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Tausende verfolgen Schicksal
Düsseldorferin schreibt im Internet über ihre Krankheit

Tausende verfolgen Schicksal: Düsseldorferin schreibt im Internet über ihre Krankheit
Eine, die das Wort "aufgeben" aus ihrem Wortschatz gestrichen hat: Bea Kallen bleibt trotz - und wegen - der Krankheit Optimistin. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Bea Kallen, vielen Düsseldorfern aus ihrer Zeit als Wirtin bekannt, hat Osteomyelofibrose. Über ihre lebensbedrohliche Krankheit schreibt sie in ihrem Internet-Blog. Tausende nehmen an ihrem Schicksal Anteil. Von Ute Rasch

In der Klinik hat sie sich immer vorgestellt, was sie essen würde, wenn sie wieder zu Hause wäre: frisch geröstetes Weißbrot mit Schafskäse und getrockneten Tomaten. "Als ich es endlich probieren konnte, war ich vom Geschmack total enttäuscht." So ist das vielleicht, wenn Wunschtraum auf Realität prallt. Darin ist sie jetzt Expertin. Silvester schrieb sie in ihrem Blog, dem tausende Leser folgen: "Ich will mein altes Leben wiederhaben, mein Bea-Leben." Dies ist die Geschichte von Bea Kallen, Kämpferin in eigener Sache, die das Wort "aufgeben" aus ihrem Vokabular gestrichen hat.

Ihre Haare sind jetzt wieder so lang wie ein Streichholz, immerhin. Und weißblond. Das mag für manche in ihrer Umgebung befremdlich sein, galt sie doch wegen ihres dunklen Schopfes immer als die "schwatte Bea". Aber jetzt gefällt es ihr so. Und außerdem ist sie froh, überhaupt wieder Haare zu haben. Etliche Fotos aus der jüngsten Vergangenheit zeigen sie mit kahlem Kopf. Und zaghaftem Lächeln.

Aber der Reihe nach: Einst hatte Bea Kallen (56) einen Alltag, den sie als "bunt und reich" bezeichnet. Sie arbeitete ihr Leben lang in der Gastronomie, viele Jahre in der eigenen Kneipe in Benrath, später auf Mallorca - die geborene Gastgeberin. Vor sechs Jahren traf sie dann eines Abends Peter Kallen, Musiker und Inhaber der Musikbar "Café à Gogo" - eine Schicksals-Begegnung. Dreieinhalb Monate später waren sie verheiratet.

Plötzlich Konzentrationsprobleme, Kopfschmerzen und Sehstörungen

Und dann gab's die Bea, die ein Buch über ihr Abenteuer auf dem Jakobsweg geschrieben hatte, die sich politisch engagierte, die immer bereit war, für andere einzutreten. Im Kommunal-Wahlkampf gründete sie gemeinsam mit dem Pantomimen Nemo das Facebook-Profil "Unser Veedel für Thomas Geisel". Das war noch die Zeit, als sie über Demos gegen Pegida schrieb oder schon mal ein Linsencurry-Rezept postete. Rückblickend sagt sie: "Ich war immer so beschäftigt."

Bis zum Spätsommer 2015. Schon einige Zeit fühlt sie sich erschöpft, ist unkonzentriert, hat Kopfschmerzen, Sehstörungen, kann nicht schlafen. Sie geht zum Arzt. Nach zermürbender Wartezeit die Diagnose: Osteomyelofibrose, eine Erkrankung, bei der das blutbildende Knochenmark zerstört wird - sehr selten, lebensbedrohlich. Sie liest alles darüber, Fetzen bleiben hängen: "Potenziell tödlich", "Hochdosis-Chemo", "Stammzelltransplantation". In ihrem Blog schreibt sie: "Ich hatte Angst, dass Mama mich begraben muss." Und klammert sich an eine Hoffnung: Ihr Bruder, er wird ihr Knochenmark beziehungsweise Stammzellen spenden.

Aber der geliebte Bruder kommt als Spender nicht in Frage. "Ich war fassungslos." Sie macht ihre Suche nach einem Spender öffentlich, startet Aufrufe auf ihrer Facebook-Seite. Die Reaktion ist überwältigend, Tausende nehmen an ihrem Schicksal Anteil, hunderte lassen sich typisieren. Monate vergehen zwischen Angst und Hoffnung, in denen es ihr immer schlechter geht. Und dann klingelt am 4. Februar 2016 ihr Handy. Exakt um 11.05 Uhr. Sie sieht die Nummer der Knochenmarktransplantations-Ambulanz des Uniklinikums: "Wir haben jemanden, der zu Ihnen passt". Voller Glück jubelt sie auf Facebook: "Ich habe einen Stammzellspender!"

Nach Transplantation folgen künstliche Ernährung und Schmerzen

Anfang Juni werden ihr im Uniklinikum die lebensrettenden Stammzellen übertragen. Ihre Tochter und ihr Bruder sind bei ihr, fotografieren sie - "das war ein sehr emotionaler Moment, ich hatte wirklich das Gefühl, da fließt neues Leben in mich." Es folgen zehn Wochen Krankenhaus, künstliche Ernährung, Schmerzen, strenge Isolation. "Niemand durfte mich in den Arm nehmen, obwohl ich es zu diesem Zeitpunkt am meisten gebraucht hätte." Aber erst müssen die neuen Zellen andocken, damit das Knochenmark funktioniert. Am 19. August darf sie nach Hause, geht am nächsten Tag mühsam 80 Meter zum Rhein, sitzt auf einer Bank, "ich spürte die Sonne, die frische Luft, hörte die Vögel". Ein seliger Moment.

Und heute? Die Frage, wie es ihr geht, ist nicht so einfach zu beantworten. "Mal so, mal so." Sie fühlt sich oft müde und kraftlos, muss immer noch "Unmengen" Medikamente schlucken - was nicht ohne Folgen bleibt. "Aber ich bin ein gnadenloser Optimist", sagt sie lächelnd. Und ist vielen Menschen dankbar. "Das Team der Knochenmarktransplantation der Uni, das sind meine Helden. Die leisten eine großartige Arbeit und haben dabei immer ein offenes Ohr, immer ein tröstendes Wort." Bea Kallen muss immer noch jede Woche zur Untersuchung in die Ambulanz, trägt draußen einen Mundschutz aus Angst vor Infektionen. Aber inzwischen sind ihre Blutwerte besser, auch ihr Geschmackssinn ist zurückkehrt, der sich eine Zeit lang komplett verabschiedet hatte. Nun kann sie wieder einen Espresso genießen. "Und Mamas Gurkensalat."

Sie weiß, sie muss noch viele kleine Schritte gehen, um wieder im Bea-Leben anzukommen. "Ich mache keine Pläne mehr, höchstens bis zum nächsten Tag." Bis auf einen: Im nächsten Jahr will sie unbedingt ihre Spenderin treffen, "sie ist doch meine Lebensretterin."

Quelle: RP
 
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