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Reportage Am Montag
Auf der Suche nach dem Steinkauz

Dinslaken. Der Naturschutzbund (Nabu) zählt die scheuen Eulenvögel derzeit in der ganzen Region. Es geht darum, die Population zu erfassen. Auch in Voerde sind die Zähler unterwegs. Von Florian Langhoff

Voerde Es ist kurz vor Sonnenuntergang. Auf dem Parkplatz der Gaststätte "De alde School" in Löhnen stehen Männer in blauen Jacken. Sie bereiten sich auf einen Lauschangriff vor. Allerdings geht es nicht darum, die menschlichen Bewohner des Dorfes auszuhorchen. Die Männer sind Steinkauz-Zähler der Nabu Ortsgruppe Voerde. Doch wäre es nicht einfacher, sich bei Tageslicht auf die Suche nach den Vögeln zu machen? Keineswegs. "Die Vögel sind meistens in der Dämmerung aktiv und dann die ganze Nacht hindurch", erklärt Günther Kalisch. Die Vögel, die mit einem Bestand von etwa 8000 Brutpaaren in Deutschland auf der Roten Liste gefährdeter Tierarten stehen, sind schwieriger zu sehen als zu hören.

Ein Großteil der in Deutschland lebenden Steinkäuze nistet in Nordrhein-Westfalen. Besonders am Niederrhein fühlen sich die Vögel wohl. Nicht nur, dass die vielen Wiesen ideale Jagdgründe für die kleine Eulenart sind, die Tiere finden hier auch hervorragende Nistplätze. "Steinkäuze bevorzugen zum Brüten dunkle Höhlen, und die finden sie hier oft in den Kopfbäumen", erklärt Günther Kalisch. In den umliegenden Wiesen finden die Vögel, die kleiner sind als eine Taube und etwa 200 Gramm wiegen, ihre Nahrung. Derzeit haben sie es schwer. "Viele Wiesen werden nicht mehr mit Vieh bewirtschaftet, daher ist das Gras oft sehr hoch. Da haben die Steinkäuze keine Chance bei der Nahrungssuche", erklärt Günther Kalisch. Auch wenn es im Winter relativ viel schneit, hat das Auswirkungen auf die Population. Denn auch dann finden die Vögel, wegen der dichten Schneedecke, weniger Nahrung. "Deshalb nisten sie auch nicht in höheren Lagen", erklärt das Nabu-Mitglied. Von Bekannten wurden die Steinkauz-Zähler über einige Exemplare informiert, die abends vor Ort zu hören sein sollen. "Steinkäuze sind sehr ortstreu", sagt Kalisch. Auch die Jungtiere ziehen meist nicht weiter als zehn Kilometer vom Nest ihrer Eltern weg. So kann man davon ausgehen, dass dort, wo man zuletzt Steinkäuze fand, jetzt wieder Vögel zu finden sein werden. In Löhnen wissen die Nabu-Mitglieder ganz genau, wo es etwas zu hören geben könnte. Und so machen sie sich vom Parkplatz aus auf den Weg zur Brandscheidstraße. Dort stehen an beiden Seiten des Weges alte Obstbäume. In einigen davon finden sich Nistkästen, die die Naturschützer im ganzen Gebiet aufgestellt haben. "Wir haben etwa 50 Nistkästen in der Umgebung, die genutzt werden können", sagt Günther Kalisch. Dann dreht er sich um zur Gruppe von Männern, die mit ihm nach Steinkäuzen lauschen wollen. "Seid mal still. Ich glaube, ich habe etwas gehört." Sofort herrscht Ruhe auf dem Weg. Sekunden des Schweigens, die sich ausdehnen, während alle angestrengt in die Dunkelheit lauschen. Anscheinend erstmal falscher Alarm.

Dass die Nabu-Mitglieder ausgerechnet jetzt nach den Vögeln suchen, hat einen Grund. Für Steinkäuze herrscht Balzzeit. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, sie hören zu können. "Die Vögel legen Mitte April ihre Eier. Die werden dann etwa vier Wochen lang bebrütet, bevor die Jungvögel schlüpfen", erklärt Günther Kalisch. Für gewöhnlich liegen die Nistplätze von Steinkauzpaaren mehrere Hundert Meter von einander entfernt.

Die Männer mit den blauen Jacken gehen einige Meter und lauschen erneut. Dann ist deutlich der Ruf eines Steinkauzes zu hören. "Da haben wir einen", sagt Hermann Berlin. Ein zweiter Ruf kommt aus einer anderen Richtung. Dann erklingt ein Dritter, von etwas weiter weg.

Die Positionen, aus der die Rufe kommen, tragen die Steinkauz-Zähler mit Pfeilen auf einer Karte ein. "Dann kreisen wir die Standorte langsam ein, bis wir ziemlich sicher sind, wo die Steinkäuze sind und tragen sie dann ein", erklärt Günther Kalisch. Bei der Zählung der Population im Jahre 2004 fanden sich in Voerde 60 Brutpaare. Immerhin gut zehn Prozent der Population im Kreis Wesel und ein Prozent des Bestandes im Bundesland Nordrhein-Westfalen.

Die Zählaktionen hat Günther Kalisch bei der Polizei angemeldet. Gruppen von Männern, die sich in der Dämmerung durchs Dorf schleichen, könnten schließlich misstrauische Anwohner auf den Plan rufen. "Wir können uns natürlich ausweisen und mittlerweile sind wir durch unsere Uniformen auch leicht zu erkennen", sagt Günther Kalisch.

Ein Polizeieinsatz bleibt den Steinkauz-Suchern in der Abenddämmerung erspart. Dafür ist die Suche nach Steinkäuzen in Löhnen ein voller Erfolg.

Quelle: RP
 
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