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Fettnäpfchen lauern
Dr. oder Prof.? Richtige Anrede ist Gold wert
Brühl/Freiburg (rpo). Gräfin oder Herzog? Doktor oder Professor? Im Alltag ist die Anrede des Gegenübers nicht leicht. Verschweigt man den Professorentitel, ist die angesprochene Person vielleicht beleidigt. Oder hat derjenige sogar ein Recht auf die richtige Ansprache? Hier lautern Fettnäpfchen.

Denn nicht immer ist es so einfach wie im Falle Bernhard Prinz von Baden. Von Journalisten nach der korrekten Anrede befragt, antwortete der Adelige: "Sagen Sie Königliche Hoheit zu mir". Das hilft weiter in illustren Kreisen, doch im Alltag erwarten auch Doktoren, Professoren und alle Arten von kirchlichen und weltlichen Würdenträgern eine richtige Ansprache. Die Zahl der Fettnäpfchen ist deshalb groß. Zum Trost sei gesagt, dass selbst versierte Protokollchefs schon mal ins Stolpern geraten.

In einem bürgerlich modernen Land stellt sich die Frage, ob Titel, Grade und Adelsbezeichnungen nicht nur noch ein Sport für Liebhaber oder Königshaus-Experten wie Rolf Seelmann-Eggebert sind? Alexander von Fircks ist anderer Meinung. Der Freiherr und ehemalige Protokollchef Inland der Bundesregierung sieht die richtige Anrede als einen "Ausdruck von Höflichkeit und Respekt" gegenüber dem Wissenschaftler, der sich seinen Doktorgrad vermutlich jahrelang erarbeitet hat, oder dem Mitglied einer Adelsfamilie mit langer Geschichte. Und wie immer zeitigt Höflichkeit auch Gewinn: "Besonders als junger Mensch, der sich seinen Platz in der Welt noch erobern muss, werden Sie schnell merken, dass es Vorteile hat, seinen Mitmenschen korrekt zu begegnen."

"Das heißt nicht, dass man stets alles wissen muss", beruhigt die Benimmexpertin Elisabeth Bonneau aus Freiburg, von der die Anekdote mit Prinz Bernhard stammt. Im Zweifel sollte man wie die Journalisten seinen Gesprächspartner fragen: "Wie möchten Sie, dass ich Sie anspreche?" Damit gebe man sich keine Blöße, sondern beweise Bemühen um Exaktheit.

Zur Bescheidenheit aufgerufen

Oft ist Nachfragen unerlässlich, bestätigt der ehemalige Protokollchef von Fircks, der heute als Fortbildungsleiter an der Bundesakademie für öffentliche Verwaltung in Brühl (Nordrhein-Westfalen) lehrt. Denn eine Tücke der Titelkonventionen sei, dass der Träger oder die Trägerin selbst zur Bescheidenheit aufgerufen ist. "So, wie auch der Normalbürger sich nicht mit "Ich bin Herr Markus Klein-Meier" vorstellen sollte, schreibt die Etikette vor, dass der Adelige oder die Promovierte jeweils allein ihren Namen nennen", erklärt von Fircks:

Hinter der freundlichen neuen Kollegin, die sich auf dem Geschäftsessen als "Monika Schulenburg" vorstellt, kann sich deshalb eine Gräfin von Schulenburg verbergen, und die korrekte Erwiderung lautet "Guten Tag, Gräfin Schulenburg" - das bürgerliche "Frau" und Namenspräpositionen wie "von" fallen bei Nennung des Adelstitels weg.

Hinter Monika Schulenburg könnte sich ferner eine promovierte Juristin verbergen oder vielleicht gar eine Professorin - habilitiert oder ehrenhalber ernannt. Dann hieße es korrekt: "Guten Abend, Doktor Gräfin Schulenburg" beziehungsweise "Guten Abend, Professor Gräfin Schulenburg".

Höchster akademischer Grad

Gibt es mehr als einen akademischen Grad oder Titel, wird der Vereinfachung halber nur der höchste genommen: Der Professor sticht also den Doktor. Ob der Titel erarbeitet wurde oder als "h.c." ehrenhalber verliehen, spielt keine Rolle. "Was man hat, hat man", erläutert Elisabeth Bonneau. Und solange der Gesprächspartner nicht anbietet, den Titel wegzulassen, sollte man ihn tunlichst nennen.

Zu weit treiben muss man es aber auch nicht. "Akademische Grade werden nicht auf dem Standesamt verliehen", versichert Bonneau. Auch wenn der Ehemann promovierter Arzt ist, ist seine bessere Hälfte ohne Hochschulausbildung noch lange keine "Frau Doktor".

Apropos Mediziner: Ob der Mann in Weiß nur mit "Guten Tag, Herr Doktor" angesprochen wird oder auch der Name ("Guten Tag, Herr Doktor Lebegut") hinzugefügt wird, ist laut Bundesärztekammer in Berlin jedem Patienten selbst überlassen, "Hauptsache, beide Seiten gehen respektvoll miteinander um." Vor dem gekonnten Begrüßungs-Tusch sollte aber ein Blick auf das Praxisschild geworfen werden. Denn fehlt darauf das "Dr. med.", hat der Arzt also gar nicht promoviert, heißt es einfach nur "Guten Tag, Herr Lebegut". Alles andere wäre Titelanmaßung, auch von Seiten des Mediziners, ließe er solch unverdientes akademisches "Upgraden" durchgehen.

Besondere Menschen und Titel

"Unaufgefordertes Weglassen des Doktorgrades ist ein Privileg unter Kollegen desselben Faches", ergänzt Elisabeth Bonneau. Der promovierte Allgemeinmediziner kann mit dem Zahnarzt von "Herr" zu "Herr" oder "Frau" zu "Frau" parlieren. Trifft er oder sie jedoch einen Doktor der Jurisprudenz, sind wieder zwei Silben mehr gefragt.

Es gibt Menschen, da weiß jeder, dass sie eine besondere Anrede verdienen. Der Papst wird mit "Eure Heiligkeit" oder "Heiliger Vater" angesprochen. Daran sollten sich aus Respekt vor dem 2000 Jahre alten Amt nicht nur gut erzogene Katholiken halten, findet Bonneau. Die protestantische Bischöfin wird mit "Frau Bischöfin" angesprochen, der Geistliche von nebenan mit "Herr Pfarrer" oder "Herr Pastor" - hier reicht es jeweils ohne Namen. "Hochwürden" für katholische Pfarrer wäre auch kein Fehler, ist aber selten geworden.

Ansprache für weltliche Mandatsträger

Weltliche Mandatsträger sind der "Herr Ministerpräsident", "die Frau Bürgermeisterin" oder der "Herr Botschafter". Und sollte es sie je geben, hieße es korrekt: "Guten Abend, Frau Bundeskanzlerin". Sogar die "Frau Kammersängerin" trägt einen besonderen Titel, und die Künstlerin wird sich freuen, denn der sie so Anredende hat Sachkenntnis bewiesen.

Zum Schluss zurück in königliche Sphären mit einem Tipp für Englandreisende. Hat jemand das Vergnügen, dem jüngsten Windsor-Ehepaar zu begegnen, empfiehlt es sich, an den Prinzen aus Baden zu denken. Goldrichtig liegt man nach Auskunft der Britischen Botschaft in Berlin nämlich auch hier beim ersten Gruß am Tage mit einem fröhlichen "Good morning, Your Royal Highness!" - und zwar für Charles wie nun auch für Camilla.

Quelle: gms
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