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Düsseldorf
Stadt rettet Erbgut historischer Bäume

Sturm Ela in Düsseldorf: Stadt rettet Erbgut historischer Bäume
Die Blutbuche im Schlosspark Benrath musste nach dem Orkan gefällt werden. Sie wurde 180 Jahre alt. FOTO: Stadt
Düsseldorf. Vor einem Jahr fegte "Ela" durch die Stadt und zerstörte 30.000 Bäume. Eine Konsequenz aus dem Orkan: Jetzt legt die Stadt einen Gen-Pool an, Klone der schönsten und seltensten Bäume werden gezogen. Von Uwe-Jens Ruhnau

Am kommenden Dienstag ist der 9. Juni, erster Jahrestag des verheerenden Sturms. Die Aufräumarbeiten sind immer noch nicht gänzlich abgeschlossen, aber es wurden bereits viele neue Bäume gepflanzt. Parallel ziehen die Gartenexperten der Stadtverwaltung grundsätzliche Lehren aus der Katastrophe. Denn alle wissen: Der Klimawandel erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass solche Sturmereignisse wieder eintreten. "Deswegen wollen wir Vorsorge treffen", sagt Gründezernentin Helga Stulgies. Die Landeshauptstadt legt sich eine "grüne Reserve" ihrer besten Exemplare an.

In der Baumschule der Stadt, die in der Nähe der Messeparkplätze liegt, werden seit dieser Woche die ersten "Kinder" besonderer Düsseldorfer Bäume gezogen. Das Ziel ist gartenwissenschaftlich bedeutend: "Wir wollen das Erbe des großen Gartenarchitekten Maximilian Friedrich Weyhe erhalten", sagt Gartenamtsleiterin Doris Törkel. Und da Weyhe nicht nur in Düsseldorf gewirkt hat, sondern im ganzen Rheinland, haben bereits mehrere Städte angeklopft und wollen den Gen-Pool besonderer Bäume und Sträucher ebenfalls bestücken.

Die Maximilian-Weyhe-Allee zwischen den Hofgarten-Teilen. Inzwischen wurden Bäume nachgepflanzt. FOTO: RP

Die Idee dazu gibt es schon länger, aber Ela hat laut Törkel "neuen Schwung in das Vorhaben gebracht". Den Meistern des Fachs bereitet der Befall mancher Baumarten mit Keimen und Schädlingen schon länger Sorgen, vielgeliebte Bäume wie Kastanie oder Platane werden deswegen nur noch selten oder gar nicht mehr gepflanzt. Gesunde Düsseldorfer Exemplare und Solitärbäume, die 150 Jahre und älter sind, sind Träger wertvollen individuellen Erbguts. Die Handelsware aus den Großbaumschulen in Norddeutschland, die auf 400 bis 600 Hektar Massenware ziehen, können da nicht mithalten, da die Bäume dort meist von nur wenigen Mutterpflanzen stammen und eine höhere Anfälligkeit für Krankheiten haben. "Die alten Bäume haben sich dagegen hier behauptet", sagt Stulgies, "sie sind vitaler und robuster."

Der Sturm hat schockhaft klargemacht, dass gehandelt werden muss. Ralf Kauertz, der Gärtnermeister des Schlossparks Benrath, nahm das Zepter in die Hand. Anlass war die notwendige Fällung einer 180 Jahre alten Blutbuche, die gleich neben dem Schloss am Eingang zum Park stand und von "Ela" arg zerrupft wurde. Die Bürger liebten diesen auffälligen Baum, der eine besonders schöne dunkelrote Blattfarbe hatte. Die Freunde von Schloss und Park haben bereits für die Neupflanzung einer Blutbuche an gleicher Stelle gespendet, im Herbst wird der Nachfolger eingesetzt. An anderer Stelle im Schlosspark aber wird in zehn bis zwölf Jahren ein identisches "Kind" des gefällten Baumes stehen, eigentlich also ein Zwilling.

Das Militär rückte mit Panzern an, um Bäume zu beseitigen. Die Arbeiten sind nun abgeschlossen.FOTO: RP

Kauertz schickte einen kleinen Ast des Baums zu einem Buchenspezialisten nach Erlangen, wo er veredelt wurde. Dabei wurde auf dem kleinen Stamm einer zweijährigen Rotbuche der Bleistift starke Ast der gefällten Blutbuche aufgepfropft. "Im Herbst kommt der Baum nun zu uns", sagt Baumschulmeister Detlef Hüsges, der die städtische Baumschule leitet. Er wird die Triebe der Rotbuche unten abschneiden, damit sich nur die Blutbuche entwickelt, und den Baum alle drei bis vier Jahre umsetzen, sein Wurzelwerk beschneiden, "damit sich viele Feinwurzeln bilden". Wenn er im Schlosspark eingepflanzt wird, ist er zwischen fünf und sieben Meter hoch.

Diese Art der vegetativen Vermehrung wollen die Düsseldorfer nun für den Gen-Pool systematisieren. Kauertz entwickelt eine Matrix, die er an die Gärtnermeister sämtlicher Parks weitergibt. Die Pflege in der Baumschule ist das A und O, um den Gen-Pool zum Erfolg zu führen. Basis ist das umfassende Baumkataster, das sich in Arbeit befindet und Grundlage für die Parkpflegewerke ist, die für die Gartendenkmäler und Parks angelegt wurden und werden. Aus dem Schlosspark Benrath gelangen etwa mehrere Buchensorten, Esskastanien, Magnolienbäume und Platanen der Fächerallee in den Gen-Pool. Aus dem Schlosspark Eller eine 220 Jahre alte Blutbuche, die zwar aufwendig gepflegt wird, von der aber unklar ist, ob sie die Sturmfolgen überlebt.

Der Rheinpark wurde schwer getroffen, Hunderte Bäume stürzten um oder wurden beschädigt.FOTO: RP

Hüsges wird mehr als 100 Baumarten und -sorten in einem Sonder-areal der Baumschule unterbringen, sie werden ihrer Herkunft nach einander zugeordnet, so dass die Parks im Kleinen quasi neu entstehen. Kommt ein zweiter Ela-Sturm, ist Düsseldorf gerüstet. Nicht minder beeindruckend: Tobias Krause von der Unteren Landschaftsbehörde steuert um die 20 Apfelbaum- und zehn Birnenbaumsorten für den Gen-Pool bei. Regional und lokal begrenzte Sorten, von denen im Düsseldorfer Obstbaumkataster, das 3000 Bäume aufführt, teils nur noch Einzelexemplare nachgewiesen werden konnten. Sie tragen so klingende Namen wie Moseleisenapfel, Alte Luxemburger Renette und Neukirchener Butterbirne - ihre Früchte sind so wohlschmeckend, dass man vielleicht gar kein anderes Obst mehr essen möchte.

Zu den seltenen regionalen Obstbäumen gehört auch die Sorte "Blauer Kölner", ein Baum, der sich wegen seines schwachen Wuchses sehr gut für Haus- und Kleingärten eignet. Der süß-aromatische Apfel ist dunkelrot und bläulich bereift und wurde von Diedrich Uhlhorn, einem der bekanntesten Privatzüchter des 19. Jahrhunderts (der auch die beliebte Sorte Berlepsch züchtete) entwickelt. Der Blaue Kölner wurde - Achtung Fortuna-Fans - vermutlich 1895 gezüchtet.

Die Gärtnermeister der Stadt finden, dass möglichst in jedem Düsseldorfer Garten ein Blauer Kölner stehen sollte. Die ersten 100 Exemplare werden in diesen Tagen in Düsseldorfer Boden gesetzt, in drei Jahren können sie abgegeben werden. Wer einen Blauen Kölner haben möchte, wird gegen eine Spende von 100 Euro für die Aktion "Neue Bäume für Düsseldorf" auf die Reservierungsliste gesetzt. Die Spendenaktion könnte weitere 10 000 Euro fürs Stadtgrün bringen, wer mitmachen will, sendet eine Mail an neue.baeume@duesseldorf.de

Quelle: RP
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