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Genmutation
Was ist dran am Vampir-Mythos?

Genmutation: Was ist dran am Vampir-Mythos?
Bleiche Haut und nachts aktiv - diese Merkmale prägten den Mythos vom Vampir. (Symbolbild) FOTO: Shutterstock/Kiselev Andrey Valerevich
Düsseldorf. Vampire suchen im Schutz der Nacht nach Opfern, deren Blut sie saugen können - soweit der Mythos. Tatsächlich haben die Schauergeschichten einen ernsten Hintergrund. Von Tanja Walter

Sie meiden das Tageslicht und wandeln dann umher, wenn andere schlafen. Schon im 17. Jahrhundert erzählte man sich Schauermärchen von blutsaugenden Vampiren, die nachts über Freunde und Verwandte herfallen, um ihnen das Blut auszusaugen, bis sie schwach zusammenbrachen und starben - so zu lesen in einer Ausgabe der Mercure Galant, einer französischen Zeitung des späten 17. Jahrhunderts. Der Mythos faszinierte die Menschen so sehr, dass er sich ohne Mühe von Osteuropa ausgehend in ganz Europa verbreitete.

Zusammenhang zwischen Genkrankheit und Vampirmythos

Tatsächlich könnten Menschen mit einer genetisch bedingten Blutkrankheit für den Vampirmythos unfreiwillig Pate gestanden haben. So berichten Forscher des Boston Children's Hospital über eine seltene Erkrankung, die sich erythropoetische Protoporphyrie (EEP) nennt. In Deutschland leiden von den 80 Millionen Einwohnern rund 800 Menschen darunter. "Die Dunkelziffer ist geschätzt wahrscheinlich hoch. Denn aus Unkenntnis wird sie oft nicht richtig diagnostiziert", sagt Estefania Lang von der Hautklinik der Uniklinik Düsseldorf.

EEP zählt zu der Gruppe von acht bekannten Blutkrankheiten, den sogenannten Porphyrien. Bei ihr ist durch eine genetische Störung die Herstellung des Blutfarbstoffs Häm vom frühen Kindesalter an gestört. Durch diesen Fehler häuft sich das Vorläuferprodukt in den Blutzellen an und wandert über sie in verschiedene Organe, so Lang.

EEP - Leiden durch Licht

Die Parallele zwischen dem Vampirmythos und EEP sehen die amerikanischen Experten in der Symptomatik, mit der sich diese Krankheit zeigt: Die Betroffenen sind chronisch blutarm und dadurch sehr müde und blass. Denn EEP bewirkt eine hohe Empfindlichkeit gegen die farbigen Anteile im Sonnenlicht, gegen die auch keine Sonnenmilch Schutz bietet. Sonnenlicht bewirkt bei diesen Patienten oftmals tiefliegende Verbrennungen und starke Nervenschmerzen, die nach Informationen der Selbsthilfe EPP-Deutschland nur mit starken Morphium-Präparaten etwas eingedämmt werden können.

Das ständige, panische Rennen der Kinder von einem Schattenfleck zum nächsten brachte den Betroffenen die Bezeichnung Schattenmenschen oder Schattenspringer ein. "Denn jeder Sonnenstrahl fühlt sich wie eine brennende Nadel an, die tief in die Haut eindringt und dort noch lange Schmerzen verursacht", schreiben die Betroffenen auf der Selbsthilfeseite.

Aus diesem Grund können sich die Erkrankten nur unter besonderem Schutz bei Tageslicht aufhalten. Selbst an einem bewölkten Tag sei genug Licht vorhanden, um Blasen und Entstellungen der exponierten Körperteile wie Ohren und der Nase zu verursachen, schreiben die Experten des Boston Children's Hospital in einem Fachbeitrag. Das schränkt die normalen Alltagsaktivitäten enorm ein. Draußen spielen? – Für Kinder mit einer Porphyrie undenkbar. Ein Spaziergang im Freien? - Betroffene können das nur unter besonderen Schutzvorkehrungen - oder je nach Ausprägung der Krankheit auch gar nicht.

Bluttransfusion statt nächtliche Blutmahlzeit

In seltenen Fällen kann sich laut Lang EEP vermehrter Haarwuchs an sonst unbehaarten Stellen zeigen. Eher aber erinnere dieses Symptom jedoch an die schlimmste Form der Porphyrien. Sie nennt sich Morbus Günther oder auch kutane erythropoetische Porphyrie (CEP). Sie wurde im Jahr 1911 erstmalig vom deutschen Forscher Hans Günther beschrieben. Und erinnert noch stärker als EPP an Eigenschaften, die man den blutsaugenden Legendenwesen nachsagte: Zu ihnen zählt – wie auch bei der EEP - unter anderem eine ausgeprägte Blutarmut. Diese entsteht durch die verminderte Bildung von roten Blutkörperchen. Eine Bluttransfusion kann diese Symptome lindern, sagt die Expertin der Uniklinik Düsseldorf. In früheren Zeiten, so merken es die Autoren aus dem Boston Children's Hospital an, sei man hingegen davon ausgegangen, dass das Trinken von Tierblut einen ähnlichen Effekt habe. Heute weiß man, dass dies die Symptome in keinster Weise lindert.

Typisch für die schwerste Form der Porphyrie sind außerdem "ausgeprägte Hautverbrennungen bis hin zu Geschwüren und Narben. Sie können zu sehr entstellenden Verstümmelungen - besonders im Gesicht - führen", sagt Lang. Darum schützen sich die Betroffenen durch den Aufenthalt im Haus und geraten auf diese Weise leicht in soziale Isolation. Eine Parallele, die auch die Medizinerin aus der Uniklinik zum Vampirmythos sieht: "Vampire sollen ja der Erzählung nach lichtscheue Wesen gewesen sein."

Krankheit CEP färbt die Zähne rot

Zudem erscheinen laut Lang bei den CEP-Patienten die Zähne rötlich. Diese Verfärbung entsteht durch den Purpurfarbstoff Porphyrin, der sich aufgrund des Gendefekts in großer Menge bildet und sich zum Teil in Knochen, wie auch im Schmelz sowie in der Hauptmasse der Zähne, dem Zahnbein, ablagert. Wissenschaftler David Dolphin von der Universität in British Columbia zog aufgrund dessen den Vergleich zu Vampiren, die gerade eine Blutmahlzeit zu sich genommen hätten.

Wach zu sein, wenn andere schlafen und selbst die Augen zu schließen, wenn andere ihren Alltagsgeschäften nachgehen, gehört zu den typischen Folgen einer CEP. Doch auch dieser veränderte Schlaf-Wach-Rhythmus mag dazu geführt haben, dass diese Menschen absonderlich erschienen.

Was es mit der Abneigung gegen Knoblauch auf sich hat

Bekannt ist zudem die Abneigung von Vampiren gegen Knoblauch. Selbst hier tut sich ein Bezug zu CEP-Patienten auf. So stellte der israelische Mediziner Eitan Fibach fest, dass sich in Lauchgewächsen, zu dem auch Knoblauch zählt, Inhaltsstoffe befinden, die bei Patienten mit CEP die ohnehin bestehende Blutarmut nochmals weiter verstärken könnten.

CEP gilt heute als therapier-, aber nicht heilbar. Neben dem Meiden von Sonnenlicht zählt vor allem der Hautschutz als unerlässlich. Neben Bluttransfusionen können im äußersten Fall Knochenmarktransplantationen das Leiden lindern. Dennoch haben die Betroffenen bis heute keine hohe Lebenserwartung.

 
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