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Emmerich
Angeklagter stellt Raub als Einbruch dar

Emmerich. Ein 33 Jahre alter Niederländer sitzt seit gestern auf der Anklagebank des Landgerichts Kleve. Er soll gemeinsam mit einem Komplizen einen 81-jährigen Mann in seiner Wohnung in Emmerich überfallen haben. Von Ralf Daute

Das Ende war Slapstick: Der Täter flüchtete in ein Gestrüpp, blieb dort mit der Jogginghose in einem verborgenen Stacheldraht hängen, wand sich aus dem Kleidungsstück und rannte in Unterhose weg, bevor er von zwei Polizisten überwältigt wurde.

Derweil war der andere der beiden Einbrecher unbehelligt an den Beamten vorbeispaziert. "Er sah aus wie ein ganz normaler Jogger", so der Polizist, "aber hinterher ist man ja immer klüger." Zur Ehrenrettung der Ordnungskräfte sei gesagt, dass sie zu diesem Zeitpunkt nicht wussten, dass es zwei Täter gab.

Der, der in der Nähe des Obi-Marktes in Emmerich in Unterhose überwältigt werden konnte, sitzt seit Mittwoch auf der Anklagebank. Vor dem Landgericht Kleve muss er sich wegen schweren Raubes verantworten, worauf eine Mindesthaftstrafe von fünf Jahren steht. Gegen seinen Komplizen wird gesondert ermittelt. Der Angeklagte ist 33 Jahre alt, stammt aus Nimwegen, und hat, wie er sagte, die meiste Zeit seines Lebens hinter Gittern verbracht. Als Richter Jürgen Ruby ihm seinen mehrseitigen Auszug aus dem niederländischen Strafregister vorhielt, erwiderte er meistens: "Kann sein."

Dass er den Überblick über seine Verbrechen, darunter Diebstahl, Einbruch, Erpressung und Freiheitsberaubung, verloren hat, könnte zudem befördert worden sein durch übermäßigen Haschisch-Konsum. Aber seit 16 Monaten sei er "clean", beteuerte er. Außerdem legt er Wert auf die Feststellung, dass seine Taten sich nicht gegen hart arbeitende Menschen, sondern in aller Regel gegen andere Kriminelle gerichtet hätten, was in seiner Gedankenwelt offenbar mildernde Umstände sind.

In dieses Schema passt der Einbruch am Klinkerweg in Emmerich nicht. Das Opfer, ein unbescholtener 81 Jahre alter Mann, schilderte als Zeuge, wie er in den frühen Morgenstunden des 26. Mai wach geworden sei, als mit einem schweren Stein die Scheibe seiner Terrassentür eingeworfen wurde. Von den Tätern war seiner Aussage zufolge zunächst keine Spur, und er machte sich daran, den Schaden zu beseitigen, als plötzlich die zwei Männer hinter ihm standen und ihn überwältigten. Einer holte ein Küchenmesser. "Sie hielten mir das Messer an den Hals", so der Rentner, und forderten Geld und Bankkarte - beides hatte der Mann nicht im Haus. Dann sperrten sie den Mann in einen Vorratsraum und ergriffen die Flucht - im Wesentlichen mit einigen Schlüsseln als Beute, die der nun Angeklagte aus Angst vor DNA-Spuren eingesteckt hatte.

Omar A. zeigte sich in der Verhandlung reumütig: "Ich möchte alles erzählen, wie es war." Allerdings war seine Geschichte komplett anders als die des Opfers. Demnach habe sich der alte Mann in dem Vorratsraum versteckt und selbst eingeschlossen. Er habe ihn gehört und die Tür aufgebrochen, und als er hinterher erfahren habe, dass sein Komplize - während er selbst die Wohnung nach Beute abgesucht habe - grob zu dem alten Mann geworden sei, sei er richtiggehend böse geworden: "Hätte ich das gesehen, ich hätte meinen Kollegen k.o. geschlagen." Der juristische Hintergrund dieser Version dürfte darin liegen, dass - wenn sich das Geschehen so zugetragen hätte - allenfalls von einem Einbruch die Rede sein könnte. Mindeststrafe sechs Monate.

Der Täter stellte sich zerknirscht dar. Das Opfer sprach er an: "Ich hoffe, dass Sie mir vergeben können." Der ältere Herr erwiderte: "So ganz richtig nicht, aber trotzdem schön, dass Sie das sagen." Der Prozess wird am 24. Oktober fortgesetzt.

Quelle: RP
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