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Duisburg
Zwei Ärztinnen entwickeln ein Geschirr

Duisburg: Zwei Ärztinnen entwickeln ein Geschirr
Formschön und seniorengerecht zugleich ist das Geschirr, das Dr. Nicola Zimansky, Martha Niemöller und Otto Eggeling jetzt vorstellten. FOTO: Andreas Probst
Duisburg. Dr. Nicola Zimansky und Martha Niemöller kennen die Probleme von Patienten mit motorischen Einschränkungen beim Essen und Trinken. Sie haben ihr Wissen der Firma Villroy&Boch zur Verfügung gestellt - mit durchschlagendem Erfolg. Von Hildegard Chudobba

Am evangelischen Klinikum Niederrhein waren in den vergangenen Monaten die Patienten der geriatrischen Abteilung, die sich freiwillig dazu bereit erklärten, Porzellan-Tester. Denn deren Leiterin und ihre Oberärztin bekamen von Villroy&Boch immer wieder Kartons mit neuen Prototypen zugeschickt, entwickelt auf der Grundlage des Wissens von Zimansky und Niemöller.

Ein eher trauriger Anlass war dafür der Auslöser. Niemöller hatte vor gut einem Jahr einen an Parkinson erkrankten jüngeren Freund besucht, mit der Familie am gedeckten Kaffeetisch gegessen und von feinem Porzellan gegessen. Nur vor dem Freund standen weniger ansehnliche Teller und Tassen, die er mit seinem motorischen Defizit handhaben konnte. "Das ist diskriminierend, und dieser Anblick hat mich deprimiert", - und erfinderisch gemacht. Die Oberärztin der geriatrischen Abteilung des Klinikums Niederrhein fand sich durch zahlreiche Patienten darin bestätigt, dass es Geschirr geben sollte für Menschen mit zittrigen Händen, unbeweglichen Fingern, an dem aber auch "Normale" und Kinder ihre Freude haben und das Tischkultur widerspiegelt.

Denn bei der Internet-Suche nach seniorengerechten Tellern und Tassen war Niemöller immer wieder auf Schnabeltassen, Plastikteller oder auf Kindergeschirr mit Mickymaus-Bildchen gestoßen. Sie wandte sich schriftlich an den namhaften Porzellanhersteller aus Mettlach und traf damit offenbar voll ins Schwarze.

"Dort hatte man sich auch schon Gedanken über Seniorengeschirr gemacht", erzählt sie. Doch welche Funktionen es erfüllen muss, das wussten Niemöller und Zimansky sehr viel besser aus ihrem Berufsalltag. In Klinik-Geschäftsführer Otto Eggeling fanden sie sofort einen Unterstützer, der sie darin bestärkte, die Zusammenarbeit mit Villroy&Boch zu wagen. Die beiden Ärztinnen definierten die Funktionen, die ein solches Geschirr erfüllen muss, und die Fachleute in Mettlach "schufen" am Ende den Prototypen, "der im Herbst auf dem Markt kommt", so Niemöller.

Die verarbeitete Keramik ist robust, übersteht auch einen Sturz unbeschadet. "Wir durften uns davon im Werk überzeugen, wo wir im wahrsten Sinne des Wortes Porzellan zerschlagen haben", lacht Martha Niemöller". Das Geschirr erfüllt die von ihr und Dr. Zimansky definierten Anforderungen, und es passt auf jeden festlichen Tisch, zumal die weißen Tassen und Teller künftig Villroy-und-Boch-Dekor haben werden. Auf den ersten Blick sieht "Bonjour" (so der Arbeitstitel) aus wie jedes andere Geschirr. Aber, die formschönen Tassen (zwei Größen) haben einen Henkel, der bis fast an den Tassenboden reiht und unten offen ist. Der Nutzer kann so mit der ganzen Hand hineingreifen und die Tasse sicher halten, auch wenn er stark zittert oder die Finger nicht mehr krümmen kann.

"Gerade ältere Menschen verschlucken sich leicht beim Trinken", erklärt Zimanski die breite Öffnung der Tasse, die genau das verhindert. Da muss man selbst für den letzten Schluck den Kopf nicht nach hinten legen, haben die Testpersonen auf der Station bewiesen. Mit dem Unterteller bildet die Tasse eine fast untrennbare Einheit. Selbst leicht geneigt rutscht sie nicht runter.

Der Suppenteller der Kollektion hat einen etwas gebogenen Boden. Dadurch läuft die Flüssigkeit an die Seite. Die Suppe lässt sich so leichter aufnehmen, und der Löffel kann an dem fast gerade nach oben verlaufenen Rand schlabberfrei hochgezogen werden. "Denn für den letzten Rest den Teller schräg in die Hand nehmen - das können viele Menschen mit Defiziten bei der Feinmotorik nicht mehr." Ähnlich aufgebaut sind auch der Dessertteller und die Schälchen und Schüsselchen für Salat oder Dessert.

Die beiden Ärztinnen sehen die Vorteile des Geschirrs nicht nur in der besseren Handhabung. "Wer sich oft verschluckt, will nicht mehr trinken. Und wer seinen Teller nicht selbstständig leer essen kann, der stellt das Essen ein und hungert lieber."

Den Praxistest im Klinikum Niederrhein hat das Geschirr mit Auszeichnung bestanden. Die Patienten des Hauses, die es benutzt haben, "waren genau so begeistert wie meine Eltern, denen ich einen Prototypen gegeben habe", sagt Otto Eggeling. Für die Klinik mit ihren vier Standorten in Meiderich, Fahrn, Dinslaken und Oberhausen geordert hat er das Geschirr allerdings noch nicht. "Wir müssen erst mit unserer Küchenleitung abstimmen, ob es auch in die logistischen Abläufe eines Krankenhauses passt."

Doch für ausgeschlossen hält er es keineswegs, dass "Bonjour" - oder wie immer das Geschirr heißen wird - mal auf allen Stationen zu finden sein wird. Denn wie gesagt: Es ist "made by Klinikum Niederrhein" - zum Teil zumindest.

Quelle: RP
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