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Mein Düsseldorf
Aus Alt mach bloß nicht Neu

Düsseldorf. Der Düsseldorfer wird schnell ungehalten, wenn man ihm das Gewohnte wegnehmen will. Aber was, wenn das Neue an dieser Stelle plötzlich besser ist?

Weltoffen und tolerant ist der Düsseldorfer, Neuem immer zugetan - jedenfalls sieht er sich so. Aber sobald Liebgewordenes weg soll, wird er grantig. Was ihm gefällt, soll bleiben, am liebsten würde er die so angenehme Gegenwart ausdehnen bis in die Zukunft. Egal, ob es jeder wirtschaftlichen Vernunft widerspricht. Sollte das Neue am Ende wider Erwarten besser sein als das ehemals verherrlichte Alte, will er schon immer dafür gewesen sein und hat seine Skepsis schnell vergessen.

Am Ende ist es der Stadt gut bekommen, diesen Mut zu haben, Visionen zu entwickeln und sie dann auch Realität werden zu lassen. Stadtplaner sehen darin eine Stärke des Standorts: Risiken einzugehen, Innovationen zu wagen, Altes nicht um seiner selbst Willen zu erhalten.

Das war schon in den späten 1950er Jahren so, als man - weit nach vorne blickend - für den Autoverkehr Straßen wie die Berliner Allee (Zerstörungen des Krieges ausnutzend) schuf und eine Hochstraße namens Tausendfüßler baute. Jahrzehnte später hatte man, auch das passt ins Bild, den Mut, gegen viele Widerstände dieses nun nicht mehr zeitgemäße Bauwerk abzureißen, weil man darin die Chance für eine neue, fußgängerfreundliche Stadtmitte erkannte. Ähnlich bei der Messe: Sie ist nur deshalb weltweit führend, weil Düsseldorf Anfang der 1970er Jahre damals absurd viel Geld in den Umzug und den Neubau in Stockum steckte. Und ein Rheinufer mit Autoverkehr kann sich heute keiner vorstellen - selbst die nicht, die in den 1990er Jahren gegen den Bau des Rheinufertunnels wetterten, weil der angeblich zu teuer war.

Heute läuft es wieder so ab: Großes Gezeter gab es gegen den Kö-Bogen, der sich längst als Gewohnheit gewordene Kö-Verlängerung präsentiert. Auch der zweite Bauabschnitt wird kritisch gesehen, die Baustelle nervt, aber in ein paar Jahren wird man ihn anders einschätzen. Am Rande: Ist es nicht angenehm, dort oben keine Straßenbahnen mehr zu sehen? Die sind im Tunnel als Teil der Wehrhahnlinie verschwunden.

Ganz anderes Beispiel: Erinnert sich noch jemand an das alte Gelände des Derendorfer Bahnhofs? Zum Schluss war es eine Industriebrache, auf der zwar - schönen Sumpfblumen gleich - ein paar nostalgisch-schöne Blüten sprossen (Les Halles), aber insgesamt war das Areal wenig ansehnlich. Klar, es hatte (wie einst der alte Bilker Bahnhof kurz vor seinem Abriss) einen reizvollen morbiden Charme. Viele mögen das und würden es am liebsten erhalten. Dass das wirtschaftlich nicht haltbar ist, interessiert solche Leute nicht.

Und nun? Die neue Fachhochschule auf dem früheren Brauerei- und Schlachthofgelände begeistert nicht nur die dort Studierenden, durch die Toulouser Allee entstand eine neue, schnelle Verkehrsachse (Achtung, da wird oft geblitzt!) und es gibt einige hundert neue Wohnungen. Ja, die sind sehr teuer - aber das spricht, jedenfalls derzeit noch, für die Qualität des Standorts. Übrigens wurde ein wenig alte Bausubstanz erhalten und wird genutzt. Also: Nicht nur Neu statt Alt, sondern auch Neu mit Alt.

Quelle: RP
 
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