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Perito Moreno
Ein Eisriese spuckt Töne

Der berühmteste Gletscher der Welt, der Perito Moreno, bietet in Patagonien ein einzigartiges Spektakel für Augen und Ohren. Forscher glauben, dass es sich um einen Fluss aus Eis handelt. Von Angela Böhm

Von wegen heilige Stille: Er knackt und knirscht, knallt und kracht, dröhnt und donnert. Seine Zunge schnalzt eine wundersam. Mit immer neuen Höhepunkten, die wie Silvester-Feuerwerke klingen, wenn sie wieder einen gigantischen Brocken herausschleudert, der mit Getöse im Wasser zerschellt. Nirgendwo sonst auf der Welt ist das so eindrucksvoll zu beobachten und zu hören wie beim Perito Moreno im Süden Argentiniens. Denn hier, in Patagonien, hat die Natur dem König der Gletscher für sein Schauspiel samt Konzert eine Tribüne geformt. Das bringt die Besucher mit dem Eisriesen auf Augenhöhe.

An der Spitze der Halbinsel Magellan stockt einem der Atem. Durch die grünen Zweige blitzt Eis soweit das Auge reicht. Majestätisch schiebt sich das blaue Wunder wie auf einer Bühne 30 Kilometer lang und fünf Kilometer breit von den Anden hinunter in den türkis schimmernden Lago Argentino. Dabei ist der gefrorene Gigant ständig in Bewegung. Er steht unter Spannung. An seinen Rändern soll er pro Tag gut 30 Zentimeter zurücklegen.

Der Perito Moreno wächst, trotz Klimawandel. Aber nur in die Länge. An seinen Seiten wird er langsam schmaler. Luftaufnahmen im Abstand von 30 Jahren beweisen das. Für die Forscher ist der Gletscher das große Rätsel. Sie glauben, dass es sich um einen Fluss aus Eis handelt.

Der wechselt zwischen Wolken und Sonnenlicht wie ein Chamäleon seine geheimnisvollen Blautöne. Die sind auf der Farbskala unbeschreiblich. Er formt Skulpturen, Grotten und Kathedralen, türmt Gipfel, bricht Spalten. Ganz vorne an seiner Zungenspitze hat er ein Matterhorn aufgeschoben, das alles überragt - bis es irgendwann mit großem Getöse zusammenbrechen wird. Weiter links strahlt eine Höhle, bei deren Anblick die weltberühmte blaue Grotte auf der italienischen Insel Capri erblasst.

Aus jedem Blickwinkel lässt sich der Perito Moreno von den kilometerlangen hölzernen Stegen mit ihren Aussichtsplattformen und bequemen Bänken, die den Magellan-Hügel überziehen, unter die Lupe nehmen. Ständig gibt es Neues zu entdecken. Unten, im schmalen Seitenarm des Lago Argentino, dümpeln die weißen Katamarane vor der gewaltigen über 60 Meter hohen Eiswand. Sie warten, dass der Gletscher, der zum Unesco-Weltnaturerbe zählt, direkt vor ihnen kalbt. Dabei bleibt den Passagieren der unendliche Blick über die Eisspitzen verborgen. Den kann man nur vom Land aus genießen.

Wer auch noch spüren will, wie der Perito Moreno atmet, kann sein Ohr auf die Zunge des Gletschers legen. Mit Spikes geht es auf einer Wanderung übers jahrtausendealte Eis. Für heute ist es allerdings zu spät. Der Bus zur Rückfahrt ins 78 Kilometer entfernte El Calafate wartet nicht. Der einst triste Ort, mitten in der unwirtlichen Pampa, hat sich 3000 Kilometer südlich von Buenos Aires zu einem Goldgräberstädtchen entwickelt. Nur einen Katzensprung entfernt liegt der Flughafen, auf dem die Touristen in das Gletscherparadies einschweben. Er ist der Ausgangspunkt zum atemberaubenden Nationalpark Los Glaciares mit seiner einmaligen Eislandschaft aus 47 großen und rund 200 kleineren Gletschern.

Wie Pilze schießen schicke Hotels im Chaletstil und bunte kleine Pensionen aus dem Boden. Eine Goldgrube für die Familie der argentinischen Ex-Präsidentin Christina Fernández de Kirchner, die von 2007 bis Dezember 2015 regierte. In dem auf 15.000 Einwohner angewachsenen Städtchen besitzt sie ein Ferienhaus und zwei Luxushotels. Mit Grundstücksspekulationen soll sie ein Vermögen verdient haben.

Auf der kleinen Hauptstraße wird Gaucho-Romantik geboten. In den Schaufenstern der Restaurants brutzeln Lämmer am offenen Feuer. So wie draußen bei den südamerikanischen Cowboys auf den weit verstreuten einsamen Estancias. Nach El Calafate kommen sie mit Kind und Kegel, um ihre Reitkünste beim Rodeo auf einem Feld am Ortsrand zu messen. Ihre weißen Stiefel aus Fohlenleder spannen sich wie eine zweite Haut um ihre Beine. An den Fersen blitzen silberne Sporen. Die Baskenmütze sitzt fest auf dem Haar der Gauchos. Das Tuch um den Hals ist adrett geknotet. Die wilden Pferde ohne Sattel sind mit einem Seil an einen hohen Pfahl gebunden. Gibt der tollkühne Reiter ein Zeichen, wird der Strick mit einem Ruck gelöst. Der Höllenritt beginnt.

Zwischendrin spielt immer wieder ein Orchester auf. Musik und Lautsprecherdurchsagen scheppern über das Städtchen. Doch nur eine Handvoll Touristen lässt sich anlocken. Die anderen haben offenbar noch immer die faszinierenden Töne des Perito Moreno im Ohr.

Quelle: RP
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