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Göttingen
Grass - der gelassene Greis

Günter Grass' Buch "Vonne Endlichkait" erscheint 4 Monate nach dem Tod
FOTO: dpa, spf jol wst jol
Göttingen. An diesem Buch hat der Literaturnobelpreisträger bis zu seinem letzten Tag gearbeitet. Gut vier Monate nach dem Tod des 87-Jährigen wird seine literarische Hinterlassenschaft Ende der Woche erscheinen. Von Lothar Schröder

In der Düsteren Straße zu Göttingen steht eins der ältesten Häuser Deutschlands. Von 1309 stammt das Bauwerk, und wer es betritt, zieht erst einmal unwillkürlich seinen Dez wegen des massiven Stahlgerüstes im Innern ein. Ein Korsett, ohne das das alte Haus nicht stehen könnte. Seit kurzem ist hier das Günter-Grass-Archiv untergebracht; jetzt soll hier auch das letzte Buch des vor gut vier Monaten gestorbenen Nobelpreisträgers präsentiert werden. Und dass es ausgerechnet "Vonne Endlichkait" heißt, verleiht dieser literarischen Geburtsstunde insgesamt eine morbide, fast schon makabre Perfektion. Günter Grass, der selbst gerne immer alles unter Kontrolle hatte und sogar bei der Papierwahl zu seinen Büchern gerne ein gewichtiges Wörtchen mitredete, hätte seinen Spaß am Gesamtkunstwerk dieses Tages gehabt.

Jetzt werden ihn nur die Leser haben. Denn obgleich der kaschubisch gefärbte Titel finstere Schicksalhaftigkeit androht, ist das Buch mit seinen vielen Prosaschnipseln - die in Gedichten gespiegelt und von Bleistiftzeichnungen weitererzählt werden - nie larmoyant. Grass beschreibt seine vor allem körperlichen Gebrechen mit einer gewissen Neugier, quasi als interessierter Beobachter seiner Selbst. So werden die Klagen mit feiner Ironie etwas milder gestimmt wie in "Selbstbildnis", ein Gedicht voll fröhlicher Schonungslosigkeit. Der "Mümmelgreis" ist zum "Gaumenkauer" geworden, dem nur noch löffelweise Brei bekömmlich wäre, "lägen nicht im Wasserglas / nachts und reinlich dritte Zähne". Und daneben kommentiert die schauerliche Zeichnung des Einzahnigen das Bedichtete. Es folgen Fallobst, Pilze, Herbst und Vogelnester - allerlei klassische Grass-Motive, die wieder einmal neu bedacht werden.

Diese absichtslosen, heiter-melancholischen Seiten sind vergnüglich zu lesen. Doch wenn die Gelassenheit den Dichter verlässt und der Furor der Weltverbesserung von ihm Besitz ergreift, wird es wieder arg. Auf das Gedicht "Mutti" (gemeint ist die Kanzlerin) hätte man ohne Verlust ebenso verzichten können wie auf "Mir fehlts an Kraft", eine hilflose Erwiderung auf die Kommentare zu seinem Israel-kritischen Gedicht. Besonders die Polemik von Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff hat ihm zugesetzt, und so antwortet er gekränkt und verletzt mit ein paar Furz-Versuchen.

Wie leicht dagegen sind ihm die Rückblicke geraten, für ein paar Seiten auch solche nach Düsseldorf. Die Kunstakademie-Jahre mit Jupp Beuys auf Jesuslatschen. Und wie kürzlich von ihm unter einer Düsseldorfer Kellertreppe noch ein Packen alter Zeichnungen aus dieser Zeit gefunden wurde. "Muffig riechendes Altpapier." "Die sollen von mir sein?", fragt der Greis. "Wie fremd die Blätter waren." Lässt sich dezenter und feinsinniger vom Alter erzählen?

Mit 50 000 Büchern will der Verlag mit dem neuen und letzten Grass ins Rennen gehen, etliche Lizenzen fürs Ausland seien auch schon verkauft, heißt es. Und weil Gerhard Steidl ein guter Verleger ist, vertritt er nicht nur die lohnenswerte These, dass jedes neue Buch immer das allerbeste ist. Er nutzt auch die Gunst der Stunde zur literarischen Kaffeesatz-Lesereise: dass nämlich "Vonne Endlichkait" zwar das letzte von Grass eigenhändig abgeschlossene Buch sei, aber nicht unbedingt das letzte von ihm sein muss.

Das weckt natürlich alle Neugier dieser Welt. Nein, nein, sagt darauf Steidl, Geheimkisten gäbe es wohl nicht, dafür aber noch Briefwechsel, Tagebücher und diverse Überbleibsel am Rande eines langen Schriftsteller-Weges.

Dieser Weg ist in "Vonne Endlichkait" auf seine Zielgerade gekommen. Es ist rührend, zu lesen, wie viel Kraft zum Schluss ihm die plötzlich wieder erwachte Lust am Schreiben und Zeichnen schenkt. Wovon gestern auch sein Lektor Dieter Stolz zu erzählen wusste. Wie Günther Grass ihm zaghaft fast verschämt von der Idee zu einem neuen Buch berichtete.

Das bedeutete viel mehr als nur die Produktion eines literarischen Textes. Weil Schreiben für ihn stets Handwerk und eine komplexe Arbeit gewesen ist. Die ersten handschriftlichen Fassungen, die dann auf der alten und legendären Olivetti-Schreibmaschine von ihm abgetippt wurden. Auf den Typoskriptseiten folgten weitere Korrekturen, und zwischendurch wurde der Rhythmus des Geschriebenen mit lautem Vorlesen erprobt und überprüft. Ein langer Weg wird so zurückgelegt, der in der aktuellen Grass-Ausstellung Blatt für Blatt respekteinflößend dokumentiert wird. Am Ende stand dann das Diktat vom Blatt - der letzte Schritt vor dem Übertritt in die Öffentlichkeit. Und für den bedurfte es naturgemäß einer Vertrauensperson. Das war seine langjährige Sekretärin Hilke Ohsoling.

Schreiben und Zeichnen haben Grass immer belebt. Und diverse Texte im neuen Buch geben davon beredt Auskunft. Wie das Gedicht vom langen Strich, dem kein Ziel gesetzt ist, "dessen Atem nur sich meint, der nie ermüdet, solange die Tinte fließt". Der Traum jedes Schöpfers: der Traum von einer kleinen Unsterblichkeit. Und so versucht auch Grass, Gevatter Tod ein Schnippchen zu schlagen. Einfach nur keck ist dann sein Totengedicht "Weg ist er weg": Im Kleiderschrank aus aschgrauer Zeit behängt er jeden Bügel mit Klamotten toter Freunde. "Ein Bügel bleibt leer, vermutlich für mich", heißt es. Und was macht der Auserkorene? Verschließt den Schrank und verschluckt den Schlüssel.

Das uralte Haus in der Düsteren Straße von Göttingen sollte eigentlich einer großen Grass-Bibliothek Herberge sein. Ein altes Haus voller alter Bücher. Doch dazu, so befanden die Bauleute, sei es viel zu schwach. Also ist es leer geblieben, gestützt allein vom mächtigen Stahlgerüst. Auch dies eine Art Endlichkeit, als sei selbst dieses Haus von 1309 ein Werk von Grass.

Quelle: RP
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