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Psychologie
Warum Menschen von heute auf morgen ihr Leben verändern

Psychologie: Warum Menschen von heute auf morgen ihr Leben verändern
Anja Wysocki genießt auf ihrer Weltreise die Freiheit, spontan entscheiden zu können. FOTO: movinminds.com
Düsseldorf. Den Job kündigen und eine Yoga-Schule auf Mallorca eröffnen - Menschen, die von jetzt auf gleich solch fundamentale Entscheidungen treffen, sind vielen schon einmal begegnet. Machen sie es besser als wir? Von Tanja Walter

Es ist Montag. Draußen knallt die Sonne. 30 Grad. Heute ist Anja Wysockis großer Tag. Heute startet sie gemeinsam mit ihrem Partner auf eine Weltreise. "Mit unbekanntem Enddatum", sagt sie. Heute ist für sie ein lange anvisierter Wendepunkt im Leben gekommen.

In den vergangenen Wochen sind deshalb öfter Tränen geflossen. Abschied von den besten Freunden, von lieb gewonnenen Kollegen und jetzt von ihrer Mutter. "Das fällt schwer", sagt sie. "Wer weiß, wann wir uns wiedersehen?" Doch der Wunsch, frei in die Welt hinaus zu ziehen, ist größer als der Schmerz.

Gestern Terminkoordinatorin des Oberbürgermeisters – heute "frei"

Noch vor wenigen Wochen saß Anja Wysocki als Terminkoordinatorin des Düsseldorfer Oberbürgermeisters am Schreibtisch. Ihr Arbeitsleben ist eng getaktet, oft stressig. Dann hängt sie ihr sicheres Beamtenverhältnis an den Nagel. Bis auf die persönlichsten Dinge hat sie alles verkauft oder verschenkt. Zwei Kartons sind übrig geblieben. Sie stehen jetzt im Keller ihrer Mutter. Die Reise kann starten. Es ist der 19. Juni 2017.

Wenn Anja Wysockis Freunde mit anderen über ihr großes Abenteuer reden, dann ist dieses Datum für sie eine Wendemarke in Wysockis Leben. Doch ganz so plötzlich sind Lebenswenden nicht. "Oft scheint das nur so", sagt Werner Greve, Psychologe an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich damit, was bei Menschen Veränderungen auslöst. Er ist sich sicher, dass solch fundamentale Entscheidungen meist einen langen Vorlauf haben. Dahinter stecke oftmals ein unerfülltes Bedürfnis oder eine Ansammlung von Unzufriedenheit. "Für andere sieht es aber so aus, als sei die Entscheidung an einem Tag getroffen worden", sagt der Forscher.

Solche Entscheidungen kommen nur scheinbar plötzlich

Wenn es für das Vorhaben der 29-jährigen Düsseldorferin überhaupt so etwas wie eine Initialzündung gegeben hat, dann liegt die schon mehr als zwei Jahre zurück. Anja Wysocki war damals in Spanien. Dort ist sie den Jakobsweg gegangen. Nach sechs Wochen war sie am Ziel. Ihre Erkenntnis aus dieser Zeit: "Ich habe es genossen, mal aus dem Trott auszubrechen und nicht nur für die Arbeit zu leben." Wieder zurück an ihrem Arbeitsplatz vermisst sie das Gefühl von Freiheit. Die Entscheidung im Arbeitsleben auf die Pausentaste zu drücken, fällt sie trotzdem erst viel später.

Das Ereignis, das Menschen zur Wende bewege, sei oft nicht der Grund, sagt Greve. Vielmehr würden sich mit der Zeit Einsichten verdichten. Ein starker Raucher, der beispielsweise nach der Lungenkrebs-Diagnose eines Bekannten das Rauchen von jetzt auf gleich aufgibt und damit beginnt, Sport zu treiben und sich gesund zu ernähren, wird auch vor dem einschneidenden Ereignis schon über seinen ungesunden Lebensstil nachgedacht haben. Wer einen solchen Prozess vorher nicht durchlaufen hat, bei dem bewirkt möglicherweise auch eine schwere Erkrankung keinen Wandel. Die endgültige Entscheidung im Leben etwas zu verändern, entstehe aus den Wechselwirkung vieler Faktoren. Ein bedeutender Faktor: die eigene Biografie. "Wir haben unser Leben immer im Rucksack dabei. Selbst, wenn wir unser altes Leben hier beenden und nach Australien reisen", sagt Greve.

Eine Weltreise verändert ein Leben manchmal weniger als eine Hochzeit

Lange habe die Wissenschaft nach kritischen Lebensereignissen gesucht und einen Zusammenhang zu Wendepunkten im Leben hergestellt. Das sind die, die den meisten spontan durch den Kopf spuken: Tod eines nahen Angehörigen, schwere Krankheit, Jobverlust. Sicherlich können sie einen wichtigen Stein im Lebensmosaik bilden, doch können auch positive Ereignisse Wenden herbeiführen. Die eigene Hochzeit zum Beispiel, die Geburt eines Kindes, das Ende der Schulzeit, sagt Greve.

Das, was den meisten in Erinnerung bleibt, sind besondere Entscheidungen, radikale Veränderungen oder Ungewöhnliches. "Eher bleibt die Geschichte von demjenigen, der sich auf Weltreise begibt, in den Köpfen. Aber ich kenne Menschen, für die ihre Hochzeit ein weitaus größerer Wendepunkt im Leben war", sagt Greve.

Auch werden gleiche Ereignisse von unterschiedlichen Menschen vollkommen anders wahrgenommen. Die Scheidung der eigenen Eltern sei für manche ein einschneidendes Ereignis, das vieles verändert. "Für andere ist das nicht so. Sie empfinden den Tod des ersten Haustieres als deutlich schlimmer." Hier spielt die eigene Haltung eine große Rolle. Während der eine in einem bestimmten Lebensereignis eine Schwierigkeit sieht und sich zurückzieht, sieht der andere darin eine Chance.

Sind die, die zu Hause bleiben, feige?

Als Anja Wysocki nach und nach im Freundes- und Kollegenkreis erzählt, was sie vorhat, bekommt sie viel Zuspruch und Anerkennung für ihren Mut. Viele signalisieren, dass sie das auch gerne machen würden. Für die meisten aber bleibt die Vision vom großen Wandel ein Wunsch. Sind die feige, die es nicht tun?

Nein, sagt Werner Greve. Wir alle haben Sehnsüchte und realisieren nur einige von ihnen. "Wenn ich aber das eine Wirklichkeit werden lasse, kann ich mich um das andere nicht kümmern", sagt der Psychologe. Wer gerade ein Haus baut, kann nicht zur gleichen Zeit nach Amerika auswandern. Dennoch kann einen dieser Wunsch nachhaltig begleiten und irgendwann einmal umgesetzt werden. Manchmal bestimmt der Zufall den Zeitpunkt.

Geringeres Risiko – ähnlicher Effekt

Manchmal reiche statt des vollkommenen Breaks im Leben vielleicht ein längerer Urlaub oder ein Sabbatjahr, um Träume nicht ungelebt zu lassen. "Es macht die Reset-Taste nicht so teuer." Es ist einfacher, alles wieder rückwärts zu drehen, wenn es nicht so läuft, wie man es sich erhofft hat. Denn auch das kommt vor.

Dennoch rät er dazu, nicht mit der zweiten Wahl zu leben, sondern seine Vorstellungen und Wünsche vom Leben hin und wieder auf den Prüfstand zu stellen. Denn so ist sich der Psychologe sicher: "Wir haben jeden Morgen die Wahl, uns zu entscheiden es anders zu machen und wissen dann hoffentlich auch, warum wir uns für das Leben entscheiden, das wir leben."

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