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Ein tiefes Gefühl zum Anfassen

Dinslaken. Schnell hingeschriebene Wünsche auf der Facebook-Pinnwand, Massen-Handynachrichten mit lustigen Smileys - zu Weihnachten sollten wir auf all das verzichten und stattdessen wieder echte Postkarten aussuchen, denken und schicken. Denn besser kann man Menschen nicht zeigen, dass sie wahrhaftig von Bedeutung für einen sind.

Die Karte ist weiß, auf dieses Weiße hat jemand ein blaues, nicht ganz ordentliches Feld gemalt und das Wort "Peace" geschrieben. Die silberweiße Schrift glitzert, das Blau sieht aus, als hätte man das aus dem Farbkasten mit Deckweiß gemischt und dann mit viel zu viel Wasser aufgetragen. Das ist meine 2015er-Weihnachtskarte. Sie ist hübsch, hat eine gute Botschaft und ist dabei ein bisschen kitschig. Weihnachtskarten gehören für mich zu Weihnachten - wenigstens in der Theorie. In der Praxis ist es leider so, dass sie häufig dort bleiben, wo sie nach dem Kaufen hingelegt wurden: in einer Schublade oder Tüte oder auf dem Stapel mit Nieangegucktem. In der Praxis ist es häufig auch so, dass es statt Karte einen Eintrag auf der Facebook-Pinnwand gibt oder eine Whatsapp-Nachricht mit lustigen Smileys. Natürlich, auch Pinnwandeinträge und Smartphone-Nachrichten sind sehr nett, wenn sie von den richtigen, den wichtigen Menschen kommen und vor allem, wenn man sieht, dass es keine Massenabfertigungs-Alles-Liebe-Nachricht ist. Diese Nachrichten braucht kein Mensch, ihnen fehlt es an Herz und an aufrichtigem Gefühl, im Gegenzug steckt in ihnen Zwang und Pflichtgefühl und Mechanismus.

Richtige, echte Weihnachtskarten sind für mich das ultimative Geschenk. In einer Zeit, in der ein riesig großer Teil der Post elektronisch ankommt, in der wir mehr mit Freunden chatten oder whatsappen oder mailen als sie in Wirklichkeit zu sehen, in der sich im Briefkasten entweder Werbung oder Rechnungen befinden, sind Karten etwas ganz Besonderes. Menschen, die eine echte Bedeutung haben (oder haben sollen, das ist auch ein sehr schöner Grund für eine Karte), sollten eine bekommen - dabei ist überhaupt nicht wichtig, ob man denjenigen drei Jahre nicht mehr gesehen hat oder regelmäßig telefoniert wird, ob man wöchentlich zusammen Kaffee trinkt oder den anderen zu einer Party einladen würde, wohnte man in der gleichen Stadt. Wichtig ist nur, ob der Mensch einen Platz im eigenen Herz hat, und dieser Platz muss kein bisschen in der ersten Herz-Reihe sein, da, wo man ihn immer sieht. Das ist in Wahrheit das einzige Kriterium beim Weihnachtskartenschreiben.

Pflichtgefühlspost ist das Schlimmste. Anders als bei Urlaubskarten, auf denen ich auch gern mal nur "Liebste Grüße aus XYZ" schreibe (und das kein bisschen schlimm finde), gehört auf eine Karte zu Weihnachten ein echter Text. Ein wirklicher Wunsch für denjenigen, der die Karte bekommen: persönlich und ehrlich und zwischen zwei Menschen. Auf die Karte gehört ein Gedanke, der nur für den anderen gemacht ist. Ein tiefes Gefühl, das gehört auf diese Karte.

In diesem Jahr verschicke ich wieder Weihnachtskarten. Sie bleiben nicht in der Schublade oder auf dem Stapel mit Nieangegucktem, sie sind schon ausgesucht, werden jetzt gedacht und beschrieben und geschickt. Weil wir den wichtigen Menschen viel zu selten sagen, dass sie von Bedeutung für uns sind. Dabei gibt es keinen tröstlicheren Gedanken.

VON BARBARA GROFE

Quelle: RP
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