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Immer mehr elektronische Schulbücher und Computer
Streitfall digitaler Unterricht

Immer mehr elektronische Schulbücher und Computer: Streitfall digitaler Unterricht
Am Otto-Hahn-Gymnasium in Monheim erklärt Lehrer Oliver Drechsel Schülerin Milena Mellange an einem Whiteboard eine Aufgabe. Whiteboards sind digitale Tafeln, auf die sich mit Hilfe eines Beamers Bildschirminhalte projizieren lassen. Sie ersetzen zunehmend Tafeln, auf denen mit Kreide geschrieben wird. FOTO: Matzerath, Ralph
Monheim. Die Landesregierung plant an den Schulen eine digitale Offensive. Zunehmend sollen Computer und elektronische Schulbücher im Unterricht eingesetzt werden. Manche Lehrer und Eltern halten den Umbruch aber für überstürzt. Von Jörg Isringhaus

Zur Kreide greifen die Lehrer am Otto-Hahn-Gymnasium (OHG) in Monheim nur noch selten. Alle Klassenräume sind mit sogenannten Whiteboards ausgestattet - interaktive digitale Tafeln, auf die sich mit Hilfe eines Beamers Bildschirminhalte projizieren lassen. Darauf wird mit speziellen Stiften geschrieben. Obwohl die Klassenzimmer zusätzlich klassische Tafeln besitzen, werden diese immer unwichtiger.

Politisch ist das so gewollt: Zuletzt hatte NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) eine digitale Offensive gerade auch für die Schulen des Landes angekündigt. Laptops und Tablets sollen genauso alltäglich werden im Ranzen wie digitale Schulbücher. Auch für OHG-Leiter Hagen Bastian führt an der Digitalisierung des Unterrichts kein Weg vorbei. Kritiker wie der Wuppertaler Lehrer Arne Ulbricht aber entgegnen, der Umbruch komme viel zu schnell - die Leidtragenden seien Schüler, Lehrer und das gesamte Bildungssystem.

Ulbricht hat seine Bedenken gegen eine überstürzte Digitalisierung des Unterrichts in dem Buch "Schule ohne Lehrer?" (Vandenhoeck & Ruprecht) zusammengefasst. Vor allem in der Sekundarstufe I und in Grundschulen sei beispielsweise Laptop-Unterricht Unfug. Wenn Schüler durchgehend online wären, würden sie das auch missbrauchen. Dem Lehrer falle damit die Rolle eines Kontrolleurs zu - diese Überwachung der Schüler wiederum ersticke die Kreativität.

Zehn Fakten über neue Technologien in der Schule FOTO: Jügen Loosen

"Schüler müssen heutzutage nicht lernen, wie man mit dem Handy lernen kann, sondern wie man ohne Handy leben kann", sagt Ulbricht. Zudem befürchtet er, dass Lehrer, wenn sie nur noch kontrollieren, statt zu unterrichten, zunehmend überflüssig würden. Technische Fertigkeiten zählten mittlerweile mehr als didaktische oder pädagogische.

"Dabei liegt der Schlüssel zum Lernerfolg beim Lehrer; nur er kann beim Schüler die Begeisterung für den Stoff wecken", pflichtet Renate Schwarzhoff, Vorsitzende des Elternvereins NRW, dem Lehrer bei. Ihrer Meinung nach beabsichtige die Landesregierung sogar, durch die Digitalisierung mittelfristig Lehrerstellen einzusparen. Die Vermittlung von Inhalten zumindest könne nicht im Vordergrund stehen.

Denn was inhaltlich etwa von den weit verbreiteten Powerpoint-Referaten der Schüler hängen bleibe, sei oft marginal. "Es geht nur noch um die Form", sagt Schwarzhoff. Von ähnlichen Erfahrungen berichtet Ulbricht. Der Stoff für Referate werde gegoogelt und sofort vergessen. Das Gelernte setze sich nicht fest, weil jeder Schüler wisse, dass es im Internet jederzeit verfügbar sei. Ulbricht: "Ich kenne Schüler, die nach einem Vortrag keine Frage zum Thema beantworten können."

Schulleiter Hagen Bastian findet solche Bedenken vorgestrig. Referate seien heute lebendiger, wenn auf Qualität geachtet werde. "Beim Frontalunterricht bleibt auch nicht unbedingt mehr hängen", sagt Bastian. Zudem erziele man dank digitaler Medien erhebliche Lernzeitgewinne. An seiner Schule startet im Sommer ein Pilotprojekt mit Tablets. Zwei Klassen werden dabei komplett mit Tablets ausgestattet; der Unterricht soll fächerübergreifend über die Computer laufen. Klaus Hegel, Schulleiter des Gymnasiums Aspel in Rees, spricht sich ebenfalls für eine Digitalisierung aus - wenn sie einen didaktischen Mehrwert liefert. "Nur schick und modern zu sein, das ist für uns kein Kriterium", sagt Hegel.

FOTO: dpa, Arne Dedert

Für den Philologenverband ist das der richtige Weg. Schule dürfe sich nicht der Wirklichkeit versperren, sagt Sprecher Andreas Merkendorf, die Wissensvermittlung habe sich eben verändert. "Digitalisierung ist allerdings kein Selbstzweck und ersetzt nicht den Inhalt." Wichtig sei eine gute Steuerung durch den Staat. Dazu gehöre etwa, den Umgang mit digitalen Medien mit in die Lehrerausbildung zu nehmen.

Auch Ulbricht ist nicht so vermessen, dass er eine Rückkehr zur analogen Schule fordert. Aber er spricht sich für eine maßvolle Umsetzung aus. Nur weil ein herkömmlicher Klassenraum neben einem mit Whiteboard aussehe wie aus der "Feuerzangenbowle", sei das kein Grund, den Frontalunterricht zu verteufeln.

"Vieles geschieht derzeit unüberlegt, einzig aus der Sorge heraus, den Anschluss zu verlieren", sagt er. Gerade jüngere Kollegen, die mit digitalen Medien aufgewachsen sind, stünden dem Thema eher unkritisch gegenüber. Wie aber sieht Ulbrichts Entwurf aus? Er wünscht sich einen konzentrierten digitalen Unterricht ab der fünften Klasse; dabei wird etwa über Gefahren und Chancen des Internets gesprochen. Zwei, drei Räume an jeder Schule sind modern ausgestattet und können fächerübergreifend genutzt werden.

Der restliche Unterricht läuft so analog wie möglich, Smartphones haben außerhalb dieses Unterrichts nichts zu suchen. "Schulen müssen nicht mit dem Strom schwimmen", sagt Ulbricht. "Ihre Aufgabe ist es, Wissen zu vermitteln - und nicht nur Techniken aufzuzeigen, wie man es generiert."

Quelle: RP
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