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Interview Gerrit Starczewski
Die natürliche Art des Fußballspielens

Dinslaken. Gerrit Starczewski aus Mehrhoog ist nicht nur Fotograf, sondern auch Aktionskünstler mit einem Herz für Kicker. Als Statement gegen den Kommerz im Sport lässt er sowohl Spieler als auch Zuschauer nackt antreten - in Oberhausen beim Naked-Fußball.

HAMMINKELN/OBERHAUSEN Gerrit Starczewski aus Mehrhoog, heute Bochumer Fotograf und Aktionskünstler und bekannt durch grelle Foto-Events, sagt als Fußballkenner, was er gesellschaftskritisch von der millionenschweren Profi-Szene hält: "Fußball muss natürlich bleiben. Nackt kicken gegen Kommerzialiserung. Lasst uns dem modernen Fußball die Arschkarte zeigen." Mit beneidenswerter Naivität und ungebrochener Energie lässt er nicht locker mit auffälligen Ideen. Und so wird es auch in diesem Jahr ein Naked-Fußballspiel geben. Es steigt am Sonntag, 29. Mai, ab 14 Uhr im Oberhausener Niederrhein-Stadion. Schon im Trailer 2016 - vorsichtshalber in amtlicher Imitation mit "nicht jugendfrei" gestempelt - sind die nackten Tatsachen zu sehen. Da zeigen elf Freunde ihr Hinterteil, Rücken und Beine, so wie Gott sie schuf. Weil wir aber beim Fußball sind, sind die Rückennummern auf die Haut gemalt, und auch das komplette Nacktsein ist ein Märchen. Ohne Stutzen, Schienbeinschoner und Fußballschuhe geht es nicht beim Kicken. Der obligatorische Trikottausch fällt allerdings aus. Die RP sprach mit Gerrit Starczewski über seine Aktion.

Am Sonntag steigt in Oberhausen ein ganz besonderes Fußballspiel. Was, bitte schön, hat das mit dem Niederrhein zu tun?

Gerrit Starczewski Sehr viel. Schließlich bin ich im Herzen immer noch Mehrhooger, sehe mir, wenn es irgend geht, die Spiele der zweiten Mannschaft des VfR Mehrhoog an. Außerdem bekenne ich mich zur besten Pizzeria überhaupt, und die ist in Mehrhoog.

Unseres Wissens wurde aber in Deinem Heimatort nie nackt Fußball gespielt. Jetzt veranstalten Sie Naked-Fußball. Worum geht es genau?

Starczewski Ich mache seit 2010 mein Naked-Heart-Projekt auf Musikfestivals. Dort haben schon 1000 Leute mitgemacht. Naked-Fußball überträgt die Idee auf den grünen Rasen.

Bald beginnt in Frankreich die EM. Ist der Termin für die nackte Kickerei bewusst jetzt gewählt?

Starczewski Die EM ist der Inbegriff der Kommerzialisierung. Ich finde: Man sollte sie konsequenterweise boykottieren. Der Kommerz ist der Tod der wahren Tradition. Naked-Fußball ist deshalb künstlerisches Protestspiel gegen die Kommerzialisierung. Nacktheit ist gleich Natürlichkeit. Anders gesagt: Wir wollen mit unserem Spiel dem Kommerz die Arschkarte zeigen. Letztes Jahr haben wir das Spiel erstmalig in Herne im Schloss Strünkede ausgetragen und damit die Korruptionsaffäre um Sepp Blatter und Konsorten kritisiert. Dieses Jahr pfeifen wir es in Oberhausen an. Das passt ganz hervorragend zusammen. Schließlich kämpft Rot-Weiß Oberhausen ja auch immer um das nackte Überleben.

Und das ist Kunst?

Starczewski Das Ganze hat eine ästhetische Komponente. Denn es ist höchst interessant zu sehen, wie sich der nackte Körper beim Kopfball oder Dribbling verhält. Es gibt Millionen Fußballbilder, aber keine Bilder, die eben zeigen, wie sich der nackte Körper beim Spiel verändert.

Aber eigentlich geht es Ihnen als Bochumer doch um Fußball, oder?

Starczewski Keine Region in Europa ist so besessen vom Fußball wie der Pott. So eine Vereinsdichte findet man nirgends sonst. Der Pottler ist für mich ein Typ, der einfach ehrlich und geradeaus ist. Diese Haltung passt perfekt zu Naked-Fußball. Viele vergessen, dass es neben dem BVB, Schalke oder Bochum auch noch Vereine wie Oberhausen, Essen und Westfalia Herne gibt. Es ist ein Unding, dass aus der Regionalliga, wo RWO spielt, der Meister nicht direkt aufsteigt. Man erlebt hautnah, wie Traditionen sterben - vor allem im Ruhrgebiet. Für die kleinen Vereine ist es nahezu unmöglich, wieder hochzukommen. Das bedeutet: Die Kluft zwischen den Vereinen wird immer größer. Daher ist unser Motto: Tradition und Herz - statt Seelenverkauf und Kommerz! Auch vor diesem Hintergrund ist es für mich klar, so ein Spiel bei einem Verein auszutragen, der von derartigen Entwicklungen eben betroffen ist. Unser Projekt ist der Versuch, an Werte zu erinnern und Denkanstöße zu geben.

Das klingt nach Gesellschaftskritik.

Starczewski Nun, ich bin für meine minimalistische Ideen mit einer Botschaft bekannt. Das Spiel polarisiert. Die einen feiern eine solche Aktion ab - andere können nichts damit anfangen. Etwas Befreiendes hat solch ein Spiel, wobei ja auch die Zuschauer nackt sind. Das zeigt, dass so ein Spiel seine Berechtigung hat. Es ist viel mehr als nur "nackt" kicken. Es steckt auch eine Gesellschaftskritik in dem Projekt. Unsere Gesellschaft gibt sich immer sehr offen und tolerant, aber wenn es um Nacktheit, Sex oder das wahre Einstehen für eine bestimmte Haltung geht, hält man sich lieber bedeckt und duckt sich weg. Übrigens ist das auch ein Grund dafür, dass etwa Ultras für viele Vereine einen Dorn im Augen darstellen. Sie kritisieren und nehmen kein Blatt vor den Mund.

Wie viel Leute kommen zum Spiel?

Starczewski Im letzten Jahr kamen 110 Zuschauer. Dieses Jahr hoffen wir auf mehr. Urige Typen haben wir jedenfalls zu bieten. So steht das Spiel unter der Leitung von Kultschiri Uwe Bresch aus Wesel, einem fast 60-jährigen Kreisliga-C-Schiri, der aussieht, als ob er fünf Bälle verschluckt hat. Der ist Kult, der Typ lebt den Fußball, den Amateurfußball. Und er wird als Einziger angezogen den Flitzer-Schiri unter all den Nackten machen. Humor steht bei unserem Spiel im Vordergrund. Dennoch meinen wir unsere Kritik ernst. Wir möchten etwas entstehen lassen, über das man noch in Jahren spricht! Alle fühlen sich locker. Die Zuschauer sind ja auch nackt. Alle sind glücklich. Alle sind natürlich, und so soll auch der Fußball sein.

Sie suchen noch Leute, die am Sonntag die Hüllen fallen lassen. Kommt man schon ohne alles ins Stadion?

Starczewski Man kann angezogen kommen und sich auf der Tribüne entkleiden. Wer mitkicken möchte, einfach Schoner und Schuhe mitnehmen. Gespielt wird in weiß-roten Stutzen, den Farben von RWO.

THOMAS HESSE FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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