ihrem Atelier, in dem sie alle Angestellten wie Sklavinnen behandelt, und Igor an seinem Klavier, das er nur verlässt, wenn er seiner bettlägerigen Frau neue Noten zur Ergänzung übergibt. Wenn ihn Coco am Klavier besucht, dann nicht aus Neugier auf seine Musik, sondern weil sie auch mal Sex auf der Klavierbank erleben will. Und wenn sie ihre Mode-Entwürfe als künstlerische Kreativität verteidigt, fertigt er sie als "Stoffhändlerin" ab.

Eine Affäre als Anekdote

Die Affäre zwischen Coco und Igor, so wird von vornherein nahegelegt, bleibt bloß eine Episode im Leben der beiden Berühmtheiten. Der Schriftsteller Chris Greenhalgh hat sie zu einem Roman ausgeschmückt. Dass der holländische Regisseur Jan Kounen daraus einen so aufwendigen Film machen konnte, ist erstaunlich. Zu erzählen gibt es ja wenig mehr als eine kleine Anekdote, angehängt an den Paukenschlag eines unvergesslichen Theaterskandals.

Doch diese Anekdote wird zum Anlass, einen raffinierten Bilderfluss dekadenter Eleganz auszubreiten. Die beiden Menschen mit den bekannten Namen sind nur weitere Beglaubigungen eines in Kostümen und Kulissen perfekt ausgestatteten, grandios gefilmten, effektvoll montierten Art-Deco-Schaustücks. Nächste Woche geht übrigens der neue Kostümfilm-Rausch weiter. Dann bekommen Coco und Igor Konkurrenz von "Young Victoria".

Bewertung: 2 von 5 Sternen

Quelle: RP
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