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Herta Müller
"Verzweiflung und Flucht gehören zusammen"

Herta Müller: Verzweiflung und Flucht gehören zusammen
Die deutsch-rumänische Schriftstellerin Herta Müller (62) wurde vom Geheimdienst Securitate verfolgt und mit dem Tod bedroht. FOTO: dpa
Berlin. Die Literaturnobelpreisträgerin über den verbohrten Ethnozentrismus in Europa und scheinbar unschuldige Heimatgefühle. Von Lothar Schröder

Die Schriftstellerin Herta Müller (62) hat erfahren müssen, im eigenen Land verfolgt und vom Geheimdienst bedroht zu werden. Im rumänischen Banat wuchs sie auf und wurde als Autorin von der Securitate überwacht und nach eigenen Worten mit dem Tode bedroht. 1987 reiste Müller in die Bundesrepublik. Beim Düsseldorfer Poesiefest wird Müller, die 2009 den Nobelpreis für Literatur bekam, am Sonntag, 6. September, zu erleben sein.

Wie politisch kann Poesie sein, und wann droht sie, Propaganda zu werden droht?

Müller Was ich als "politisch" in einem Text lese, ist nicht eins zu eins politisch identifizierbar. Was mir als politisch erscheint, entsteht durch Suggestion, die der Text bei mir hervorruft. Und das hat mit dem zu tun, was ich erlebt habe. Also könnte man sagen, dass der Text mich liest, dass er mein Leben interpretiert, auf sich zuschneidet. In überwachten Gesellschaften, wo das direkte Reden oder Schreiben verboten ist, sind Suggestionen natürlich sehr intensiv, nahezu grenzenlos. Also gibt es keine imaginäre Grenze für das politische Wirken eines Textes. Was einen Text verdirbt, seine politische Wirkung unmöglich macht, ist eine plumpe Begriffssprache, die aus der Propaganda kommt, selbst wenn sie mit umgekehrten Vorzeichen geschrieben ist und subversiv sein will, mit dem Zaunpfahl winkt. Nur literarisch gute Texte, glaube ich, können auf Umwegen politisch wirken.

Die Werke der Herta Müller FOTO: AP

Ist Poesie nicht immer auch ein subversiver Akt? Immerhin transportiert sie Botschaften, die oft nur schwer zu benennen sind.

Müller Lesen ist immer ein individueller Akt. Und es geht nicht um Botschaften. Kunst muss viel mehr beinhalten als Botschaften.

In dem Band "Mein Vaterland war ein Apfelkern" erzählen Sie von Reimen, die Ihnen manchmal auf dem Weg zum Verhör beim rumänischen Geheimdienst in den Sinn kamen und Sie dabei feststellten, dass die Verse, je surrealer sie waren, der Realität am nächsten kamen.

Müller Es geht in der Literatur nicht um Abbilden, sondern darum, dass man von einem Gedicht ganz in Besitz genommen wird. Gerade weil es kurz ist, oft auch einen Reim hat, einen Rhythmus, eine Musikalität geht es in den Körper über; und so kann man Gedichte im Kopf tragen als intimes privates Eigentum. Das kann man nicht mit dokumentarischen Texten vergleichen. Dokumentarische Texte können andere Dinge leisten, es müssen ja auch Dinge eins zu eins erklärt werden. Aber das Surreale, weil es offen ist, lässt alle möglichen Suggestionen zu.

Hat die Lyrik oder das literarische Wort Ihnen in Zeiten der Verfolgung irgendwie helfen können?

Müller Von außen hat Lyrik nichts verändert. Aber innen hat sie mir Halt gegeben und das war eine große Hilfe, auf die ich angewiesen war. Und diese Hilfe war zuverlässig und hat mich nicht getäuscht, hat nichts beschönigt und mich dennoch - ich möchte fast sagen - behütet.

Sie haben 1987 Situationen erleben müssen - auch mit den deprimierenden Erfahrungen im sogenannten Auffanglager -, die viele Menschen derzeit in Europa erleiden und und manchmal eben nicht ertragen. Bei aller Unterschiedlichkeit der Schicksale und Leidenswege, wie stark kehren die Erinnerungen aus dieser Zeit wieder zu Ihnen zurück?

Müller Diese Erinnerungen waren nie weg. Als ich hier angekommen war, fühlte ich mich gerettet, auch wenn der rumänische Geheimdienst noch in Deutschland hinter mir her war. Aber Krieg ist eine andere Realität als politische Verfolgung. Mit politischer Verfolgung rechnet man, wenn man in einer Diktatur bestimmte Dinge tut, sich nicht anpasst. Aber Krieg hat jeden im Visier. In vielen Ländern geht es um Krieg und Diktatur und Elend wie in Eritrea. Es gibt kein universales Rezept, welches das Fliehen verhindern könnte.

Gibt es Gründe dafür, warum Europa angesichts der vielen Flüchtlinge nach wie vor ratlos und vielerorts auch hilflos erscheint?

Müller Jeder denkt nur national, auch in Brüssel. Die Länder Osteuropas, einschließlich der DDR, sind Länder, aus denen jahrzehntelang Menschen geflohen sind und an deren Grenzen tausende ihr Leben ließen. Und wenn noch so viele starben und auch wenn man das wusste, wurde die Anzahl der Fliehenden nie weniger. Aber heute tun diese Länder so, als hätten sie mit Flucht noch nie etwas zu tun gehabt. Dass sie Glück hatten und heute niemand mehr fliehen muss, sondern jeder mit dem europäischen Pass reisen kann, nehmen sie als selbstverständlich. Dass Verzweiflung und Flucht zusammengehören, haben sie vergessen. Gerade daran sieht man, wie nationalistisch der Kommunismus war. Durch die Abschottung hat er ein gespenstisches negatives "Nationalgefühl" produziert, einen aggressiven Heimatbesitz, der sich sogar subversiv fühlen konnte im Vergleich zur Parteiideologie. Man hatte ja sonst nichts. Der Kommunismus ist jetzt weg, und geblieben ist dieser verbohrte Ethnozentrismus und eine provinzielle Überheblichkeit, die an Rassismus grenzt. Und diese Eigenschaften verkauft man uns heute als normale Angst des anständigen, gesunden Empfindens, als unschuldiges Heimatgefühl.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE LOTHAT SCHRÖDER.

Quelle: RP
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