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Kolumne Mein Düsseldorf
Kann denn Marmor hässlich sein?

Düsseldorf. Manchmal scheint es, als würden Behörden Investoren großer Wohn- und Büroprojekte mehr durchgehen lassen als privaten Bauherrn. Das produziert mitunter Architektur-Sünden. Trotz trickreicher Vermarktung findet längst nicht alles Käufer.

Um die oben gestellte Frage sofort zu beantworten: Ja, kann er. Und wie! Aber wen kümmert es? Über Geschmack kann man bekanntlich nicht streiten. Obwohl: Manchmal sollte man es vielleicht doch tun. Und zwar rechtzeitig.

Warum das erwähnenswert ist? Weil wir in einer Stadt leben, in der es statt einer echten Skyline derzeit eher eine Ansammlung von Baukränen allerorten gibt. Und das wird sich so schnell auch nicht ändern. Das heißt: Es wird gebuddelt und planiert, betoniert und verschalt, verblendet und angestrahlt, gemalt und gestrichen. Anders gesagt: Der ohnehin permanente Prozess der Veränderung des Stadtbildes läuft aktuell auf besonders hohen Touren.

Wir sprechen jetzt natürlich nicht von leidigen Straßenbaustellen (das taten wir vorige Woche!), sondern von Büro- und Wohnhäusern. Die Stadt boomt, oder, wie man das neudeutsch sagt, sie prosperiert - und dazu gehört ganz vorne der Einsatz von Beton, Stahl, Marmor, Glas, Alu und anderen Stoffen, aus denen Gebäude entstehen. Wer allerdings mit offenen Augen unterwegs ist, der wird sich häufig fragen: Guckt sich eigentlich vorher keiner die meist perfekten Animationen an und hebt mal den Finger, bevor es an die Schüppe geht und der Bagger kommt? Oder hat man da keinen Einfluss?

Das kann eigentlich nicht sein, wie jeder private Bauherr weiß. Ihm hat man die Ausrichtung der Vorderseite seines Hauses, dessen Größe und Höhe, die Neigung des Daches bis hin zur Farbe des Klinkers und vor allem die Entfernung zum Nachbarn vorgeschrieben. Wer das ignoriert, erlebt aufregende Zeiten zuerst mit aufmerksamen Mitmenschen nebenan und dann mit den Baubehörden.

Gilt das für Investoren großer Projekte nicht? Bisweilen scheint es so. Und daher sehen wir beim langsamen Fahren durch die Stadt (vorläufig bleibt das die normale Geschwindigkeit) arge Sünden architektonischer Art. Das reicht von deutlicher Erinnerung an den Stil aus der tausendjährigen Zeit bis hin zu peinlichen Kopien britischer Stadtvillen im feinen Londoner Stadtteil Kensington inklusive schwarzer Haustüren (ein Muss!) nebst Löwenköpfen als Türklopfer-Imitat.

Post-Moderne, Neo-Klassizismus, kubische Objekte im strahlenden Weiß - alles da. Architekten tobten sich in den unterschiedlichsten Stilen aus, und nicht alle wurden wirklich gut getroffen.

Angesichts der Preise, die in vielen dieser Objekte verlangt werden, kommt der Möchtegern-Millionär ins Grübeln: Was würde man tun, wenn sich in ein paar Jahren herausstellte, dass man sich nicht für einen lange währenden Klassiker, sondern für die flüchtige Idee eines verblassenden Zeitgeistes entschieden hat, die dann keiner mehr bewohnen oder gar kaufen will? Da helfen hochtrabende Namen, gerne auf Französisch oder an berühmten Düsseldorfern Dichtern und Musikern orientiert, jedenfalls nicht mehr. Kann ja sein, unser Eindruck ist falsch - jedoch scheinen manche Objekte der absoluten Luxusklasse schon heute schwer verkäuflich zu sein. Selbst die freche nominelle Verlegung vom nicht so gut klingenden Stadtteil in den feinen nebenan bringt da nichts: So dämlich, darauf hereinzufallen sind erfreulicherweise die wenigsten.

Wobei weitere Gründe für die Kaufzurückhaltung bei einigen dieser neuen Quartiere selbst für Laien nicht zu übersehen sind: Wer mag schon 4000 bis 6000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche zahlen, wenn das Nachbargebäude nur wenige Meter entfernt steht und der Blick von der - freilich geräumigen Terrasse - nur auf eine weiße Wand 20 Meter entfernt fällt und das unmittelbare Umfeld auf Jahre hinaus - sagen wir: in der Entwicklung ist?

Eine Lösung? Schwierig, weil - siehe oben - Geschmack ein heikles Thema ist.

Am Ende bleibt nur eins: Augen zu und durch!

Quelle: RP
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