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Thomas Hundgeburt Und Rolf Binnebößel
Die Balance zwischen Öffnung und Tradition

Thomas Hundgeburt Und Rolf Binnebößel: Die Balance zwischen Öffnung und Tradition
Thomas Hundgeburt FOTO: Hans-Juergen Bauer
Düsseldorf. Ein Gespräch mit den beiden Schützen-Chefs aus Wittlaer und Gerresheim über Schützenwesen und Brauchtum im 21. Jahrhundert.

Wittlaer/Gerresheim Die St. Sebastianus Bruderschaft in Wittlaer und die St. Sebastianus Schützenbruderschaft Gerresheim sind zwei von 48 Schützenvereinen in Düsseldorf und der näheren Umgebung. Die Probleme sind vergleichbar, aber auch das Selbstbewusstsein, als Schütze eben nicht zum alten Eisen zu zählen, ist ausgeprägt.

Rolf Binnebößel FOTO: Endermann Andreas

Herr Hundgeburt, Herr Binnebößel, warum ist der Schützenverein in der heutigen Zeit noch wichtig?

Thomas Hundgeburt Zunächst nutze ich lieber das Wort Bruderschaft als Schützenverein, denn wir sind viel mehr als ein Schützenverein. Die Wittlaerer Bruderschaft ist Teil der Pfarrgemeinde St. Remigius Wittlaer. In unserer Satzung ist als erster Satzungszweck die Förderung des religiösen Lebens, insbesondere die der Nächstenliebe, genannt. Das Vermitteln und Vorleben dieser christlichen Werte scheint mir in der heutigen Zeit wichtiger denn je.

ROLF BINNEBÖSSEL Ein Verein bietet seinen Mitgliedern Zusammenhalt und Leben mit den gleichen Zielen. So auch ein Schützenverein. Unsere Meisterschaften im Luftgewehrschießen, für die die Mitglieder ein ganzes Jahr trainieren, bieten immer wieder einen Vergleich in den Leistungsstandards. Hinzu kommen die einzelnen Festivitäten der Kompanien und Gesellschaften und letztendlich das Schützenfest, auf das sich alle Mitglieder immer wieder freuen.

Ist es zunehmend schwierig, Sponsoren oder auch Schausteller für das Fest zu finden?

Hundgeburt Was die Schausteller betrifft, haben wir seit einigen Jahren einen Vertrag mit einem Schausteller, der unseren Platz bestückt. Erfreulicherweise gibt es hier momentan keine Probleme. Die Ausrichtung eines Schützenfestes ist leider mit hohen und immer weiter steigenden Kosten verbunden. Diese können trotz Erhöhung in diesem Jahr nicht allein durch Mitgliedsbeiträge bestritten werden. In den vergangenen Jahren konnten wir glücklicherweise immer auf Sponsoren zurückgreifen, die uns zum Beispiel durch Spenden oder auch Anzeigen in unserer Festschrift unter die Arme greifen. Wir hoffen sehr, dass sie uns auch in Zukunft unterstützen werden. BINNEBÖSSEL Über Sponsoren spreche ich nicht in der Öffentlichkeit. Und Schausteller haben bei der Menge der Veranstaltungen natürlich die freie Wahl, welches Schützenfest sie anfahren wollen. Und gerade bei kleinen Plätzen, wie auch in Gerresheim, wird es zunehmend schwieriger, attraktive Schausteller mit ihren Geschäften zu bekommen.

Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus?

Hundgeburt Die Sorge um den Nachwuchs ist unser größtes Problem. Hierfür gibt es viele Gründe. Auf der einen Seite steht dem überwiegenden Teil unserer Kinder und Jugendlichen durch die verkürzte Schulzeit (G8) nicht mehr so viel Zeit zur Verfügung, zum Beispiel für eine Mitgliedschaft und ein Engagement in unserer Bruderschaft. Auf der anderen Seite hat das Angebot alternativer Freizeitmöglichkeiten sehr zugenommen, die in unserem Stadtteil auch vielen Kindern und Jugendlichen finanziell ermöglicht werden können. Nach der Schulzeit verlassen viele Jugendliche für ein Studium den Ort, hier eine kontinuierliche Nachwuchsarbeit zu leisten, ist schwer.

Wie haben Sie gegengesteuert?

Hundgeburt Dankenswerterweise haben wir ein Mitglied gefunden, das sich sehr rege um unsere Schülerschützen kümmert, sodass wir uns von dort in Zukunft vermehrt Nachwuchs erhoffen. Als Beispiel für unser Bemühen um den Nachwuchs kann unser Projekt am Freitag in Zusammenarbeit mit der örtlichen Franz-Vaahsen-Grundschule dienen. Nach Abschluss des Sportfestes ermöglichen wir den Kindern der Schule ein gemeinsames Mittagessen.

Wie sieht's bei Ihnen aus, Herr Binnebößel?

BINNEBÖSSEL In den vergangenen Jahren war es um unseren Nachwuchs in Gerresheim eigentlich gut bestellt. Jedoch fehlt ein Zuwachs von Mitgliedern im Bereich von 25 bis 45 Jahren.

Inwiefern muss sich der Schützenverein dem Lauf der Zeit anpassen?

Hundgeburt Selbstverständlich muss sich die Bruderschaft an den Lauf der Zeit anpassen. Der Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften hat in diesem Jahr sein Statut geändert, um sich weiter zu öffnen. Ob diese Änderungen alle mit unserem Verständnis einer christlichen Bruderschaft vereinbar sind, stelle ich durchaus infrage. Wir werden nicht alle übernehmen. In den vergangenen Jahren haben wir uns bemüht, das Schützenfest für alle Bewohner des Stadtteils attraktiver zu machen und "alte Zöpfe abzuschneiden". Wir versuchen vermehrt, mit den anderen örtlichen Einrichtungen und Vereinen zusammenzuarbeiten.

Wie sieht das Ergebnis aus?

Hundgeburt Zum Beispiel richten wir am Fronleichnamstag nachmittags mit einigen Kindergärten und der Freiwilligen Feuerwehr einen Tag der Jugend aus, der am Abend in einem Bull-Riding-Turnier endet. Den Samstagabend versuchen wir weitgehend von "Schützenaktivitäten" (etwa Verleihung von Orden und Ehrungen) freizuhalten, damit Tanz und Unterhaltung im Vordergrund stehen. Dennoch wollen wir natürlich auch nicht die Erwartungen und Bedürfnisse unserer langjährigen Mitglieder aus dem Auge verlieren. Hier gilt es, die Balance zu halten. In den nächsten Jahren wird man darüber nachdenken müssen, ob ein Schützenfest über fünf Tage noch zeitgemäß ist oder ob nicht eine Verkürzung sinnvoll wäre. Denkbar wäre für mich auch eine Rotation in der Ausrichtung des jährlichen Schützenfestes mit den benachbarten Bruderschaften Angermund, Kalkum und Kaiserswerth. BINNEBÖSSEL Jeder Verein, also auch ein Schützenverein muss mit der Zeit gehen. So haben wir vor Jahren den Freitagabend als Jugendabend eingeführt. In der Zwischenzeit ist aus dem Abend aber ein Abend für Jung und Alt geworden. Auch mussten wir erkennen, dass ein Schützenfest eines kleinen Vereins, wie wir es sind, immer schwieriger wird, da der Bevölkerung gerade in einer Stadt wie Düsseldorf so vielzählige Veranstaltungen angeboten werden. Als Veranstalter muss sich jeder Schützenverein fragen, wo die Interessen des Publikums liegen und wie man diese bedient.

Sind bei Ihnen besondere Sicherheitsvorkehrungen notwendig?

Hundgeburt Es ist traurig, dass man über dieses Thema überhaupt sprechen muss. Wir haben Gespräche mit Ordnungsamt, Feuerwehr und Polizei geführt. Über die Ergebnisse möchte ich an dieser Stelle verständlicherweise keine genaueren Angaben machen. BINNEBÖSSEL Nein, da sind weder vom Ordnungsamt noch von der Polizei bisher Vorgaben gemacht worden.

MARC INGEL FÜHRTE DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
 
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