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Interview mit Renate Hoop und Elisabeth Wilfart
"Chefs müssen Toleranz vorleben"

Diversitybeauftragte und Gleichstellungsbeauftragte aus Düsseldorf
Renate Hoop (links) und Elisabeth Wilfart am Mutter-Ey-Denkmal am Andreasquartier in der Altstadt FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Die Diversity- und die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt sprechen über Väter, die mutiger werden müssen, den schwachen Start der Ehe für alle in Düsseldorf und eine gute Quote bei den behinderten Beschäftigten in der Stadtverwaltung. Von Christian Herrendorf

Die Stadt, die Ergo-Versicherung und der Völklinger Kreis (ein Netzwerk schwuler Führungskräfte und Selbständiger) haben für diese Woche den "DiverseCity"-Tag organisiert. Dabei wird in Vorträgen, Workshops und Diskussionen über Vielfalt gesprochen. Das Interesse ist groß, die Veranstaltung mit rund 250 Teilnehmern ausgebucht. Die Gleichstellungsbeauftragte Elisabeth Wilfart und die Diversity-Beauftragte Renate Hoop erläutern im Interview, wie es um die Vielfalt am Ende des Jahres 2017 in Düsseldorf steht.

Frau Hoop, was war der schönste Moment von Vielfalt, den Sie in Ihrem Amt erlebt haben?

Renate Hoop Ein halbes Jahr nach meinem Start hatten wir eine Auftaktveranstaltung mit mehr als 250 Personen aus der ganzen Stadtgesellschaft. Menschen unterschiedlicher Nationen, mit oder ohne Handicap, unterschiedlicher sexueller Orientierung, Alt und Jung haben aktiv diese Veranstaltung zusammen gestaltet. Das war ein richtig schöner Moment.

Inwiefern beschreibt die Vermittlung eines solchen Austauschs Ihre Aufgabe als Diversity-Beauftragte?

Hoop Das ist ein klarer Schwerpunkt. Ich will den Dialog fördern. Diversity lebt vom Austausch, vom Aufeinanderzugehen, von Neugier, vom Zuhörenkönnen. Neben der allgemeinen Koordination bin ich auch Ansprechperson für den Bereich sexuelle Orientierung.

Frau Wilfart, werden Sie als Gleichstellungsbeauftragte dadurch nicht arbeitslos?

Elisabeth Wilfart Die Stadt ist ein großer Konzern mit mehr als 10.000 Beschäftigten. Wir wollen uns gleichermaßen um alle Dimensionen der Vielfalt kümmern. Deshalb ist die Diversity-Beauftragte eine gute und notwendige Ergänzung für das Gleichstellungsbüro.

Die Dimensionen der Vielfalt, die Sie nennen, sind Geschlecht, sexuelle Orientierung und Identität, Herkunft, Religion, Alter und Behinderung. Wie kriegt man das alles unter einen Hut?

Wilfart Wir sind Impulsgeberinnen, wir schaffen Bewusstsein und fördern wertschätzenden Umgang. Aber die Verantwortung, dass Toleranz in der Stadtverwaltung selbstverständlich ist, liegt nicht bei uns alleine. Hoop Toleranz muss von oben kommen, Toleranz müssen Führungskräfte vorleben.

Warum haben Sie "DiverseCity" mitorganisiert?

Hoop Wir wollen Diversity und die Dimensionen bekannter machen und aufzeigen, dass Unterschiedlichkeit von Menschen ein Gewinn ist. Es sind Personen aus Wirtschaft, Verwaltung, Politik und Kirche dabei - wir erreichen also viele wichtige Bereiche.

Lassen Sie uns über die einzelnen Dimensionen sprechen. Wie steht es um die Geschlechtergerechtigkeit? Wie viele weiblicher Führungskräfte gibt es im Rathaus?

Hoop Inzwischen ist mehr als die Hälfte der Beschäftigten weiblich. Zwar ist die Zahl gestiegen, dennoch sind nur 31 Prozent der Führungskräfte weiblich.

Was ist die Ursache dafür?

Wilfart Ein Hauptthema ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Es gibt inzwischen zwar viele flexible Arbeitszeitmodelle und Betriebskitas, aber die Belastung ist natürlich höher, mit Kind zu arbeiten. In Deutschland wird immer noch eher das traditionelle Familienmodell gelebt, Väter nehmen in der Regel nur zwei Monate Elternzeit.

Wie kann sich das ändern?

Wilfart Die Zeit ist reif für Veränderungen. Es wird mehr mutige Männer geben, die Elternzeiten der Väter werden wachsen, die Rückkehr-Zeiten der Frauen kleiner und Arbeits-Modelle wie das des Führungstandems werden häufiger gewagt werden.

Kommen wir zu sexueller Orientierung und Identität. Wie bewerten Sie in der Dimension die Entwicklung?

Hoop Die bundesweite Studie "Out im Office?!" zeigt, dass sich mehr Personen trauen, bei der Arbeit offen über ihre Situation zu sprechen. Dennoch berichten immer noch drei Viertel der Befragten von Diskriminierung am Arbeitsplatz, wie zum Beispiel anzügliche Bemerkungen, Belästigungen, bis hin zu Kündigungen.

Welche arbeits- oder strafrechtlich relevanten Fälle sind Ihnen in Düsseldorf bekannt?

Hoop Strafrechtliche Fälle sind uns nicht bekannt, aber Diskriminierung am Arbeitsplatz findet immer noch häufig statt, zum Beispiel indem diskriminierende Sprüche geäußert werden. Wilfart Deshalb betonen wir ja, dass Führung eine Frage von Wertevermittlung ist. Die Führenden müssen eine Haltung entwickeln und signalisieren: "Ich will, dass das aufhört, ich dulde keine Diskriminierungen."

Die Ehe für alle ist in Düsseldorf seit dem 1. Oktober nur von einigen Paaren angenommen worden. Warum?

Hoop Ich glaube, das fängt gerade erst an. Eine Hochzeit plant man ja länger, und ich verstehe auch, wenn Paare statt im Oktober oder November lieber im nächsten Sommer heiraten.

Neben dieser politischen Entscheidung gab es auch eine juristische, die auf mehr Verständnis hoffen lässt: das Urteil zum dritten Geschlecht. Wie gehen Sie damit in der Praxis um?

Hoop Wir sehen das als Meilenstein, um Bewusstsein zu schaffen. Das scheint zu wirken, denn wir haben direkt Anfragen aus den Ämtern erhalten, wie das Urteil umgesetzt werden soll.

Wie ist die Lebenssituation der Behinderten Ende 2017?

Hoop Im Bereich Bauen und Mobilität wurden und werden viele Maßnahmen zur Barrierefreiheit umgesetzt. Unter den Beschäftigten der Stadt sind acht Prozent Behinderte, das ist deutlich über der vorgegebenen Quote von fünf Prozent. Diese erreichen leider längst nicht alle Betriebe. Und wir müssen auch sehen, dass die Zahl der arbeitslosen Menschen mit Behinderung doppelt so hoch ist und die Betroffenen im Schnitt länger arbeitslos sind.

Wenn Sie sich mit der Dimension Alter beschäftigen, inwieweit sind dann alle Generationen gemeint?

Wilfart Sinn macht es immer generationenübergreifend zu denken. Es geht dabei nicht nur darum, ältere Menschen vor Diskriminierung zu schützen. Es geht darum, eine gute Mischung in Teams zu schaffen, so dass die Generationen von einander lernen können. Die Jungen sind technik-affiner, die Älteren haben Wissen und Erfahrung, die erhalten bleiben sollte. Und mit dem Vermitteln sollte man nicht erst in der letzten Woche vor dem Ruhestand anfangen.

Blicken wir zum Schluss auf Religion und Herkunft. Wie sind diese Themen von der Flüchtlingsfrage überlagert?

Wilfart Leider wird gerade was diese Dimensionen anbelangt zu wenig differenziert. Die Fragen sind nicht mehr losgelöst von Angst und Terror. Aufgabe ist es hier, unzulässigen Verallgemeinerungen und negativen Vorurteilen entgegenzuwirken.

Wie?

Hoop Wir müssen die Menschen neugierig auf andere machen, sie müssen verstehen, dass Vielfalt ein Gewinn ist. Letztlich ist es wie bei allen Dimensionen, über die wir gesprochen haben: Richtig spannend und gut wird es, wenn die Mischung stimmt.

Quelle: RP
 
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