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Serie Mein Tag
"Bonjour la classe"

Serie Mein Tag: "Bonjour la classe"
Der Raum im Lehrerzimmer ist knapp. Kathrin Kuchner teilt sich mit einer Kollegin einen Tisch. FOTO: Sonja Schmitz
Düsseldorf. Die RP hat Kathrin Kuchner (32), Französisch- und Deutschlehrerin am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Bilk, begleitet. Von Sonja Schmitz

Morgens, kurz nach sieben, ist es im Geschwister-Scholl-Gymnasium noch ruhig. Durch die großen Fenster im Lehrerzimmer geht der Blick ins Grüne. Kathrin Kuchner ist oft als eine der ersten hier. "Ich fahre lieber früher los, dann spare ich mir den Stau auf der A46, und ich kann hier noch in Ruhe arbeiten", sagt die 32-jährige Lehrerin, die in Remscheid lebt.

Bis der Unterricht beginnt, ist auch noch Zeit für einen Kaffee und die Vorbereitungen für die erste Doppelstunde: Das heißt vor allem, Materialien zusammensuchen und Kopien machen. Das geht schneller und entspannter, wenn man den Kopierer für sich alleine hat.

Jeder Lehrer hat ein eigenes Schließfach, damit er nicht immer alle Materialien mitbringen muss. FOTO: Sonja Schmitz

Der Gong, fünf vor Acht. Kathrin Kuchner packt ihre Nike-Tasche und den CD-Player und macht sich schnellen Schrittes auf den Weg in den Unterricht.

Die Französischstunde "Bonjour la classe", ruft Kuchner mit energischer Stimme. "Bonjour Madame Küchner", rufen die Schüler im Chor und sprechen ihren Namen mit französischem "ü" aus.

Maya (v.l.), Wilhelmine und Emma bereiten sich gemeinsam mit Aufgaben von der Lerntheke auf die bevorstehende Grammatikarbeit der fünften Klasse vor. FOTO: Sonja Schmitz

Kuchner beginnt die Doppelstunde temporeich und mit Schwung. Im schnellen Wechsel wandeln die Schüler direkte in indirekte Rede. "Super", "super bien", "très bien" ruft die Lehrerin nach jedem richtigen Satz. Dazu gibt es auch mal den hochgereckten Daumen. Das wirkt wie eine Anfeuerung. Beim lauten und schnellen Französischsprechen klingt ihre Stimme anders, als wenn sie Deutsch spricht. Ein bisschen rau und fast burschikos. Die Klasse gilt als lebhaft, aber zeigt heute, was sie drauf hat. Nur einmal bricht ein großer Junge in lautes Gähnen aus und erntet Lacher. Kuchner ruft ihn mit gespielter Strenge zur Ordnung: "Andrej!"

Zum Wachwerden gibt's neue Vokabeln: Sie liest vor, die Klasse wiederholt im Chor. Dann ein kleines Spiel: Beim abwechselnden Vorlesen eines Textes klopfen die Schüler auf den Tisch, wenn die Aussprache nicht stimmt. Siehe da, alle lauschen mit gespannter Freude darauf, wann sie klopfen können. Bei "moment" passiert das häufiger, weil die Schüler es gerne deutsch aussprechen.

Fünftklässler Jascha (r.) ist mit seinen Aufgaben schon fertig. Ihm macht es Spaß, Rinor bei seiner Arbeit zu helfen. FOTO: Sonja Schmitz

In der Fünfminuten-Pause essen manche Jungen und Mädchen ihr Butterbrot. Dazu bleibt der Lehrerin keine Zeit. Viele Schüler stellen Fragen. Zum Beispiel zur Somi-Note. Dazu sollen die Schüler einen Selbsteinschätzungsbogen ausfüllen und abgeben. "Und denkt daran, euren Namen auf das Blatt zu schreiben", bittet Kuchner. Manche schaffen es, andere nicht. Die zweite Stunde beginnt mit einem kleinen Diktat, was kurz für Aufruhr sorgt: "Oh nein." Anschließend korrigiert jeder Schüler das Diktat eines anderen. Die Ergebnisse sammelt Kuchner ein, um sich selbst einen Überblick zu verschaffen. Zurück im Lehrerzimmer nutzt sie die Pause, um ihre Tasche umzupacken. Ein schneller Gang auf die Toilette. Weiter geht's zur nächsten Klasse.

Die Deutschstunde "Geht's euch gut?", ruft Kuchner in den Klassenraum. "Ja!" schallt es zurück. Die Stimmung ist ausgelassen. Die Fünftklässler sind in der Erprobungsstufe, die Versetzung ist noch kein Thema. An die Tafel hat ein Mädchen geschrieben: "Deutsch bei der netten, sympatischen Frau Kuchner". Die Lehrerin freut sich. Beim Lesen fällt ihr aber auf, dass ein "h" fehlt, und sie korrigiert es gleich. Zwei Mädchen möchten die Hausaufgaben kontrollieren und bekommen von der Lehrerin die Lösungen der Aufgaben. Sie stellen sich vor die Klasse, rufen ihre Mitschüler auf und checken, ob das Gesagte richtig ist. Später bei der Freiarbeit setzen sich die Schüler in Zweier- oder Dreiergruppen zusammen, um Grammatikaufgaben zu lösen als Vorbereitung für die Klassenarbeit. Manche arbeiten lieber für sich. Jonathan und Jascha sind früh fertig und bieten anderen ihre Hilfe an. Zum Beispiel Erika, die vorne an einem speziellen Pult im Rollstuhl sitzt. Das Mädchen leidet an der Glasknochenkrankheit, wird von einer Schulassistentin begleitet und bewegt sich mit großer Selbstverständlichkeit in der Klasse. Anfangs, sagt Kuchner, habe sie großen Respekt vor dieser Situation gehabt. "Aber es ist ganz unkompliziert, man merkt es gar nicht." Immer wieder steigt der Lärmpegel. Wenn Kuchners "Psst" nicht hilft, benutzt sie die Lärmampel - je nach Lautstärke ein gelbes, orangefarbenes oder rotes Blatt. Als das nichts mehr nützt, ruft sie "Abbruch": Keiner darf mehr reden, alle müssen sich wieder auf ihre Plätze setzen. Zwei Jungs kommen einfach nicht, da macht sie Druck: "Aber zackig."

Kuchner sagt, sie mag die Freiarbeit. "Aber es ist anstrengend." Sie muss immer wieder die Lautstärke regulieren und gut im Blick haben, ob alle arbeiten.

Pause Schon auf dem Weg zum Lehrerzimmer wird Kuchner von Schülerinnen abgefangen, die möchten, dass sie einen Blick auf ihren Bericht wirft. Die Lehrerin überfliegt den Text, sagt "nicht schlecht" und gibt Tipps zum Verbessern. Dann rein ins Lehrerzimmer, Sachen packen für die nächste Doppelstunde und auf den Schulhof zur Pausenaufsicht. Mit im Schlepptau drei Neuntklässler. Eine Schülerin möchte mit ihr über ihre Note reden, sie fürchtet um ihre Versetzung. Kuchner schaut in ihre gelbe Kladde, nennt die Zahl der Fehlstunden und vergessenen Hausaufgaben: "Woher soll es denn kommen?", fragt sie. Eine bessere Note könne sie ihr nicht geben, das sei den anderen Schülern gegenüber ungerecht. "Da musst du früher ausgleichen." Gemeinsam mit dem Mädchen geht sie durch, in welchen Fächern sie durch Einsatz vielleicht noch etwas retten kann. Im Nu ist die Pause um. "Wenn jemand mit Sorgen zu mir kommt, kann ich den nicht einfach wegschicken", sagt Kuchner.

Die Französischarbeit Die Atmosphäre in der achten Klasse ist angespannt, bei Einigen steht die Versetzung auf dem Spiel. Für einen kurzen Moment hat ein Mädchen den Kopf gesenkt, die Hände gefaltet und murmelt vor sich hin. "Alle Hefte und alle Tornister nach vorne", ruft Kuchner. Damit keiner abgucken kann, stehen weiße Sichtblenden zwischen den Schülern. Schnell wird die Luft stickig. Bei offenem Fenster schallt Kindergeschrei herein. "Ist das zu laut?", fragt Kuchner. "Ja!". Nur einer witzelt: "Nee, ich find's angenehm." Nachdem alle abgegeben haben, bricht ein Mädchen in Tränen aus. Die Lehrerin spricht mit ihr und versucht, sie zu trösten: Wenn es mit der Versetzung nicht klappt, fühlt sich das erstmal schlimm an. Aber hinterher schreibt man wieder bessere Noten, dann geht es einem auch besser. Und dass die Klasse nächste Woche noch eine Englischarbeit schreibt, sei ja auch eine Chance. "Kopf hoch." Bevor alle draußen sind, ruft Kuchner noch: "Wer macht sauber?" Eine Schülerin holt den Besen aus der Ecke und fegt.

Nach sechs Stunden Dauereinsatz hat die Lehrerin frei. In der Zeit hat sie keinen Schluck Wasser getrunken, der Apfel blieb in der Tasche. "Jetzt brauche ich erst mal eine Pause", sagt sie. Bevor sie sich am Abend an die Korrektur der Klassenarbeiten setzt, besucht sie ihren Freund und fährt zum Reiterhof. "Im Augenblick trainiere ich, ohne Sattel und Zaumzeug zu reiten", erzählt sie.

Und bevor sie dann ins Auto steigt, sagt sie: "Ich mag die Schüler und meine Fächer. Jede Klasse ist anders. Jeder Tag ist anders. Das finde ich toll." Von der gegenüberliegenden Straßenseite winken drei Jungen mit Schulranzen und rufen: "Tschüs, Frau Kuchner."

Quelle: RP
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