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Musik
Konzertpianist - zwischen Muße und Maloche

Musik: Konzertpianist - zwischen Muße und Maloche
Lernen sogar in der Wanne: "Das Wohltemperierte Klavier" aus den "Fotografien kleiner Welten" von Frank Kunert, die es auch als Postkarte gibt. FOTO: Frank Kunert
New York. Sie üben bis zum Umfallen, um abends im Konzert ihre öffentliche Schutzlosigkeit zu erleben. Mancher knickt ein, wie jetzt Lang Lang. Von Wolfram Goertz

Der Patient ist 35 Jahre alt und hat eine grandiose Zukunft vor sich. Doch jetzt muss er pausieren, wegen einer Armverletzung, so heißt es. Er habe zu viel Klavier geübt, immer dieselben Stellen, bis er sie im Kopf und in den Fingern hatte. Es sei ein Stück von Maurice Ravel gewesen. Als lache er darüber, spielte der Versehrte einige Tage später bei einem Konzert nur als Linkshänder mit. Haha, bald bin ich wieder da!, schien er zu rufen.

Momente, dass es zwickt, kennt jeder Musiker. Wenn der Patient indes Lang Lang heißt und sich gleich für sechs Monate vom Musikbetrieb abmeldet, muss man sich Sorgen machen. Der Chinese gilt als Beißer, als maximal disziplinierter Triathlet am Klavier, der sehr schnell und sehr ausdauernd fehlerfrei spielen kann. Und selbst wenn ihm, dieser epochalen Begabung, vieles einfach zufliegt, so verbringt er täglich - wie viele andere Pianisten auch - Stunden der Einsamkeit vor dem Steinway, um sie abends gegen die Einsamkeit im Konzertsaal einzutauschen. Dann wird die Philharmonie zum Kolosseum, und das Publikum besteht aus erwartungsfroh gewogenen Zuschauern - und aus Löwen, die ihre Noten mitbringen, um dem Pianisten bis in die Untiefen seiner Menschlichkeit zu folgen. Kaum ein Pianist bekommt ein gänzlich makelloses Konzert hin; die Frage ist, wie viele hörbare Patzer er sich leistet.

Solche Abende gibt es tatsächlich, dass ein Pianist völlig von der Spule ist und so oft danebengreift, dass er eigentlich alles auf null stellen und von vorne anfangen müsste. Der große Artur Rubinstein hat das mal erlebt, doch dieser Soloklavierabend wurde nach seinem zweiten Beginn eine Offenbarung, weil der polnische Titan sich von seiner menschlichsten Seite gezeigt hatte: seiner Fehlbarkeit. Hinterher soll Rubinsteins Frack völlig durchgeschwitzt gewesen sein, doch das Auditorium war enthusiasmiert. Es hatte den Helden stürzen, am Boden liegen und glorreich wieder aufstehen sehen. Sogar der Künstler Rubinstein soll glücklich gewesen sein, weil ihn eine unbekannte Woge der Sympathie trug, in die sich Mitgefühl und Trost mischten.

Das muss man ja auch aushalten können: so ganz ohne Schutz, ohne doppelten Boden, ohne Sprungtuch in die Manege zu treten und Teufelszeug zwischen Chopin, Liszt und Skrjabin zu absolvieren. Dabei sind Schubert und Mozart intellektuell deutlich schwieriger, zumal ein seriöser Pianist weniger gnädigen Hall mit dem Pedal in den Klang pumpen kann und weiteste Bögen mit Musik gestalten muss. Und der Kopfsatz in Ludwig van Beethovens "Waldsteinsonate" ist doch eine andere Hausnummer als die Terzen-Etüde Frédéric Chopins, so eklig sie auch in der Hand liegt.

Der Großpianist trainiert sich für alle diese Fälle eine Rüstung an: Er übt so lange, bis er schier automatisierte Prozesse abliefern kann. Es gibt Klaviergiganten wie den abgebrühten Kanadier Marc-André Hamelin, der sich gleichsam beim Spielen von außen zuschauen könnte, wie er unfassbar schweres Zeug von Sorabji oder Alkan aus dem Flügel schaufelt. Solche Trittsicherheit auf 88 Tasten ist gewiss eine oberste Kategorie; trotzdem gibt es Pianisten, die keine Schwierigkeit fürchten müssen und dennoch hadern. Das Adrenalin eines Klavierabends, das ihren Körper flutet, ist für sie eine verhasste, keine begehrte Droge. Sie haben das Selbstbewusstsein eines Ritters, bekommen aber vor Aufregung immer Aquaplaning auf den Tasten. Vor allem, wenn sie zum Typ Alfred Brendel zählen, der sich das Leben stets besonders schwer machte; für Brendel war jedes Konzert ein Akt der Überempfindlichkeit, eine Zeremonie öffentlicher Skrupel und Schmerzen.

Gegen solche Verwerfungen wappneten sich andere Meister mit dem Vorsatz, einen Klavierabend als lustvolle Messe zu zelebrieren, mit dem Pianisten als Anti-Priester in der Mitte. Wohin das führen konnte, zeigte über Jahre der große Friedrich Gulda, der so leger auftrat, als komme er aus seinem Garten, wo er einen Rhododendron ausgegraben hatte. An manchem Abend ließ er die Garderobe auch ganz weg und ließ sich als Adam Gulda feiern; dann spielte er aber nur Jazz.

Auf der anderen Seite der Kommunikation stand und steht die Verweigerung, die Abkehr von der Öffentlichkeit. Glenn Gould zum Beispiel nahm 1964 von einem auf den anderen Tag nur noch Platten auf und gab kein Konzert mehr. Offiziell begründete er es mit seiner Abneigung, dem Publikum weiter Abend für Abend Zucker zu geben. Inoffiziell spricht man bei ihm von dem schlimmsten Musikerleiden: der fokalen Dystonie, einer neurologischen Erkrankung, die dem Lid- oder Schreibkrampf ähnelt. Der Pianist Leon Fleisher ging mit diesen absurden Symptomen, dass ihm einige Finger nicht mehr gehorchten, zu tausend Therapeuten, bis ein Neurologe jene Diagnose der Dystonie stellte. Fleisher hatte Extremstellen eines Stücks so oft geübt, dass sich die für Motorik zuständige Spezialregion seines Gehirns veränderte - mit der Folge, dass sich ein Finger seiner rechten Hand unwillkürlich beugte, sobald der Nachbarfinger die Taste anschlug.

Fleisher bekommt seitdem das Nervengift Botox gespritzt. Spielen kann er wieder, doch auf reduziertem Niveau. Zum Artisten reicht es nicht mehr. Im Nachhinein weiß er: Er hat zu viel geübt. Wir hoffen inständig, dass Lang Lang wirklich nur eine Armverletzung hat. Und vorbeugend trotzdem weniger übt.

Quelle: RP
 
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