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"Ich lasse mir mein Deutschsein nicht nehmen"

LEIPZIG Sie ist Kurdin, sie ist Jesidin, sie ist Deutsche. Und in diesen Tagen scheint die 37-jährige Publizistin zu den engagiertesten Verteidigern deutscher Grundrechte zu gehören. "Deutschland ist bedroht" heißt ihr Buch. Düzen Tekkal reiste 2014 in den Nordirak, sah die unglaublichen Verbrechen des "Islamischen Staates". Auch das hat sie bewogen, Klartext gegen jede Form von Extremismus zu reden. Von Lothar Schröder

Wie würden Sie unsere Zeit mit den aktuellen Problemen beschreiben?

Tekkal Deutschland wackelt, weil Europa wackelt und die Welt wackelt. Diese Wahrnehmung fängt mit dem Gefühl an, dass sich irgendetwas verändert. Und dann findet man diffuse Unsicherheiten auch in der Gesellschaft wieder. Unsere Stimmung schwankt zwischen Haltung, Mut und Angst.

Ist man in Deutschland zunehmend gefordert, über das eigene Land und die eigene Identität nachzudenken?

Tekkal Für Deutschland ist genau deshalb diese Zeit enorm wichtig, weil Deutschland seine Werte definieren muss. Ich will darauf jesidisch antworten: In dem Moment, in dem die Religion deiner Eltern vernichtet werden soll, setzt du dich mit deiner Herkunft ganz anders auseinander. In dem Moment, in dem in Deutschland Werte bedroht sind, passiert etwas, wie wir es bei jüngsten Landtagswahlen gesehen haben. Da ist es den Volksparteien nämlich nicht gelungen, die Sorgen der Bürger ernstzunehmen. Mein Appell ist darum, dass wir uns diese Themen wieder zurückholen; die gehören uns. Wir brauchen keine düstere Zustandsbeschreibung, die uns die AfD liefert. Wir wissen, was Sache ist, wir kennen die Probleme. Darum war und ist es so gefährlich, die Probleme nicht zu benennen; all diese falschen Tabus.

An welche denken Sie?

Tekkal Zum Beispiel, dass man die Täter von der Kölner Silvesternacht tagelang nicht benennt, weil man Angst hat, dass gleich sämtliche Flüchtlinge stigmatisiert werden. Es geht aber auch um Ängste, dass dieses Land von Flüchtlingen verändert wird. Solche Debatten müssen wir zulassen. Es geht nicht um Deutsche gegen Migranten, sondern um Demokraten gegen Anti-Demokraten. Diese Krise müssen wir als Chance nutzen, um definieren zu können, wo wir stehen. Manchmal habe ich schon den Eindruck, dass wir uns für die Demokratie mehr verteidigen müssen als die anderen für ihre Integrationsunfähigkeit. Für mich gilt: Die ersten 19 Artikel des Grundgesetzes sind für mich das beste Integrationsgesetz der Welt. Wir müssen die Leute schützen, die diese Werte verteidigen.

Sie selbst bekommen Morddrohungen. Schüchtert Sie das nicht ein?

Tekkal Ich muss natürlich achtsam sein. Aber Angst hat mich nie daran gehindert, das Richtige zu tun. Dazu gehört auch meine Reise in das Gebiet des Islamischen Staates. Ich bin da hingefahren, weil ich der Stimme meiner Landsleute gefolgt bin. Ich musste entscheiden: hinschauen oder wegschauen. Dort habe ich gesehen, was der Krieg anrichtet. Und wenn du dann in dein sicheres Deutschland zurückkehrst und feststellen musst, dass es so sicher hier auch nicht mehr ist, dann hat man sich der Angst ergeben. Ich habe gelernt, dass wir wieder stärker für unsere Demokratie kämpfen müssen.

Was haben Sie im Nordirak erlebt?

Tekkal Die Hilflosigkeit von unschuldigen Menschen, von Kindern und Frauen und einst stolzen Männern, die wie Kinder geweint haben. Ich denke auch an eine Frau, die mir erzählte, dass ihr Mann geköpft wurde, ihr Kind als Kindersoldat missbraucht und ihre Tochter versklavt wurde. Und immer wieder die Angst von Menschen, die schon alles verloren hatten; die aber immer noch Angst davor hatten zu erzählen, was ihnen passiert ist. So dürfen wir nie enden.

Sie sagen auch: Krieg macht ehrlich. Heißt das für Deutschland, dass man auch über ein resoluteres Auftreten des Rechtsstaates nachdenken muss?

Tekkal Der Rechtsstaat muss vor allem ein konsequentes, wehrhafteres Gesicht zeigen. Es reicht nicht immer, nur darüber zu diskutieren. Was Deutschland mit seiner Willkommenskultur geleistet hat, ist um die Welt gegangen. Was wir aber jetzt brauchen, ist eine Ankommenskultur - mit Rechten und mit Pflichten. Wir brauchen aus vielen Gründen ein Einwanderungsgesetz, um den Menschen, die zu uns kommen, in einem bewussten Akt klarzumachen, dass sie ein Teil Deutschlands sind und dafür auch etwas verinnerlichen müssen. Da reicht es eben nicht, bloß zu sagen: Ich erkenne die Werte an. In dem Moment, wo ich sage, ich bin Deutsche, nehme ich auch die deutsche Geschichte an. Und dann bin auch dafür verantwortlich, dass so etwas wie der Holocaust nie mehr passiert.

Das ist ein großer Anspruch.

Tekkal Wenn ich in die Schulen gehe, treffe ich auf viele junge Migranten, die in einem Vakuum leben. Wir predigen ihnen, dass sie kritik- und demokratiefähig werden müssen; und zuhause erleben sie genau das Gegenteil. Da müssen sie sich nämlich unterwerfen. Und dann kommen sie raus und sollen locker sein. Die, die besonders konservativ sind, haben dann sogar das Gefühl, dass sie sich versündigen, wenn sie demokratiefähig sind. Da müssen wir viel ehrlicher werden.

Kommt Ihnen in diesem Prozess als eine Frau mit Migrationshintergrund eine besondere Rolle zu?

Tekkal Das stimmt, aber das ist nicht einfach, weil ich es mir damit praktisch mit allen verscherze. Ich möchte, dass deutsch, kurdisch, jesidisch so selbstverständlich wird wie deutsch, bayerisch, katholisch. Ich lasse mir mein Deutschsein jedenfalls nicht wegnehmen. Zudem fehlt vielen jungen Migranten eine helfende Hand. Die fühlen sich nicht abgeholt, weil wir sie im Übrigen auch gar nicht abgeholt haben.

Ist das jetzt Ihr Lebensthema?

Tekkal Mein Leben war noch nie so intensiv, sinnstiftend und gefährlich wie heute. Damit alles so bleibt, wie es ist, müssen wir etwas verändern in unserem Land. Darum geht es doch: dass wir weiter frei sein dürfen und alles machen dürfen, worauf wir Lust haben, und sagen und schreiben können, was wir wollen. Das heißt politisch: Wir brauchen ein Integrationsministerium.

Die 37-jährige Jesidin Düzen Tekkal fordert, dass Deutschland wieder stärker seine Werte verteidigt - und ohne Tabus auch die Probleme mit Flüchtlingen benennt.

Quelle: RP
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