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„Kulturstadt“ Aachen
Sandkastenspiele im Schatten des Doms

„Kulturstadt“ Aachen: Sandkastenspiele im Schatten des Doms
Archimedischer Sandkasten auf dem historischen Katschhof. FOTO: Stefan Herr mann/Bosetti
Aachen. In Aachen gibt es auch jenseits der Klassiker Rathaus und Dom viel zu entdecken. Das Internationale Zeitungsmuseum etwa ist einmalig. Von Annette Bosetti

Fragt man einen der 50.000 Studenten, die in Aachen leben, ob sie Karl den Großen oder Peter Ludwig wichtiger für die Stadt finden, werden sie vermutlich mit den Schultern zucken. Der international gerühmte rheinländische Kunstsammler ist bei vielen, 21 Jahre nach seinem Tod, in Vergessenheit geraten. Man muss schon das nach ihm benannte Ludwig-Forum besuchen, um anhand der ausgestellten Kunst zu ermessen, was Ludwig für die zeitgenössische Kunst regional und international geleistet hat.

Überdeutlich präsent an vielen Orten der Innenstadt ist hingegen der legendäre Frankenkaiser, der einen seiner Hauptwohnsitze - damals hieß das Pfalz - in Aachen unterhielt. Doch die meisten jungen Leute interessieren sich nicht mehr für das, was einmal war. Man kann heute ungeniert in einer historisch bedeutsamen Stadt leben und die Geschichte dabei nur als eine angenehme Kulisse genießen.

So unbefangen halten es auch die Kinder, die in diesem Sommer für ihren "Archimedischen Sandkasten" den schönsten Platz zugewiesen bekamen, den man sich nur vorstellen kann. Beim Buddeln haben sie zu einer Seite das Aachener Rathaus im Blick, das auf den Grundmauern der karolingischen Königshalle ruht. Im Rücken den Dom - und zwar die Schokoladenseite der Marienkirche, die Kaiser Karl um 800 errichten ließ. Wo heute von früh bis zum Sonnenuntergang gespielt werden kann (nur noch bis 20. August), stand im Mittelalter der Schandpfahl, "Kaak" oder "Kaks" genannt - daraus leitet sich der Name Katschhof für den geräumigen Platz im Herzen der Altstadt ab.

Kunst, Kulturtugenden und wissenschaftliche Erkenntnis

Bis in die 1970er Jahre war der Katschof nur ein Parkplatz in Eins-a-Lage. Märkten und Konzerten verleiht der Platz heute seine einmalige Atmosphäre. Alle sieben Jahre, wenn die Heiligtümer von Aachen hoch oben auf dem Domdurchgang gezeigt werden, beten Zigtausende Menschen aus aller Welt gemeinsam auf diesem schönen Areal.

Nun findet etwas derartig Elektrisierendes derzeit nicht statt - auf jeden Fall aber ist er einen Abstecher in den Westzipfel von NRW wert, dieser Sandkasten, den bei schönem Wetter an die 100 Buggys umsäumen. Das kindliche Spiel in den rund 140 allmorgendlich frisch gerechten Tonnen Sand ist wissenschaftlich untermauert, eine Aktion des "Future Lab", das die Jüngsten für Wissenschaft einnehmen und neugierig auf den Mathematiker Archimedes machen soll. "Die Kinder lernen, dass eine fantasievoll gestaltete Riesenraupe aus Holzlatten erst einmal solide geplant und konstruiert werden will", sagt Aachens Marketingfachfrau Jutta Göricke. "Und am Ende auch sicher montiert sein muss."

Kunst, Kulturtugenden und wissenschaftliche Erkenntnis gehen in der alten Kaiserstadt Hand in Hand. Aachen ist mit seiner Exzellenz-Uni Wissenschaftsstandort erster Güte. Das hat schon Karl der Große gewissermaßen eingetütet. Er gilt nicht nur als Wegbereiter Europas, sondern auch als großer Beförderer der Bildung für Menschen. Vom Hofe des Frankenkaisers ging neben politischer auch eine intellektuelle und spirituelle Macht aus, die uns heute noch hilft, die Welt zu ordnen und zu verstehen. Forscher sprechen von der Aachener Gelehrsamkeit, von einer Wissenskultur in Bezug auf den Kalender, auf die astronomischen und mathematischen Erkenntnisse. Karl war auch Verfasser des "Capitulare de Villis", einer Landgüterverordnung, in der Vorschriften zur Musterwirtschaft in Haus und Hof aufgeschrieben wurden. Ein kleiner Kräutergarten, nach seinen Regeln angelegt, befindet sich hinter dem Rathaus. Der größere, von Biologen sachkundig entwickelte Karlsgarten ist einen Abstecher wert.

Tipp: Hohe Absätze zuhause lassen

Wer sich nach Aachen aufmacht, sollte neben dem obligatorischen Dom-Besuch mal neue Wege gehen. Noch nicht allzu lange gibt es das Centre Charlemagne, ein modernes, medial sehr benutzerfreundlich aufbereitetes Stadtmuseum. Direkt am Katschhof gelegen, ist es Ausgangspunkt für die Route Charlemagne, die über die Stationen Dom und Rathaus etwa zum Elisenbrunnen führt. Dort blühte zu Kaisers Zeiten das Kurwesen wegen der von Kaiser Karl schon so geliebten heißen Quellen. Vom Wasser kann man kostenlos kosten. Wer sich im Couven-Museum, das einem Puppenhaus gleicht, anschauen will, wie Bürger früher wohnten, oder wer im weltweit einzigen Zeitungsmuseum in der Pontstraße eine Zeitung seines Geburtstages finden will, hat es nicht weit vom Zentrum, meist nur ein paar Minuten Weg.

Kleiner Tipp am Rande: Wegen des Aachener Pflasters empfiehlt es sich nicht, mit hohen Absätzen anzureisen. Sonst geht es den Damen so wie der Gattin von Karlspreisträger Wim Duisenberg. Gretta Duisenberg konnte in ihren Pumps 2002, als mit dem damaligen EZB-Präsidenten der Euro ausgezeichnet wurde, die Balance nicht halten auf dem Weg über den Marktplatz. Daraufhin hatte sie die Schuhe ausgezogen, in die Hand genommen und war einfach barfuß weitergelaufen.

Aachen ist berühmt für seine Gastlichkeit, neben der Kneipendichte gibt es auch eine Café-Kultur mit allerköstlichsten Baumkuchen, dem lauwarm servierten Reisfladen und Printen jeder Couleur. Wer sich auf der Route Charlemagne bewegt, sieht sich den schlimmsten Verführungen ausgesetzt. Nummer eins in der Innenstadt ist die Pontstraße, eine enge Straße, die vom Markt zum Ponttor führt. Da kann man mit dem Frühstück beginnen, den ganzen Tag weiterfuttern und tief in der Nacht im Studentenviertel mit den Schönen der Nacht abfeiern.

Wer einmal dort angekommen ist, sollte noch den Aufstieg zum Lousberg wagen, einem der ältesten Zeugnisse europäischer Gartenkultur. Als Erstes begegnet man Teufel und Marktweib - die Skulptur ist beredtes Zeugnis der List, mit welcher Luzifer den Aachener Bürgern aufsaß. Das Denkmal ist nur eines von vielen, die mit den verspielten Brunnen das Stadtbild abrunden. Ein bisschen Kunst ist überall.

Quelle: RP
 
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