| 00.00 Uhr

Duisburg
Sich vertrauen, ohne zu vertraut zu sein

Duisburg: Sich vertrauen, ohne zu vertraut zu sein
Nachbarn von der Pilgrimstraße auf einer Bank im Sonnenschein (von links): Eric Hörnemann, Kathryn Heuser mit Lily und Bernd Melisch. Hier gibt es häufiger "Treffen ohne Anlass". FOTO: Arnulf Stoffel
Duisburg. In der Siedlung hinter dem Polizeipräsidium gibt es ein Miteinander von Alteingesessenen und Zugezogenen. Bernd Mehlisch ist so etwas wie ein offizieller Sprecher der gelebten Nachbarschaft. Von Hildegard Chudobba

Gute Nachbarschaft ist nicht selbstverständlich. Und oft kann schon ein neu zugezogener "Stinkstiefel" in kurzer Zeit ruinieren, was seit Jahren zusammengewachsen ist. Gute Nachbarschaft - das bedeutet, sich zu vertrauen, ohne zu vertraut zu werden, sich zu treffen, ohne sich die "Bude einzurennen", am Schicksal der anderen teilzuhaben, ohne aufdringlich zu sein.

In der Siedlung hinter dem Polizeipräsidium haben sich solche Strukturen entwickelt, speziell auf der Pilgrimstraße. Wer dort hinzieht, ist nicht lange alleine (es sei denn, er würde es unbedingt wollen). Vielleicht liegt es daran, dass die Bewohner in Bernd Mehlisch eine Art Sprecher haben, ohne dass er diese Funktion offiziell innehätte. An der Pilgrimstraße wohnen seit 40 oder 50 Jahren "Eingegessene" neben jungen Leuten, die erst kurze Zeit dort leben.

Zu ihnen gehört zum Beispiel Eric Hörnemann, der vor fünf Jahren in die Pilgrimstraße zog. Gute Nachbarschaft sei ihm ganz wichtig, sagt er. Und mit dieser Grundeinstellung und der Bereitschaft, mitzumachen, schaffte er es flux, Teil der Pilgrimstraßen-Gemeinschaft zu werden. Auf der Straße finden übers Jahr immer wieder geplante und ungeplante Begegnungen der geselligen Art statt. Gerade erst hatte ein Nachbar von seinem Betriebsfest noch so viele Getränke und Speisen übrig, dass er zusammen mit anderen am Nachmittag nur ein paar Tische und Stühle vor den Gartenzaun rücken musste. Die folgende Spontan-Party mit nahezu allen Anwohner dauerte fast bis Mitternacht.

Viele "Treffen ohne Anlass" finden auf der Bank statt, die Bernd Mehlisch an seinen Zaun gesetzt hat. Da wird dann vor allem geklönt, Neuigkeiten ausgetauscht und kleine oder auch große Politik gemacht. Als er von der Stadt aufgefordert wurde, Bank, Tisch und Blumenkübel zu entfernen, weil der Durchgang zu schmal war, machte die Nachricht entlang der Sackgasse im Eiltempo die Runde. Inzwischen steht fest, die "Nachrichtenzentrale" bleibt, nur der Tisch muss weg. Aber an einer Lösung für das Problem, nun keine Abstellmöglichkeit für das Feierabendbierchen zu haben, arbeiten die Nachbarn schon. Schließlich sind sie fast alle mehr oder minder handwerklich begabt und helfen sich - auch wenn es ums Soziale geht. Weil die Anwohner aufeinander achten ("wenn hier ein Fremder durch die Straße geht, wird er von einem von uns mit Sicherheit entdeckt und angesprochen", so Mehlisch) blieb nicht verborgen, dass eine ältere Nachbarin Unterstützung benötigt. Für die Anwohner ist es eine Selbstverständlichkeit, für sie einzukaufen und sie zusätzlich zum Pflegedienst zu betreuen.

Ebenso, wie es keine Berührungsängste zwischen Jung und Alt gibt, spielt auch die Nationalität der Anwohner keine Rolle. Als vor einigen Jahren eine türkische Familie in eines der rund 20 Häuser an der Straße zog, war es für Mehlisch selbstverständlich, die Neuen mit dieser Gemeinschaft vertraut zu machen. Wenn in wenigen Wochen die Anwohner der Straße wieder mal bei Glühwein die Vorweihnachtszeit einläuten, dann ist auch "unser Türke" dabei. Für ihn kochen wir extra eine alkoholfreie Variante", lacht Mehlisch. Auch die Nachbarn aus England sind ganz schnell Teil dieser Gemeinschaft geworden. Diese Familie stellt den Müllwerkern am Abfuhrtag stets ein Tablett mit Tee an den Zaun. Als sie jüngst im Urlaub war, da sprangen unaufgefordert andere an der Pilgrimstraße ein. Nur in einem Punkt mussten sie passen: Die Müllwerker so euphorisch begrüßen, wie es der Hund der Familie tut. Das kriegen sie nicht hin...

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Duisburg: Sich vertrauen, ohne zu vertraut zu sein


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.