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Emmerich
Dokumentation bewegt die Zuschauer

Emmerich. Die Dokumentation "Angst und Geduld", die am Jahrestag der Zerstörung Emmerichs im PAN gezeigt wurde und viele Zeitzeugen zu Wort kommen lässt, ging dem Publikum sehr nahe. Von Monika Hartjes

Man sieht ihm die tiefen Emotionen an. Die Unterlippe zittert, als der fast 90-jährige Hendrik Braam sagt: "Freiheit, das ist, was uns am nächsten am Herzen liegt - Freiheit für jeden." So endete die beeindruckende Dokumentation "Angst und Geduld", die am 7. Oktober, dem Jahrestag der Zerstörung Emmerichs, im PAN gezeigt wurde.

Organisiert wurde die Veranstaltung von der niederländischen Vereinigung "Vereniging Leefbaarheid Netterden" (VLN), die alljährlich seit dem Jahr 2013 einen internationalen Nachbarschaftstag organisiert, um grenzüberschreitende Kontakte zu intensivieren. In diesem Jahr fand er zum ersten Mal auf deutscher Seite statt.

Weit über 150 Besucher kamen ins PAN, um sich den Film anzusehen, in dem Zeitzeugen aus Emmerich und Netterden über ihre Erlebnisse im Krieg berichten. Christa van Dee auf niederländischer Seite und Christoph Aldering auf der deutschen Seite hatten die Idee zu dieser Dokumentation. Geert Römer filmte die Interviews und schnitt den Film zusammen.

"Wir haben mit viel Interesse gerechnet, aber dass es so voll wird, hätten wir nicht erwartet", freute sich Christa van Dee. Bürgermeister Peter Hinze bedankte sich für die Idee und die Initiative des VLN. "Wir haben eine Verpflichtung, daran zu denken, was vor über 70 Jahren geschah, damit so etwas in Zukunft nie mehr passiert", so Hinze.

In dem Film kamen die Zeitzeugen zu Wort - drei niederländische und drei deutsche. Zwischendurch gab es Filmsequenzen vom Krieg mit marschierenden Soldaten, Panzern und Flugzeugen, die Bomben abwarfen. "Wir haben von nichts gewusst", sagte Hendrik Braam aus Netterden. Dann kamen die Bomben. "Angst hatten wir, schreckliche Angst, wenn die Granaten fielen." Der vor Kurzem verstorbene Mathias Büll schilderte das Misstrauen untereinander: "Nicht alle Feinde waren Feinde und nicht alle Freunde waren Freunde." Man habe immer vorsichtig sein müssen, selbst Eltern und Geschwistern gegenüber, sagte auch die 1926 geborene Martha Terwiehl. Maria Verbücheln schilderte den Bombenangriff auf Emmerich, den sie im Keller unter Todesangst miterlebte: "In 20 Minuten war die ganze Stadt flach." Auch die Niederländer Frans Dellemann und Theo van der Heiden berichteten sichtlich bewegt von ihren schrecklichen Erlebnissen. "Direkt hinter mir wurde ein Wagen mit Pferd getroffen. Für dasselbe Geld hätte ich tot vor der Mauer liegen können", sagte van der Heiden. Das Schönste sei, dass man heute frei leben könne, so Maria Terwiehl. "Man kann nur dann ein Glücksgefühl haben, wenn man keine Angst hat."

Mit Applaus bedankten sich die Zuschauer für den intensiven Film. "Das ging mir sehr nahe", sagte der 19-jährige Daniel Schönherr, dessen Großonkel Mathias Büll war. "Krass, wie selbstverständlich der Frieden heute für uns ist. Nach so einem Film merkt man, dass man Frieden nicht genug wertschätzen kann." Auch die gleichaltrige Helen Scholz war beeindruckt: "Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie die Leute mit den kleinen Kindern voller Angst bei Angriffen im Keller saßen, einfach schockierend." "Das packt und berührt einen", sagte Bürgermeister Hinze. "Man merkte den Zeitzeugen an, wie die Erlebnisse nach oben kommen und sie auch nach so vielen Jahren noch emotional berühren."

Anschließend wurde ein kleiner Film über "70 Jahre Freiheit", ein Fest, das im letzten Jahr in Netterden gefeiert wurde, gezeigt. Der Buchautor Marcel Rözer sprach über sein Buch "So Vader" (So wie dein Vater). Erst als Erwachsener fand er heraus, dass sein Großvater Mitglied der NSB (niederländische Nazi-Abteilung) war und sein Vater der Waffen-SS angehörte. Er beschrieb, wie es ihm damit erging. Zum Schluss bekam jeder Gast eine Tasse, "um seinen Nachbarn zum gemütlichen Kaffeetrinken einzuladen", so Christa van Dee.

Quelle: RP
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