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"Die Eltern fühlen sich veräppelt"
Unterrichtsausfall in NRW – vor Ort herrscht Frust

Unterrichtsausfall in NRW – vor Ort herrscht Frust
Nicht erteilter oder gar nicht erst eingeplanter Unterricht treibt Eltern und Lehrer um. Man nehme alle Hinweise "sehr ernst", betont die grüne Ministerin Sylvia Löhrmann. FOTO: dpa
Düsseldorf. Nicht erteilter oder gar nicht erst eingeplanter Unterricht ist neben G 8 das zweite große Problem von NRW-Schulministerin Löhrmann. Vor Ort herrscht Frust, teils Resignation – und die Wahl kommt schon in Sicht. Von Frank Vollmer

Fünftklässler eines Gymnasiums haben zwei Monate lang keinen Mathematikunterricht. Es gibt Vertretungsstunden, da wird "Stadt, Land, Fluss" gespielt. Anderswo sitzen mehr als 30 junge Leute im Erdkunde-Leistungskurs, weil die Schule zwei Kurse nicht anbieten kann – Personalmangel. Ein drittes Gymnasium informiert die Eltern schon zum Schuljahresbeginn ganz offen, dass man "den personellen Unterhang ohne Unterrichtskürzungen" nicht werde auffangen können.

Schlaglichter aus Nordrhein-Westfalen Anfang 2016, gut ein Jahr vor der Landtagswahl. Nicht erteilter oder gar nicht erst eingeplanter Unterricht treibt Eltern und Lehrer um. Man nehme alle Hinweise "sehr ernst", betont die grüne Ministerin Sylvia Löhrmann, fügt aber hinzu: "Ob die Eltern sich tatsächlich in jedem einzelnen Fall empören, vermag ich nicht zu beurteilen."

"Ein riesengroßes Problem" 

Schulen in NRW - Fakten im Überblick FOTO: dpa, Julian Stratenschulte

Fragt man allerdings die Vertreter dieser Eltern, dann ist der Unwillen mit Händen zu greifen: "Ein riesengroßes Problem" nennt es Ulrich Czygan, Chef der Landeselternschaft der Gymnasien. "Eine Katastrophe, ein Armutszeugnis der Landesregierung, und es wird immer schlimmer", sagt Berit Zalbertus von der Elternschaft Düsseldorfer Schulen. Den Zahlen des Ministeriums, wonach die Ausfallquote über die Jahre deutlich gesunken ist, glaubt sie nicht.

"Die Eltern fühlen sich veräppelt, wenn ihr Kind um 11 Uhr schon wieder zu Hause sitzt und sie dann von 1,7 Prozent Ausfall lesen müssen." Regine Schwarzhoff vom Elternverein schließlich zieht den Vergleich zum anderen schulpolitischen Großproblem: "Der Unterrichtsausfall bewegt die Eltern derzeit mehr als G 8, denn er betrifft alle Schulen." Der Ausfall scheint neben der endlosen Debatte um die gymnasiale Schulzeitverkürzung das zweite Pulverfass zu sein, dessen Explosion Löhrmann fürchten muss.

Die Malaise ist, wie der Streit um G 8 oder G 9, nicht neu; sie ist sogar noch um einiges älter. Das Problem hat zwei Varianten: eine akute und eine chronische. Kurzfristiger Ausfall etwa durch Krankheit ist kaum zu vermeiden, höchstens zu kompensieren. Was aber Betroffene zuverlässig auf die Palme bringt, ist die strukturelle Lücke von gut 3500 Lehrerstellen, die eine auskömmliche Versorgung oft unmöglich macht. NRW hat schlicht zu wenig Lehrer – das hat die Ministerin selbst festgestellt.

Den Sport trifft es oft zuerst

"Was mich wirklich ärgert", sagt ein Schulleiter vom Niederrhein, "ist, dass keine Landesregierung das Übel an der Wurzel gepackt hat." Die Verordnung, wonach auf 19,88 Schüler in der Sekundarstufe I des Gymnasiums eine Lehrerstelle entfällt, habe ein Kollege zur Grundlage für eine Idealrechnung genommen – und herausbekommen, dass selbst bei einer solchen 100-Prozent-Versorgung nicht aller Unterricht erteilt werden könne.

Und Schulen mit 100 Prozent gelten schon als Attraktion. Kein Wunder, dass da mit Vorliebe textile Metaphern bemüht werden: "Es ist nicht alles Spitz auf Knopf genäht", sagt der Schulleiter, "dann könnte ich's ja anziehen. Die Wahrheit ist: Es reißen alle Nähte, sobald ich's anziehe." Schwarzhoff versucht es ähnlich: "Die Decke ist zu kurz. Die Füße schauen raus, wenn die Ohren warm sein sollen, und umgekehrt."

Die strukturelle Unterdeckung hat zu dem grotesken Phänomen geführt, dass viele Schulen zu wenig Unterricht einplanen, um nicht später noch mehr Unterricht ausfallen zu lassen. Allein zwei Drittel der Gymnasien kommen nach Angaben des Landesrechnungshofs nicht auf die Mindeststundenzahl. Dabei gibt es, so ist zu hören, eine klare Kürzungshierarchie: Sport trifft es oft zuerst; freiwerdende Kollegen können dann ihre Zweit- oder Drittfächer unterrichten.

Es folgen Politik, Religion oder Geschichte; ganz unten auf der Liste stehen Mathematik, Deutsch und die Fremdsprachen. Was freilich nicht heißt, dass Mathe stets problemlos erteilt würde. "Wenn eine Kollegin schwanger wird, dann finden Sie vielleicht jemand mit Deutsch und Geschichte, aber gerade Mathe ist absolutes Mangelfach", sagt der Schulleiter: "Mathe-Kollegen mit Politik, Sowi oder Sport als Zweitfach unterrichten kaum noch anderes als Mathe."

Wie genau definiert sich eigentlich Ausfall?

Das Elend wird perfekt dadurch, dass nicht einmal Einigkeit über eine Definition besteht, was Ausfall ist: fachfremder Unterricht? Eine Doppelbetreuung von zwei Klassen durch einen Lehrer? Und vor allem: Wie ist das "eigenverantwortliche Arbeiten" zu bewerten, bei dem Schüler selbstständig Aufgaben lösen? "Das Geschehen in der Schule ist vielschichtig und lässt sich nicht einfach abbilden", sagt Löhrmann dazu: "Für die eine Klasse ist der Schulausflug ins Museum ein ganzer Tag Lernen an einem besonderen Ort, für die andere Gruppe ist es Unterrichtsausfall."

Über Definitionsfragen brütet eine Untergruppe der Bildungskonferenz aus Eltern, Lehrern, Parteien und sonstigen Experten; wenn es noch in diesem Jahr ein Ergebnis gäbe, gälte das schon als Erfolg, gar (so ist im Ministerium zu hören) als "Befriedung" der Diskussion. Davon wäre dann jedoch der Streit, ob alle Schulen an einer Ausfalldaten-Erhebung teilnehmen sollten, noch gar nicht berührt, zu schweigen von der Frage, woher das Geld kommen soll, um die strukturelle Lücke zu schließen.

Viele Eltern wissen, dass es zunächst dem Schulleiter schadet, wenn sie auf die Barrikaden gehen – weil der sich dann gegenüber der Schulaufsicht, eventuell auch dem Ministerium erklären muss. Das verstärkt mancherorts den Frust zur Resignation. Probleme mit der Personalversorgung behält mancher Direktor also lieber für sich. "Jeder, der Kritik übt, wird zum Einzelfall gestempelt", sagt unser Schulleiter. Deshalb wolle auch niemand den Namen seiner Schule in der Zeitung lesen. "Manchmal aber spricht man dann doch ehrlich mit jemandem darüber. Der Effekt ist immer derselbe –ich merke dann: Es liegt ja gar nicht an dir."

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