| 07.43 Uhr

Essen
Pott-Sentimentalität in der Oper

Essen. Ein Glücksfall: Hans Marschners Märchen "Hans Heiling" im Theater Essen. Von Regine Müller

Oft geht es schief, wenn Opernregisseure historische Handlungen aktualisieren oder ihre Schauplätze verlegen. In Essen ist Regisseur Andreas Baesler nun aber ein Volltreffer geglückt, indem er Hans Marschners romantische Märchenoper "Hans Heiling" ins Ruhrgebiet der 1960er Jahre und in den Dunstkreis der Krupp-Dynastie verlegt. Das funktioniert auch deshalb so gut, weil der Anlass konkret ist: Denn am 21. Dezember wird die Bottroper Zeche Prosper Haniel schließen, die letzte Zeche im Pott.

Bei dem der Oper zugrunde liegenden böhmischen Sagenstoff geht es um Bergbau: Der Titelheld ist König der Erdgeister und hadert mit seinem Reichtum und dem Fluch seiner Dynastie. Es drängt ihn hinauf in die Welt zu Anna, einer Sterblichen, mit der er ein normales Menschenleben führen will.

Der Regisseur hat in der Handlung zudem Parallelen zur Essener Krupp-Familie ausgemacht und inszeniert den Titelhelden als Wiedergänger von Alfried Krupp und Heilings dominante Mutter als Bertha Krupp. Im Prolog thront ein mächtiger Schreibtisch nebst Tresor auf Harald B. Thors holzvertäfelter Bühne, die auf die Villa Hügel verweist. Das Tanzfest spielt in einer Waschkaue und danach geht ein wehmütiges Raunen durchs Publikum, wenn der Schriftzug "Großer Blumenhof" aufleuchtet, einst Ort legendärer Tanztees im Grugapark.

Liebevoll und reich an authentischen Details rekonstruieren Harald B. Thors Bühnenbild und Gabriele Heimanns Kostüme die Aura jener Hochzeit der Kohleförderung und die Dialoge sind von Hans-Günter Papirnik in kerniges Ruhrdeutsch übertragen worden.

Baesler gelingt eine fein austarierte Kleinbürger-Milieu-Studie, ohne die Fallhöhe des Dramas zu kassieren. Eine Entdeckung ist auch Marschners Partitur: Sie ist hinreißend farbig instrumentiert, dabei luftig gesetzt und sprudelt von melodischen Einfällen.

Frank Beermann am Pult geht mit Verve ans Werk, setzt auf Transparenz und adelt den Wagner-Vorläufer mit höchster stilistischer Differenzierung. Mit einer geschlossenen Leistung glänzt das Ensemble, allen voran Jessica Muirhead als Anna mit leuchtendem Sopran und Heiko Trinsinger, der den zerrissenen Titelhelden mit heldischen Bariton-Tönen beglaubigt. Am Ende sorgt das originale Bergwerksorchester Consolidation für Pott-Sentimentalität. Großer Applaus für eine rundum geglückte Produktion.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Essen: Pott-Sentimentalität in der Oper


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.