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Kolumne Auf ein Wort
Liebe ist stärker als Noten

Kolumne Auf ein Wort: Liebe ist stärker als Noten
Pfarrer Martin Fricke in den Räumen für Jugendkirche am Alten Hafen FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Düsseldorf. Heute ist der letzte Tag des Schuljahres. Und wenn es stimmt, dass man nicht für die Schule, sondern für das Leben lernt, dann ist das an keinem Tag des Jahres so wahr wie an diesem. Denn heute bekommen fast 60.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Düsseldorf Zeugnisse. Mit dem Zeugnis wird Bilanz gezogen.

Die Noten dokumentieren (hoffentlich) unbestechlich den Leistungsstand nach einem Jahr Mathe, Englisch, Bio, Betriebswirtschaftslehre oder Technik. Das Zeugnis bewertet, stuft ein, entscheidet über das Fortkommen eines Menschen. Es kann Möglichkeiten eröffnen und Illusionen zerstören. Der einen bringt es einen guten Abschluss oder die Versetzung, dem anderen immerhin die zweite Chance einer Nachprüfung, und manche werden das Schuljahr wiederholen müssen.

An Zeugnissen wird besonders deutlich, was unser ganzes Leben durchzieht: Wir werden fortwährend bewertet. Im Arbeitsleben, in unserem Konsum- und Freizeitverhalten, sogar in der Partnerschaft werden wir taxiert und eingestuft. Und wir selbst bewerten ständig: den Konzertbesuch, das Aussehen unserer Mitmenschen, die Leistung des Handwerkers oder das Handeln der Politiker. "Like" und "dislike" bestimmen mittlerweile vieler Menschen Lebensgefühl.

Sorgfältiges Bewerten ist lebensnotwendig. Wo kämen wir hin, wenn wir nicht wüssten, was der Andere von uns hält? Das Bewerten dient der Orientierung, der Klarheit im Umgang miteinander. Und es zeigt, dass wir einander nicht gleichgültig sind. Ohne Wertungen wäre das Leben chaotisch und fade. Auch Gott bewertet uns. Wenn er sein Urteil vom Himmel hören lässt, erschrickt das Erdreich und wird still, heißt es in Psalm 76,9. Aber Gottes Maßstab ist die Liebe. Seine Urteile fördern Lebenskräfte, sie zerstören sie nicht. Wer sich auf seine Zuwendung einlässt, findet Wege, neu aufzubrechen und Chancen wahrzunehmen.

Wäre es nicht fantastisch, wenn auch unser Maßstab die Liebe zu den Menschen ist? Auch bei der Erstellung von Zeugnissen und im Umgang mit Zeugnisnoten? Dann würden unsere Kinder in der Schule nicht nur für ein Leben lernen, das sich im Taxiert-Werden erschöpft und darin aufgeht, andere zu "liken". Sie würden für ein Leben lernen, in dem jeder Tag - auch der letzte Schultag - Lust macht auf die Schule des Lebens, die nie endet.

PFARRER MARTIN FRICKE IST LEITER DER ABTEILUNG BILDUNG DES EVANGELISCHEN KIRCHENKREISES DÜSSELDORF

Quelle: RP
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