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Suizid eines Kindes in Hattingen
"Der Junge wollte wahrscheinlich auf sich aufmerksam machen"

Werne. Ein Neunjähriger aus Hattingen soll sich erhängt haben. Der Fall hinterlässt Entsetzen und Ratlosigkeit. Wie kann ein Kind Suizidgedanken entwickeln? Ein Experte erklärt: Auch in der frühen Pubertät sind Depressionen möglich.

In einem Moment schreien sie vor Wut, in der nächsten Minute sind sie überglücklich. Kinder wollen entdecken, haben Fantasie, sind lebensfroh. "Für uns ist es schwer vorstellbar, dass Kinder im Alter von neun Jahren Selbstmord begehen können", erklärt Ralph Schliewenz, Kinderpsychotherapeut aus Werne.

In Hattingen soll genau das vergangene Woche passiert sein. In seinem häuslichen Umfeld wurde ein Neunjähriger tot gefunden. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll er sich erhängt haben.

Ein depressives Verhalten im Alter zwischen sechs und zehn Jahren, der sogenannten Prä-Pubertät, ist aus psychologischer Sicht keine Seltenheit. "Ein kritisches Alter, in dem Kinder sehr schnell verzweifeln können", sagt Schliewenz. "Sie wissen genau, was sie können und was nicht. Ich habe schon oft Kinder gesehen, die niedergeschlagen sind", sagt der Experte. Auch habe er schon Kinder sagen hören: "Ich mag nicht mehr leben."

Suizid ist die zweithäufigste Todesursache bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Häufiger sterben Menschen unter 25 Jahren nur an Autounfällen. Das geht aus einer Studie der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 2012 hervor. Laut Statistischem Bundesamt (Destatis) setzen in Deutschland etwa zwanzig Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 15 Jahren ihrem Leben pro Jahr willentlich ein Ende – doppelt so viele Mädchen wie Jungen. Suizide von Kindern unter zehn Jahren erfasst das Bundesamt jedoch nicht. "Aus Geheimhaltungsgründen, zum Schutz der Persönlichkeit, kommen diese Zahlen nicht in die Statistik", erklärt ein Sprecher des Amtes.

Parasuizidiale Handlung

Der Suizid eines Neunjährigen sei auch für Psychologen und Therapeuten ungewöhnlich, betont Schliewenz. Im Fall aus Hattingen sind Hintergründe und Ursachen bisher nicht bekannt. Die Ermittlungen laufen. Schliewenz vermutet eine sogenannte parasuizidiale Handlung. "Der Junge wollte sich vermutlich nicht umbringen, sondern mit der Strangulation auf sich aufmerksam machen." Es handle sich also um einen sogenannten appellativen Suizid. 

Tod und Sterben dürfen im Elternhaus keine Tabuthemen sein, rät der Experte. "Eltern sollen mit ihren Kindern sprechen", sagt Schliewenz. Eltern dürften keine Angst haben, "schlafende Hunde zu wecken". Kindern sagt der Psychotherapeut in seinen Sitzungen: "Such dir einen Erwachsenen, dem du vertraust, zum Reden." Dabei muss es sich nicht zwangsläufig um Mutter oder Vater handeln.

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222.

(laha/sno)