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Düsseldorf
Diakonie wird 100 Jahre alt - von "Dr. Sommer" bis Patchwork-Familie

Düsseldorf. Die These von Diakonie-Vorstand Rudolf Brune ist steil. "Vater, Mutter, zwei Kinder: Dieses Familienbild ist in den urbanen Milieus der Großstädte beinahe vom Aussterben bedroht", sagt der Mann, der für den evangelischen Wohlfahrtsverband die Angebote für Kinder, Jugendliche und Familien entwickelt. Konkret bedeutet das nach seiner Einschätzung: Eine Pflegefamilie kann heute auch aus einer Alleinerziehenden oder einer nicht-ehelichen Lebensgemeinschaft bestehen, die Beratungsangebote der Diakonie sollen auch diese Menschen erreichen. "Wir nehmen die Gesellschaft, wie sie ist, ganz ohne moralischen Zeigefinger", meint Brune. Die Zukunft der sozialen Arbeit umtreibt die 2750 hauptamtlichen und 1600 ehrenamtlichen Mitarbeiter auch 100 Jahre nach Gründung des Verbandes. "Die Probleme der Menschen ändern sich, deshalb schafft die Diakonie immer wieder neue Angebote", sagt Diakoniepfarrer Thorsten Nolting. Reichte in den 1960er Jahren eine allgemeine Ehe- und Familienberatung, sind die Angebote heute breiter und punktgenauer. Heute gehören eine Beratungsstelle für Internet- und Computerspielsucht, eine Förderung autistischer Kinder und neue Wohnformen für Senioren zum Angebot. "Was für den einen im Alter gut ist, kann für den anderen schlecht sein. Darauf müssen wir flexibel reagieren", sagt Beate Linz, die im Vorstand der Diakonie die Themen Gesundheit, Soziales und Alter verantwortet. Von Julia Chladek und Jörg Janssen

Die Geschichte des Wohlfahrtsverbands beginnt in Düsseldorf mitten im Ersten Weltkrieg. Viele Kinder sind verwaist, Jugendliche und Frauen müssen Arbeitsdienste leisten, die Zukunft ist ungewiss. 1916 gründet die evangelische Innenstadt-Gemeinde das erste Jugendamt, ein Jugendpfarrer wird angestellt. Die Diakonie wächst schnell. Sie geht auch dahin, wo das Leben weh tut, hilft im damaligen sozialen Brennpunkt "Heinefeld", einer Art Barackensiedlung in Unterrath mit 400 Familien, einen Kindergarten mit Hort aufzubauen. Doch mit der NS-Zeit endet die vielversprechende Entwicklung. "Leider hat auch die Diakonie Düsseldorf dem System nicht so widerstanden, wie man sich das heute wünschen würde", sagt Nolting. Nach dem Krieg gewinnt die Diakonie wieder an Boden. In den 1950er Jahren entstehen Pflege- und Wohnheime, eine Ehe- und Lebensberatung wird gegründet. Erstmals beraten dort ausgebildete Psychologen. Der prominenteste dürfte Martin Goldstein sein, einer ganzen Generation besser bekannt als "Dr. Sommer". In der "Bravo" gibt er Liebes- und Sexualratschläge.

Für die Zukunft sieht Nolting seinen Verband gut gerüstet. Der Jahresumsatz der Diakonie und ihrer Tochtergesellschaften liegt bei rund 150 Millionen Euro. Vier Millionen Euro stammen aus Kirchensteuermitteln, davon werden bis 2020 zehn Prozent, also rund 400.000 Euro eingespart. "Das tut weh, ist aber planbar", sagt Nolting.

Quelle: RP
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