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Kanazawa
Zwischen Kiesel und Kiefer

Der Park Kenroku-en in Kanazawa zählt zu den drei "perfekten Gärten" Japans: Nicht nur das harmonische und geordnete Arrangement beruhigt den Geist - auch die Teezeremonie erdet den Besucher. Von Julia Kilian

Ein Schritt und es knirscht unter der Schuhsohle. Die Luft riecht nach Moos und feuchter Rinde. Hier in Kanazawa, einer Hafenstadt im Westen Japans, spaziert man auf Kieselsteinen und zwischen Kiefern. Der Park Kenroku-en zählt zu den drei sogenannten "perfekten Gärten" Japans. "Das ist einer der schönsten Gärten im Land", erzählt Touristenführerin Tomoko Kawabata, eine kleine, resolute Frau mit Brille.

Hinter ihr läuft eine kleine Gruppe Urlauber her, hin zu einem Ort, an dem Zeit wenig zählt. Der Weg führt zu einem der Teehäuser im Garten, vorbei an Bäumen, deren Blätter langsam rot werden, und entlang von Bächen und Seen. Der Garten sieht aufgeräumt aus, fast so, als würde kaum etwas dem Zufall überlassen. Fette Karpfen treiben im Wasser, so langsam, als würden sie sinken.

Die Gäste kommen zu einer der typischen Teezeremonien, die man buchen kann. Sie streifen ihre Turnschuhe ab und gehen auf Strümpfen über die Tatami-Matten. Frauen in pastellfarbenen Kimonos verbeugen sich. "No photo", sagt eine, winkt mit dem Arm und lächelt dabei. Es gibt gelbe Süßigkeiten aus Reis, mit Goldblatt als Verzierung.

Mit einem Bambusbesen mischt eine Frau das Grünteepulver Matcha an, die Teeschale dreht sie behutsam in der Hand. Teezeremonien seien im normalen Leben sehr selten, erklärt Tomoko. "Wenn man Durst hat, trinkt man seinen Tee schnell, nicht in einer Zeremonie." Die Utensilien seien kostbar, ein Gastgeber brauche für jeden Eingeladenen eine besondere Teeschale. Bitter legt sich der Grüntee auf die Zunge. Nach einer halben Stunde schiebt eine Frau die Türen des Pavillons zur Seite, ein weiteres Gärtchen wird sichtbar.

Auf einem Feld wachsen Pflaumenbäume, eine karge Holzbrücke führt über einen Bach. Während man über die Kieswege läuft, hört man es kratzen. Frauen mit blauen Uniformen und großen Strohhüten harken Laub zusammen. Die Besucher laufen vorbei an riesigen Kiefern, deren Äste gestützt werden. Im Winter werden sie sogar mit Seilen nach oben gezogen, damit sie nicht abbrechen unter der Last des Schnees.

Der Japanologe Christian Tagsold glaubt, dass fernöstliche Gärten ein Bedürfnis unserer heutigen Welt ansprechen: das Verlangen nach Ordnung, nach Reduktion. Japanische Gärten wirkten wie von Le Corbusier gebaut, aber mit einem Naturelement, erklärt der Wissenschaftler von der Universität Düsseldorf. Er hat sich lange mit japanischen Gärten befasst und sagt: Das, was wir als traditionell japanisch empfänden, habe noch gar nicht so viel Tradition.

Zwar gebe es schon lange Gärten in Japan, aber gezielt vermarktet habe man sie erst mit den Weltausstellungen in den 1870er Jahren. "Die waren sich gar nicht klar, dass sie da etwas haben, was so gut ankommen würde", erklärt Tagsold. Von Zen-Gärten habe erstmals eine Amerikanerin in den 1930er Jahren gesprochen. Seitdem habe man versucht, Gärten mehr diesen Erwartungen anzupassen.

Was man heute für typisch japanisch halte, seien Kiesel und Laternen. "Aber das ist in den 30er Jahren gepusht worden", sagt der Forscher. "Der traditionelle japanische Garten lässt sich gar nicht mehr so feststellen." Früher habe es mehr Vielfalt gegeben, etwa Blumen oder Bronzestörche.

Und was bedeutet der Titel "perfekter Garten"? Die "drei perfekten Gärten" in Kanazawa, Okayama und Mito hätten in einer bestimmten Zeit mal als besonders schön gegolten, erklärt Tagsold. Heute werde der Titel vor allem touristisch ausgeschlachtet. Bekannter seien aber sicher andere Gärten, allen voran der Ryoan-ji in Kyoto.

Einige der Urlauber, die jetzt durch Kanazawa spazieren, waren schon an vielen anderen Orten Japans. Die Stadt hier ist eher unbekannt, galt einst aber als sehr wohlhabend. Touristen streifen gerne durch das alte Geisha-Viertel mit seinen Holzbauten, auch wenn Geishas selbst rar geworden sind, wie Touristenführerin Tomoko erzählt. An der Küste halten früh morgens Männer ihre Angeln ins Wasser, und Frauen in Kimonos begrüßen ankommende Touristen.

An einem Schrein ganz in der Nähe des Kenroku-en-Gartens werden junge Japaner ihre Wünsche los. Viele bitten auf Holztafeln für ein gutes Examen, andere erinnern an Verstorbene. Tomoko geht zu einem kleinen Brunnen und reinigt sich die Hände, spült ihren Mund aus. "Reinigung ist hier sehr wichtig", sagt sie. Für 20 Yen (etwa 15 Cent) kann man ein Glückspapierchen kaufen. Das zusammengefaltete Zettelchen soll die Zukunft voraussagen. Bei positiven Nachrichten steckt man den Zettel ein. Steht eine schlechte Nachricht darauf, knotet man ihn vor den Schrein zu den anderen schlechten Nachrichten.

"Der Wind weht stark, die Wellen schlagen hoch. Aber die Ruhe selbst ist unser Hafen", steht auf einem der Papiere. Es wandert als Erinnerung in die Brieftasche.

Quelle: RP
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