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Kolumne Neu In Der Stadtbücherei
"Herr Faustini": ein moderner Taugenichts

Dinslaken. Der österreichische Schriftsteller Wolfgang Hermann, 1961 in Bregenz geboren, wurde hier noch nie vorgestellt - obwohl er mit seinen Romanen, vor allem mit seinen drei "Faustini"-Romanen (2006 ff.), auch in Deutschland recht erfolgreich war.

Mit seinem schrulligen "Herrn Faustini" hatte er eine Figur geschaffen, die in ihrer Mischung aus Weltfremdheit und Beobachtungsschärfe originell war und die dem Leser eine verblüffend "fremde" Perspektive auf die moderne Lebenswelt eröffnete.

Nun liegt Hermanns vierter Faustini-Roman vor, "Herr Faustini bleibt zu Hause", und wieder passiert oberflächlich betrachtet nicht viel Aufregendes. Doch das Wenige hat dramatische Auswirkungen auf das Innenleben des vereinsamten Pensionärs und "ewigen Junggesellen" Faustini.

Sein ruhiges Leben in seinem abgelegenen Haus mit seinem Ohrensessel und seinem Kater wird jäh aufgestört durch den Telefonanruf einer ehemaligen Klassenkameradin, die ihm ein verblüffendes Angebot macht: Ihre Karten und ihr Pendel haben ihr gesagt, dass er der Mann ihres Lebens sei und deshalb solle er mit ihr in ihrem Haus zusammenleben.

Das überraschende Angebot und der beginnende Frühling locken Herrn Faustini aus der Einsamkeit seines Hauses heraus, doch die Begegnung mit der ehemaligen Klassenkameradin verläuft befremdlich und enttäuschend. Und die Menschen, denen er auf seinen Gängen durch die Stadt begegnet, verhalten sich nach ihm unbegreiflichen Regeln und Zwängen. Am Ende des Romans flieht Herr Faustini wieder zurück in die Stille seines Hauses mit dem Ohrensessel. Die Sympathien des Lesers gehören auch in diesem 4. Faustini-Roman nicht den "funktionierenden" Menschen, die scheinbar mitten im Leben stehen, sondern der liebenswürdig-verschrobenen Zentralfigur, die so offenkundig mit dem Leben fremdelt. Wer sich erst einmal auf die Abenteuer dieses fremden Blicks auf unsern Lebensalltag eingelassen hat, wird auch über sich selbst immer neue Entdeckungen machen. Ein amüsanter, leicht zu lesender Roman mit philosophischem Tiefgang, der auch durch die erzählerische Virtuosität seiner ironisch gesponnenen Rollenprosa überzeugt.

DR. RONALD SCHNEIDER

Hermann, Wolfgang: Herr Faustini bleibt zu Hause; Langen Müller Verlag. 2016.

Quelle: RP
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