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Dinslaken: "Flüssigbrot" auf rosa Zucker

VON RALF SCHREINER - zuletzt aktualisiert: 30.08.2011

Dinslaken (RP). Die Heimat ist rosa, und sie riecht nach Lakritz, Erdbeerbonbons, Mausespeck und Leckmuscheln. Ein Stück dieser klebrig-süßen Idylle ist zurzeit im Kunstkiosk 422 in Lohberg zu sehen. Die Künstlerin Regine Strehlow-Lorenz zeigt dort die Installation "Zwischen rosa und Pils".

Sogar der Hirsch trägt Rosa: Im Kunstkiosk 422 offenbart sich auf subtile Weise der klebrig-süße Schrecken von Suchtkultur im Ruhrgebiet.  Foto:  Martin Büttner
Sogar der Hirsch trägt Rosa: Im Kunstkiosk 422 offenbart sich auf subtile Weise der klebrig-süße Schrecken von Suchtkultur im Ruhrgebiet. Foto: Martin Büttner

Für gewöhnlich präsentiert sich das Büdchen an der Hünxer Straße 422 in Blau und Weiß. Seit einigen Wochen trägt es Rosa. Regine Strehlow-Lorenz hat den Kiosk auf Heimat gebürstet. Von innen und außen. Rosa ist heimelig, sagt die Künstlerin. Rosa ist kitschig. Vor allem aber ist Rosa mehr als eine Farbe.

Unter bestimmten Voraussetzungen kann man sich auch rosa fühlen. Kleinteilige, Sucht befriedigende Leckereien helfen dabei. Im Ruhrgebiet werden die Glücklichmacher seit je her auf kleinstem Raum verkauft – im Büdchen: Zeitschriften, Getränke, Süßwaren, Brötchen, Zigaretten, Bier, Kräuterlikör. Vor gar nicht so langer Zeit wurden sogar noch Rollmöpse und Soleier aus übergroßen, mit trüber Brühe gefüllten Einmachgläsern gefischt, wenn es dem Kunden zum Pils aus der Pulle nach etwas Deftigem gelüstete.

Info

Finissage

Die Installation "Zwischen rosa und Pils" ist noch bis Sonntag, 11. September, zu sehen. Für diesen Tag laden die Künstlerin Regine Strehlow-Lorenz und Kiosk-Betreiberin Britta L.QL. ab 15 Uhr zur Finissage ein.

Einen Überblick über die Kunstwerke im Inneren des Büdchens gibt eine an der Außenwand angebrachte Tafel, auf der 64 Objekte aufgeführt sind. Eine Kurzinformation in Form einer Postkarte zum Mitnehmen findet sich neben der Eingangstür.

Mit doppeltem Boden

Regine Strehlow-Lorenz steht der Sinn nach Kunst. In ihrer Installation löst sie sämtliche handelsüblichen Waren, die es in einem Kiosk zu kaufen gibt, aus ihrem ursprünglichen Kontext. Sie verändert die Form der Dinge, stellt neue Zusammenhänge her und schafft damit zugleich neue Aussagen.

Das Ergebnis sind allerlei skurrile Objekte, die als witzig-ironische Glücklichmacher daherkommen. Doch Vorsicht. Regine Strehlow-Lorenz' arbeitet gern mit doppeltem Boden. Hinter der bonbonsüßen Fassade des Offensichtlichen verbirgt sich mitunter Provokantes.

Der Blick ins Innere des Kiosk 422 zeigt zwei üppig gedeckte Tische. Darauf finden sich Mohnbrötchen, die verbunden durch eine Papierleiter, zum "gemeinsamen Frühstück" einladen. Das "Mousepad" liefert weiße Schaummasse am Spieß.

Ein zum Zigarettenspender mutierter Brotlaib präsentiert sich als "Überlebenspaket". Ein anderer Laib dient, gefüllt mit leeren Schnapsfläschchen, als "Flüssigbrot". Die tägliche "Dosis" Süßes lockt als knallbunter Verführer in der Pillenschachtel.

Getoppt wird das Ganze durch einen Bonbon-Stuhl, in dem die Künstlerin pfundweise Gummibärchen, Lutscher, Lakritz, Kaugummi, Aufgeschäumtes und künstlich Koloriertes verklebt hat. Die Einladung zum ungezügelten Naschen ist nur scheinbar harmlos. Birgt sie doch das Erfolgsrezept für frühkindliche Verfettung.

Regine Strehlow-Lorenz verarbeitet ausschließlich authentisches Material. "Ich habe es an einem Kiosk in Hiesfeld gekauft", sagt die Künstlerin. Nicht alles auf einmal, sondern stückweise. Und Stück für Stück hat sie es in ihre Installation eingearbeitet. "Das Kunstwerk ist gewachsen. Jeden Tag kommt etwas Neues hinzu. Das macht ungeheuren Spaß."

Auch das Äußere des Büdchens hat sich in den vergangenen Wochen verändert. Ein Sessel steht davor, darauf liegt eine rosafarbene Decke. Auf einem Hirschgeweih thront ein Lampenschirm in gleicher Farbe. Rosa sind auch die Deckchen auf den Fensterbänken. Vor der Dekoration darauf sollten sich Besucher in Acht nehmen. Die aus einer undefinierbaren Masse geformten Zuckerblüten kleben wie Fliegenfallen.

Wer hineingerät, kann sich bei der Künstlerin schriftlich beschweren. Rosa Klebezettel liegen aus. Am Montag pappte ein Zettel von "Wittek" an der Scheibe des Büdchens. Der Dinslakener Comiczeichner fasste sich gewohnt kurz: "Boh! Rosa!"

Quelle: RP


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