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Auschwitz-Tagebuch
Politischer Häftling Nummer 138817

Auschwitz-Tagebuch: Politischer Häftling Nummer 138817
Waclaw Dlugoborski (90) hat Auschwitz überlebt: Die Voerder Gymnasiasten hatten Gelegenheit, mit dem Zeitzeugen ein offenes Gespräch über das Vernichtungslager zu führen. FOTO: GV
Dinslaken. Die Jugendlichen des Projektkurses "Gegen das Vergessen" des Gymnasiums Voerde halten sich gegenwärtig in Polen auf. Von dort berichten die Oberstufenschüler für die Rheinische Post über ihre Eindrücke und Erlebnisse. Von Silja Schwanekamp und Vivien Grosser

AUSCHWITZ/VOERDE 138817 - dies scheint für uns irgendeine Zahl zu sein, doch Waclaw Dlugoborski trägt sie schon fast sein gesamtes Leben mit sich. Am vierten Tag unserer Auschwitz-Studienfahrt hatten wir Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem ehemaligen Häftling des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. "Die Zeit in Auschwitz hat mein Leben geprägt", berichtete Dlugoborski, der heute als Kurator für Forschungsfragen am Museum Auschwitz-Birkenau tätig ist. Seine Häftlingsnummer erinnert ihn täglich an seine Zeit in Auschwitz-Birkenau. Erstaunlich offen berichtet der Überlebende über die sadistischen Taten der Nationalsozialisten, unter denen er so wie unzählige andere politische Gegner, Juden und Angehörige anderer Minderheiten während des Holocausts gelitten haben.

Dlugoborski ist mittlerweile 90 Jahre alt. Er geht auf Krücken. Aber aufgrund seiner Ausstrahlung sind ihm seine Erlebnisse nicht anzumerken. Während er erzählt, schließt er seine Augen und ist hochkonzentriert. So wird uns sein Schicksal bewusst. Im Alter von 16 Jahren trat der Jugendliche dem polnischen Widerstand bei, der Untergrundbewegung Armia Krajowa, der polnischen Heimatarmee. Schon im darauffolgenden Jahr wurde er von der Gestapo verhaftet. Weitere vier Tage später wurde er nach Warschau ins Pawiak-Gefängnis gebracht, wo er anderthalb Monate auf seine Vernehmung warten musste. Am 28. August 1943 wurde er schließlich zusammen mit 800 weiteren Häftlingen nach Auschwitz deportiert. Wenige Tage später wurde er über die anstehende Deportation informiert und plante zusammen mit zwei weiteren Kollegen die Flucht. In den damals modernen Pumphosen versteckten die drei Werkzeuge, mit denen sie den Boden des Transportwaggons öffnen und so entkommen wollten. Weitere anwesende Häftlinge, die glaubten, nur zu einem Arbeitseinsatz ins Reich geschickt zu werden, hinderten sie aber an der Flucht, weil sie schlimme Strafen befürchteten.

Bei der Ankunft im Konzentrationslager waren gerade die Streifenanzüge, die typische Häftlingskleidung, ausgegangen, weil es so viele Häftlinge gab. Für Dlugoborski ein Glück, da er dadurch die Kleidung eines ermordeten Juden erhielt, die wärmer war. Anschließend wurde er einer Wohnbaracke und dem "Kommando Kanalreinigung" zugewiesen. Seine Arbeit bestand darin, die unterirdischen Kanäle der Latrinen zu reinigen. Eine schwere Arbeit, die vor allem schwere Krankheiten wie Fleckfieber und Typhus nach sich zog. So erkrankte auch Dlugoborski und wurde in die Krankenbaracke verlegt. Als Jude wäre er wohl sofort für die Gaskammern selektiert worden, aber als politischer Häftlinge arischer Abstammung bekam er ärztliche Behandlung. Aufgrund der verheerenden Niederlagen der deutschen Wehrmacht in Stalingrad und in Kursk schon einige Monate zuvor und der daraus resultierenden Verkleinerung des deutschen Gebietes, mangelte es zunehmend an Arbeitskräften im Lager. So wurden die Häftlinge nun noch stärker als Arbeitskräfte betrachtet und Dlugoborski daher nach seiner Genesung als Hilfspfleger in der Baracke BIIf eingesetzt. Die neue Unterkunft bot ihm deutlich bessere Bedingungen als er sie aus anderen Baracken gewohnt war. Hierzu gehörten beispielsweise ein eigenes Bett sowie eine Latrine und sogar eine Dusche. Hier blieb er dann, bis ihm gegen Ende des Krieges die Flucht gelang.

Wenige Tage bevor Auschwitz von der Sowjetunion befreit wurde, schickte man die Häftlinge auf die sogenannten Todesmärsche ins 60 Kilometer entfernte Gleiwitz. Dlugoborski blieb in Auschwitz und brach zusammen mit zwei weiteren Insassen in die Bekleidungskammern ein, um seine Häftlingskleidung zu ersetzen und unerkannt aus dem Lager zu entkommen. Zusammen flohen sie auf die andere Seite des Flusses Sola. Dabei wären sie fast noch von einem Offizier der Wehrmacht entdeckt worden, konnten diesen aber täuschen. Schließlich versteckten sie sich im Keller einer Familie in Oœwiêcim und blieben dort bis zum Einmarsch der Roten Armee.

Nach der Befreiung erkrankte Dlugoborski an Tuberkulose, wodurch sich sein angestrebter Studienbeginn hinauszögerte. Nach anderthalb Jahren in verschiedenen Heilanstalten begann er schließlich mit seinem Studium in den Bereichen Geschichte und Volkswirtschaftslehre. Zunächst war sein Fachgebiet die Industrialisierung Osteuropas in den 70ern, dann spezialisierte er sich auch auf den Nationalsozialismus und den Holocaust. Er promovierte und wurde Professor für Neue Geschichte in Breslau.

Die Begegnung mit Waclaw Dlugoborski und seine lebendige Erzählweise ließen das Thema, mit dem wir uns seit Monaten beschäftigen, lebendig werden. Sein enormes politisches und historisches Hintergrundwissen halfen uns, den Kontext besser zu verstehen. So brachte uns der Zeitzeuge unserem Ziel "Gegen das Vergessen" ein Stück näher.

Quelle: RP
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