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Rees
Als Millingen förmlich überrannt wurde von Pilgern

Rees. Mit der Quirinusprozession am morgigen Sonntag, 1. Mai, gedenkt die katholische Pfarrkirche St. Quirinus in Millingen ab 9.30 Uhr ihres Namenspatrons. Von Michael Scholten

Der römische Offizier Quirinus wurde unter Kaiser Hadrian wegen seines christlichen Glaubens verfolgt und im Jahr 115 enthauptet. Er ist seit dem elften Jahrhundert Stadtpatron von Neuss, im 15. Jahrhundert tauschte die Millinger Gemeinde ihren Patron Johannes gegen Quirinus aus.

In der Folge kamen große Pilgerströme in den kleinen Ort Millingen. Denn Quirinus wurde gegen Bein- und Fußleiden, Gicht, Lähmung, Eitergeschwüre, Hautausschlag, Pest, Ohrenschmerzen, Kropf, Fisteln, Pocken und Knochenfraß angerufen. Außerdem erhoffte man sich vom Patron der Pferde, Rinder und Ritter Hilfe gegen jede Art von Pferdekrankheiten.

"In Millingen war richtig was los", erzählte jetzt Heimatforscher Norbert Behrendt, als er gemeinsam mit Diakon Bernhard Hözel Mitglieder des Reeser Geschichtsvereins Ressa durch St. Quirinus führte. "Die Kirche musste Priester aus der Umgebung holen, um den vielen tausend Pilgern die Kommunion austeilen zu können."

Viele Pilger, die von weither angereist waren, übernachteten sogar in der Kirche. Für sie war Stroh auf dem Boden ausgebreitet worden. "Bänke gab es damals nur wenige, denn das Sitzen war den gesellschaftlich höhergestellten Bürgern vorbehalten", sagte Diakon Bernhard Hözel, der die "überproportionale Größe" der Kirche auf eben jene Pilgerströme zurückführte.

Urkundlich erwähnt wurde Millingens Pfarrkirche erstmals im Jahr 1120 durch den Erzbischof Ferdinand von Schwarzenberg in Köln. Das genaue Alter ist unbekannt. Ursprünglich romanisch gebaut, wurde die dreischiffige Kirche im 15. oder 16. Jahrhundert im spätgotischen Stil umgestaltet. Der Kirchturm, in dem vier bronzene Glocken läuten, ist 57 Meter hoch. Ende der 1990er Jahre erhielt er ein zeitgenössisches Fenster, das neben Quirinus auch den früheren Patron Johannes sowie Jesus Christus zeigt.

Zu Füßen dieses Trios sind kleinteilige Motive aus Millingen, Vehlingen, Empel und Heelden zu sehen, die das Herz des Lokalpatrioten höher schlagen lassen: die Kirche, die Bahngleise, zwei Silos des Möbelwerkes, die Burgruine Empel, die Vehlinger Mühle, zwei Pferde, eine Wildgans und sogar Teile der Reeser Rheinbrücke.

Im Hauptraum der Kirche wies Diakon Bernhard Hözel besonders auf den achteckigen Taufbrunnen hin. Er wurde Ende des 15. Jahrhunderts "in feinster gotischer Vollendung" aus Stein geschlagen und mit Lilien, "dem Symbol der Reinheit", verziert. Bei der Renovierung der Kirche wurden im Jahr 2005 Grabkammern und Familiengruften freigelegt.

Seither forscht Norbert Behrendt über das Leben der "ehrenfesten Jungfrau", die im Jahr 1540 in der Nähe des Altars beigesetzt wurde. Auf ihrer Grabplatte ist ein Wappen mit springendem Löwe zu sehen, das Behrendt von einem untergegangenen Rittersitz in Hüth kennt.

"Sie muss eine Wohltäterin gewesen sein, die als Witwe ins Kloster ging", sagte Norbert Behrendt, "aber ich habe diese Klosterfrau bis jetzt in keinen Dokumenten finden können." Auch die Kirchenbücher in Köln und Xanten verraten nichts über ihre Identität. Bis ins späte Mittelalter blieb das Patronatsrecht der Pfarrkirche Millingen im Besitz des Stiftes Xanten. Danach ging es auf Haus Empel über, bis es 1946 erlosch. In naher Zukunft steht die Fusion der Millinger Gemeinde mit Haldern und Rees zu einer Großgemeinde für das gesamte Stadtgebiet an.

Quelle: RP
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