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Schlemmen neben der Piste

Schluss mit Schnitzel und Pommes: Immer mehr Skihütten bieten eine gesunde und leckere Gourmet-Küche - und die muss gar nicht so teuer sein. Von Stephan Brünjes

Von der Kante in die Kantine - so sieht meist der Einkehrschwung aus, wenn Skifahrer mittags Hunger haben. Runter von den Brettln und rein in die Schlange der SB-Restaurants. Auf dem Teller: lauwarme pappige Spaghetti Napoli, eine Apfelschorle und eine Quarkspeise - für dieses schlichte Menü ist an der Kasse meist ein Sterne-Preis fällig.

Doch es geht auch anders: gemütlicher, gesünder und sogar preiswerter. In Skihütten, die diesen Namen noch verdienen, mit Köchen, die ihren Gästen pfiffige Gerichte auftischen. Franz Mulser ist so einer. Der 36-jährige Meisterkoch hat im Münchner Gourmet-Tempel "Tantris" gelernt und diesen nun gegen eine Blockhütte in 1930 Metern Höhe getauscht - mitten im Skigebiet Seiser Alm in Südtirol, seiner Heimat. In der "Gostner Schwaige" hat sich Mulser seine persönliche Herausforderung geschaffen.

Nur zweieinhalb Quadratmeter groß ist die Küche, vier Gasflammen und ein Mini-Backofen müssen reichen, um den einkehrenden Skifahrern täglich Einzigartiges auf die Teller zu bringen. Heublütensuppe zum Beispiel, zubereitet mit Wiesenpflanzen, angerichtet in einem ausgehöhlten Ciabatta-Brot. Kinder schwören auf Franzls Kaiserschmarrn, die Eltern auf zartes Ossobuco vom Milchferkel - alles zu kleinen Preisen, von Mulser mit Kinderhandschrift in eine Speisekarte gekritzelt, die die maximal 22 Gäste zwischen zwei dünnen Baumrinden-Stücken aufklappen. Zum Abschluss noch ein selbst gebrannter Schnapsl vom Meisterkoch persönlich gereicht.

Nicht so rustikal, sondern edel geht es zu in der Kristall-Hütte im Hochzillertal. Drinnen gediegenes und gut gepolstertes Chalet-Ambiente mit Kaminfeuer und Blick auf einen Meisterkoch, draußen eine Sonnenterrasse und atemberaubendem 360-Grad-Gipfelpanorama übers Zillertal. "Gourmet im Schnee" heißt das Motto in 2150 Metern Höhe. Übersetzt: Rehrücken mit Rosmarin-Gnocchi statt Pommes rot-weiß, Pinot noir statt Almdudler. Das Ganze überraschenderweise zu erstaunlich kleinen Preisen. Ein kleines Drei-Gänge-Menü gibt es für gut 30 Euro, einfache, aber ebenfalls exquisite Pasta-Gerichte unter zehn Euro - ideal für alle, die kurz und gut essen wollen, um dann schnell wieder auf die Piste zu kommen. Aber wer will das schon, einmal oben angekommen? Stephan Eberharter jedenfalls nicht. Der Weltcup- und Olympiasieger ist im Hochzillertal zu Hause, schaut gern mal bei "Kristall-Koch" Stefan Eder auf ein Gläschen Wein vorbei und lässt seinen Blick schweifen über die Berge jenseits des Tals: "Da drüben", erzählt er, "am Gerlosstein, da habe ich vor 30 Jahren Skifahren gelernt, weil es im Zillertal noch keine Skilifte gab."

Dass man einen Lift zum Feinschmecker-Restaurant machen kann, beweist die Bergbahn im Tiroler Ski-Ort Fiss mit seiner Genussgondel. Ein schwarzes Edelgefährt inmitten der roten Bergbahn-Kapseln: Rot-weiße Lederbänke, Gardinen, Kissen und in der Mitte ein Tisch mit weißem Laken. "Bitte einsteigen", heißt es morgens um kurz nach neun am Gipfelrestaurant der Bergbahn.

Mit weißen Handschuhen servieren Cindy und Verena Champagner, Lachs und Käsevariationen, Cornflakes und Cappuccino, Brötchen, Butter und was sonst noch zu einem Luxus-Frühstück gehört. Schnell noch ein Erinnerungsfoto, dann schnappen die Genuss-Gondel-Türen zu. Die Fahrt im wahrscheinlich kleinsten Restaurant der Welt beginnt. An der Mittelstation fragt Ferdi, ob's noch ein Ei sein darf, dann ruft er kurz auf dem Berg an - und oben wird es weichgekocht in die Gondel gereicht. Knapp zwei Stunden dauert die entschleunigte Schlemmerreise. Sie endet mit Pralinés als Abschiedsgeschenk im Bergrestaurant.

Wer Apres-Ski-Gelage verabscheut und stattdessen gute Tropfen zu schätzen weiß, ist auf der Tiroler Angerer-Alm in St. Johann richtig. Denn der Keller dieses Bergbauernhofes kann mit seinen gut 500 Weinen so manchem Feinschmeckerlokal Konkurrenz machen. Dafür, dass der richtige Nachschub bestellt und eingelagert wird, sorgt Diplom-Sommelière Annemarie Foidl. Tagsüber tischt sie einkehrenden Skifahrern eher deftige Tiroler Klassiker wie Knödel und Brettljause auf. Abends hingegen kommen feine Gourmet-Gänge auf den Tisch.

Hummerrahmsüppchen für 79 Franken ist das preiswerteste Gericht im "La Marmite" auf der 2500 Meter hoch gelegenen Corviglia bei St. Moritz. Nein, eine Hütte ist das nicht, eher ein hypermodern gestyltes Nobelrestaurant - laut Eigenwerbung das höchstgelegene Gourmetrestaurant Europas und gerade recht für den Jetset, der ohne Probleme auch 270 Euro für eine gemischte Vorspeisenplatte inklusive Kaviar auf den Tisch legt. Diese Gerichte und die Preise könnten andere Berghütten oder Restaurants kopieren, aber einen Gag wird Betreiber Reto Mathis wohl noch lange exklusiv für sich haben: Eine zehn Meter lange Segelyacht mit Platz für 20 Personen hat er vor der Tür des "La Marmite" abladen lassen. Rein darf allerdings nur, wer Mitglied ist im hauseigenen Yachtclub...

Quelle: RP
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