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Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten
Das kurze Leben des "Fetzers"

Duisburg. Mathias Weber, Sohn eines Trinkers und einer Prostituierten, war einer der bekanntesten rheinischen Schwerverbrecher. Er kannte den legendären Schinderhannes aus gemeinsamen Gefängniszeiten. Von Harald Küst

Das Waldstück im Duisburger Stadtwald um den "Alten Steinbruch" mit der Schinderhannes-Höhle ist mythenumwoben. Tatsächlich war der berüchtigte Räuberhauptmann nie im Raum Duisburg aktiv. Sein Aktionsfeld lag im Hunsrück. Allerdings hat die Geschichte einen historischen Kern. Es gibt eine Querverbindung zwischen dem "Schinderhannes" und dem nicht minder berüchtigten Mathias Weber, genannt der "Fetzer". Beide kannten sich aus Zeiten gemeinsamer Haft. Im Gegensatz zum Schinderhannes, dem die Legende ein edles "Robin Hood-Image" verpasste, galt Mathias Weber (1778 bis 1803) am linken Niederrhein, in Köln, aber auch in Duisburg als brutal und skrupellos.

Mathias Weber, Sohn eines Trinkers und einer Prostituierten, war einer der bekanntesten rheinischen Schwerverbrecher zur Zeit der Französischen Besetzung. Sein martialischer Beiname entstand vermutlich wegen der Gerüchte über seine Messerkampftechnik und weil er geschickt darin war, Gepäck von Kutschen mit einem Messer herunter zu schneiden (was man "fetzen" nannte). Sein Talent bewies er auch als treffsicherer Schütze und im Knacken schwierigster Schlösser. Das Aktionsgebiet des Fetzers umfasste auch den Raum Duisburg.

Die "Mülheimer Zeitung der Neuesten Begebenheiten" vom 21. April 1797 berichtete über eines der Verbrechen wie folgt: "Diese ruchlosen Räuber drangen mit Gewalt ein, schlugen diesen verdienstvollen Pfarrer Pithan mit einer Pistole auf sein ehrwürdiges Haupt, beängstigten seine Familie und wollten so ungestört ihre Raubsucht befriedigen." Die Täter setzten zunächst die städtischen Nachtwächter außer Gefecht und sprengten anschließend mittels eines zum Rammbock umfunktionierten Balkens die Tür zum Pfarrhaus. Auch hatten die Räuber vor ihrem Überfall die Kirchturmtür vernagelt, damit niemand die Sturmglocke läuten könnte. Als die Sturmglocke jedoch endlich erklang, eilten zahlreiche Bürger herbei und es gelang ihnen, die Bande in die Flucht zu schlagen. Zurück blieb ein traumatisierter Pfarrer Piethan mit seiner Familie. Angeblich flüchtete die Bande in den Duisburger Wald und versteckte einen Teil der Beute in dem Stollen am Steinbruch - historisch belegt ist dies allerdings nicht. Wie auch immer: Die Obrigkeit musste auf diesen Vorfall reagieren. Um vor solchen Überfällen geschützt zu sein, ordnete die Polizeibehörde an, die Nachtwachen auch in den umliegenden Honschaften (unterste Verwaltungseinheiten) zu verstärken. Eine Maßnahme mit wenig Wirkung, denn der Fetzer agierte mit seinen wechselnden Bandenmitgliedern grenzüberschreitend. Die Raubzüge führten den "Fetzer" bis nach Holland und an den Mittelrhein. Die organisierte Kriminalität durch die überregional agierenden Banden wurde immer stärker zu einer Bedrohung für jeden Bürger. Ein Thema mit hoher Aktualität.

Die Ordnungsmacht hatte in der Zeit der französischen Besatzung keine durchsetzungsfähige Gewalt gehabt. Und die in viele Kleinstaaten zergliederte Landkarte bot den Banditen zudem günstige Rückzugsmöglichkeiten. Die politisch unsicheren Jahrzehnte um 1800 bildeten daher eine ausgesprochene '.Blütezeit" für Räuberbanden. Acht Jahre trieb der Fetzer mit wechselnden Bandenmitgliedern sein Unwesen. Mehrfach wurde er verhaftet, aber immer wieder gelang im spektakulär die Flucht.

Aber inzwischen hatte sich ein intelligenter Jäger auf die Spurensuche begeben. Mächtiger Gegenspieler des Fetzers wurde der französische Geheimagent und Kölner Staatsanwalt Anton Keil aus Köln. Er jagte ihn mit verdeckten Ermittlern, Fahndungsdateien, wertete Spuren systematisch aus und trieb die steckbriefliche Suche voran. Dass der Fetzer schließlich 1802 in Frankfurt aufgespürt und verhaftet wurde, war der hartnäckigen Arbeit des "Geheimagenten" Anton Keil zu verdanken.

Mathias Weber wurde in Mainz an die französischen Behörden übergeben - zu diesem Zeitpunkt gehörte Köln zum französischen Staatsgebiet. 1802 wurde in Köln das Verfahren gegen ihn und weitere Mitglieder seiner Bande eröffnet. Zwischen dem Fetzer und Anton Keil entstand im Lauf der Verhöre ein fast vertrautes Verhältnis. Der Fetzer muss Keil irgendwie imponiert haben. Vor dessen Hinrichtung legte Keil ihm noch das Manuskript seiner Lebensgeschichte vor und ließ es drucken. 1803 wurde ihm der Prozess gemacht - dem Fetzer konnten mehr als 180 Einbrüche und Raubüberfälle sowie zwei Morde nachgewiesen werden, so dass er am 19. Februar 1803 zum Tod verurteilt wurde. Der Morgen war kalt. Auf dem Alter Markt in Köln wurde noch vor Sonnenaufgang die Guillotine errichtet. Die Hinrichtung zog mehrere tausend Schaulustige an. So wandte sich der 25-Jährige mit einem moralischen Appell an sein Publikum: "Ich hab den Tod hundertmal verdient. Ihr Eltern, achtet auf eure Kinder, erzieht sie zur Güte! Lasst sie nicht in die Wirtshäuser, nicht in die Bordelle. Die sind schuld." Als sein Kopf unter der Guillotine fiel, waren die Rheinlande in den unruhigen Zeiten des Napoleon Bonapartes "um einen ihrer berüchtigsten Verbrecher ärmer geworden", so steht es in der Lebensgeschichte des Fetzers.

Literatur: Keil / Diepenbach, Leben und Hinrichtung des Mathias Weber, genannt Fetzer

Quelle: RP
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