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Kritik an der Uni-Klinik Essen
Gehörlose dürfen kein Blut spenden

Kritik an der Uni-Klinik Essen: Gehörlose dürfen kein Blut spenden
"Es wird der Eindruck erweckt, Gehörlose seien krank", sagt Julia Probst. FOTO: dpa
Essen. Die Uniklinik Essen schließt Gehörlose von der Blutspende aus. Damit sollen die Spender geschützt werden, weil die Kommunikation zu schwierig ist. Gehörlose empfinden das als Diskriminierung. Sie fordern klare Vorgaben. Von Jörg Isringhaus

Antonia Ricke erinnert sich ungerne an ihre letzte Blutspende. Nachdem die Gehörlose in der Uniklinik Essen vor dem Blut abzapfen auf einem Formular angekreuzt hatte, dass sie durch Mundablesen mit den Ärzten kommuniziere, wurde ihr mitgeteilt, dass sie als Spenderin nicht in Frage komme. Dies sei für den Spender wie für den Empfänger nicht sicher, da Mundablesen aus 30 Prozent Verstehen und 70 Prozent Erraten bestehe.

In einem Brief erklärte die Klinikleitung später die Entscheidung – durch die Anwesenheit eines Gebärdendolmetschers seien weder ein vertrauliches Arztgespräch noch eine Kommunikation bei einem Notfall gewährleistet. Ricke fühlte sich gedemütigt: "Auf mich wirkte das so, als ob die Klinik denke, Gehörlosigkeit sei ansteckend", schreibt sie in der "Deutschen-Gehörlosen-Zeitung".

Die Essener Uniklinik bestätigt diese Praxis aus den oben genannten Gründen. Unklarheiten müssten zum Schutz der Spender unbedingt vermieden werden, sagt Kliniksprecherin Christine Harrell. "Der Fragenkatalog ist sehr detailliert und zum Teil handelt es sich auch um sehr persönliche Fragen, die die Intimsphäre der Spender berühren." Es würden auch keine Spender zugelassen, die der deutschen Sprache nicht mächtig seien. Auch der private Blutspendedienst Haema schließt Gehörlose grundsätzlich aus – genauso wie Blinde. "Das liegt aber auch an unseren Spendenarten", sagt Sprecherin Marion Junghans. "Bei uns werden auch aufwendige Teilblutspenden vorgenommen, bei denen die Spender lange an Maschinen angeschlossen sind. Damit steigt die Komplikationsgefahr."

Für Julia Probst sind diese Argumente nicht nachvollziehbar. Die gehörlose Piraten-Politikerin und Bundestagskandidatin ist selbst einmal bei Haema in Berlin abgewiesen worden. "Gebärdensprachdolmetscher sind bei jedem Auftrag zur Geheimhaltung verpflichtet, von daher kann ich die Begründung der Uniklinik Essen nicht verstehen", sagt sie. Auch das Argument, bei Notfällen reibungslos kommunizieren zu können, hält die 31-Jährige für "einen Witz". "Wenn ein gehörloser Mensch auf der Straße eine Notfallversorgung braucht, dann darf man die Hilfestellung ja auch nicht mit den Worten unterlassen: ,Oh, die Kommunikation war nicht gewährleistet...'."

Unverständnis beim DRK

Auf Unverständnis stößt die Regelung auch beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) in NRW. Gehörlose würden beim DRK genauso behandelt wie alle anderen Spender auch, erklärt Sprecher Friedrich-Ernst Düppe. Alles andere sei Quatsch. "Wenn sie nicht gegen die gesetzlichen Ausschlusskriterien verstoßen, dürfen sie auch Blut spenden. Gehörlose sind es ja gewohnt, schriftlich zu kommunizieren." Auch an der Uniklinik Düsseldorf macht man keine Unterschiede. Gehörlose würden so behandelt wie andere Blutspender auch, heißt es.

Die Ausschlusskriterien, wann ein Blutspender nicht zugelassen wird, legt das Paul-Ehrlich-Institut gemeinsam mit der Bundesärztekammer fest. Zu diesen Kriterien gehören etwa schwere Erkrankungen, aber auch Personen, deren Sexualverhalten ein deutlich erhöhtes Übertragungsrisiko für durch Blut übertragene Infektionskrankheiten wie HIV bergen – beispielsweise Homosexuelle. "Es gibt keine Vorgabe, Gehörlose oder Blinde auszuschließen", sagt Sprecherin Susanne Stöcker. "Es muss nur sichergestellt sein, dass alle relevanten Fragen ohne Missverständnisse oder Verständigungsprobleme beantwortet werden."

Gehörlose wie Julia Probst fühlen sich durch das Prozedere einzelner Blutspendedienste diskriminiert. Eigentlich gebe es ja Gesetze, die eine Gleichbehandlung von Behinderten regeln. "Aber es besteht ein Gesetzesvollzugsmangel, der in meinen Augen daran liegt, dass wir kein Anti-Diskriminierungsgesetz haben, welches scharf gegen Verstöße vorgeht." Der Landesverband der Gehörlosen in NRW sieht das ähnlich. Viele Blutspendestellen würden mittlerweile sogar, um die Problematik zu umgehen, extra Blutspenden in Gehörlosen-Vereinen veranstalten, bei denen Dolmetscher vor Ort sind.

An der Uniklinik in Essen arbeitet man daran, "gehörlosen, ansonsten gesunden Menschen die Möglichkeit zu Blutspende zu ermöglichen". Dazu laufe ein Forschungsprojekt zusammen mit der Hochschule Amberg-Weiden in Hamburg. Ziel sei es, eine sichere Kommunikation durch Übersetzung von Gebärdensprache in beide Richtungen möglich zu machen.

"Mich stört, dass hier der Eindruck erweckt wird, Gehörlose seien krank", sagt Julia Probst. "Wir empfinden uns nicht als krank oder körperlich behindert. Es ist die nicht barrierefreie Kommunikation, an deren Barrieren wir stoßen." Trotzdem sei es gut, in einem Modellprojekt darüber nachzudenken, wie Blutspenden barrierefrei zu gestalten sind. Julia Probst: "Ich wünsche mir, dass daraus ein Leuchtturmprojekt wird für andere Kliniken und Blutspendezentralen."

(RP/gre/felt/jco)
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