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"The Wall" in Düsseldorf: Sound-Zeitreise mit Roger Waters

VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 19.06.2011 - 19:35

Düsseldorf (RP). Der Gründer, Bassist und Texter der legendären Band Pink Floyd führte in Düsseldorf die Rock-Oper „The Wall“ aus dem Jahr 1979 auf. 35.000 Zuschauer erlebten in der Esprit Arena eine gigantische Hightech-Show mit nostalgischen Überwältigungseffekten.

Roger Waters steht mit einer akustischen Gitarre vor der verdammten Mauer, die sie Stein um Stein in den Himmel der Halle schichten, und es wird der anrührendste Moment des Abends. Der gut gealterte Mann mit dem grauen Haar singt „Mother“. Adoleszenz-Hymne, Eltern dagegen, Jugend einsam, und was einen hier anfasst und seufzen und an die Macht des Rock ‘n’ Roll glauben lässt, ist die Video-Projektion, die sie über die 73 Meter breite Mauer schicken: Roger Waters 1980, live im Earls Court in London.

Zeitreisende im Sound

Der 36-Jährige singt ebenfalls „Mother“, er singt es hier und jetzt mit seinem um 30 Jahre gealterten Ich im Duett. Sie reichen sich über drei Jahrzehnte hinweg die Hände, Hey You, sie besiegen die Vergänglichkeit, und auf der Mauer erscheint die überlebensgroße Figur der von Gerald Scarfe gestalteten Mutter: „You’ll always be a baby to me“. Ein Augenblick Ewigkeit.

Roger Waters führt die Rock-Oper „The Wall“ auf, die er 1979 mit seiner Band Pink Floyd veröffentlichte. Es geht um den Rockstar Pink, der die Eltern und die Lehrer hasst und sich vor der Welt ekelt, und allmählich wächst die Mauer zwischen Pink und den anderen. Angst, Wirrnis, Isolation, ausgedacht hat es sich Waters weitgehend alleine, und in seinem Kopf schien in jenen Jahren offenbar selten die Sonne. 25 Millionen Mal verkaufte sich das düstere Doppelalbum, und wer damals jung war, hörte die Lieder beinahe täglich – und die meisten der 35.000 in der Düsseldorfer Arena waren damals jung. Der durchschnittliche Besucher ist männlich und über 50, auf den Armen Gänsehaut, die Nackenhaare aufgestellt: Zeitreisende im Sound.

Ein Total-Spektakel

Waters, der unnahbare Gigant, das gebrochene Genie, der megalomane Egozentriker, tut von Beginn an alles, um die Getreuen zu überwältigen. Er ließ die elf Meter hohe Mauer quer in die Arena bauen, mit Graffiti im Stile des Künstlers Banksy verzieren, und gleich zu Beginn sorgt ein ins Publikum gerichteter Suchscheinwerfer für die bedrohliche Atmosphäre, die einen zweieinhalb Stunden lang kaum zur Ruhe kommen lässt. Lichtblitze zucken in der Halle, aus der Dachkonstruktion kommt das Motorengeräusch eines Hubschraubers, und schließlich rast eine Kampfjet-Attrappe in den äußeren Teil der Mauer: Krach, Explosion, Pyro-Attacke. Waters steht im langen Ledermantel mit roter Armbinde auf der Bühne, er kreuzt die Arme über dem Kopf: Total-Spektakel, Welcome To The Machine.

Während des ersten der von etwa 20 Minuten Pause getrennten Akte spürt man bisweilen, dass diese Show für kleinere Häuser konzipiert wurde. Die Esprit Arena ist das einzige Stadion auf der Tournee, mehr als doppelt so groß wie etwa die O2-Arena, in der Waters in Berlin haltmachte. Der Star ist allzu weit weg, die Lautstärke dürfte ruhig höher gedreht werden, mancher Effekt verpufft auf dem Weg zum Fan. Hinzu kommt ein dem Willen zum Bombast geschuldetes Ärgernis: Beim Hit „Another Brick In The Wall Pt. 2“ stehen zwar 20 Kinder auf der Bühne, der Chorgesang von 200 Kindern wird dazu aber aus der Konserve eingespielt.

Flackernde Kafka-Zitate

Waters macht dieses Manko indes rasch wett, und vor allem Teil zwei ist voller Eindrücke, die man nicht vergisst. Die Portalfigur von Pink Floyd, das aufblasbare Schwein mit den leuchtenden Augen, diffundiert im Raum, Kafka- und Orwell-Zitate flackern über die Mauer, hinter der die Band nun verschwunden ist. Rogers agiert als einziger vor der Wand, er wirft sich in die Musik, posiert, beugt sich der Gewalt der Geschichte, und geradezu irre vor Begeisterung wird man bei „Comfortably Numb“: Der Gitarrist spielt im Spotlight oben auf der Mauer, während Waters unten in existenzieller Verzweiflung die Fäuste gegen die grausamen Steine schlägt: „Is There Anybody Out There?“.

Waters arbeitet mit Gastmusikern, von Pink Floyd trennte er sich 1985 im Streit. Gitarrist Snowy White war bereits zur Unterstützung bei der legendären ersten „The-Wall“-Tour dabei, auf der Waters mit den Bandkollegen David Gilmour, Nick Mason und Richard Wright 1981 sieben Mal allein in Dortmund auftrat. 1990 führte Waters „The Wall“ auf dem ehemaligen Todesstreifen in Berlin auf.

Kritik mit der Keule

Das alte Konzept wurde für die aktuellen Konzerte sanft modernisiert. Nun sieht man Kampfpiloten Kreuze, Davidsterne, den türkischen Halbmond, das McDonald’s-Logo und die Shell-Muschel über der Welt abwerfen. Imperialismus-Kritik mit der Keule. Waters mutiert zum Diktator, die Projektionen zu „Waiting For The Worms“ zeigen die Säulenarchitektur des Berliner Olympiastadions, über der Mauer marschiert das Zeichentrick-Heer der Hammer-Soldaten, die man aus der „The Wall“-Verfilmung kennt.

Waters dirigiert die Massen, und der Sud aus Nostalgie, Riefenstahl-Kitsch, Puppentheater-Naivität, Hightech, Knalleffekt und Supermegagiga droht die Zuschauer besoffen zu machen, da werden die Dämonen zurückgeschlagen – die Läuterung beginnt, die Mauer fällt.

Die Band steigt schließlich mit Banjo, Mandoline und Trompete über die Trümmer. Waters winkt. Wir sind frei. Der Riese schmunzelt. Es ist alles gut.

Quelle: RP

 
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