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Festival
Haldern - das Bayreuth des Pop

Haldern Pop Festival 2015: So war der zweite Tag
Haldern Pop Festival 2015: So war der zweite Tag FOTO: Ludwig Krause
Haldern. Noch bis Samstagnacht läuft das Haldern Pop Festival im niederrheinischen Rees. Obwohl der Veranstalter nicht mehr als 6500 Zuschauer aufs Gelände lässt, ist das Open-Air-Event weltweit eine Marke. Warum eigentlich? Von Sebastian Dalkowski

Wer nicht glaubt, dass das Haldern Pop Festival anders ist, der hätte in die Sauna gehen sollen. Die Sauna ist offiziell keine Sauna, sondern heißt Spiegelzelt. In dem steht eine der Bühnen des Festivals, das seit Donnerstag in Haldern läuft, einem Stadtteil von Rees. Doch als sich gestern um 14 Uhr die Band Villagers genau dorthin begab, hatte die Sonne so gnadenlos aufs Zelt geknallt und standen die knapp 1000 Zuschauer so dicht gedrängt, dass jeder, der ein paar Quadratzentimeter Papier zur Hand hatte, sich Luft zufächerte. Trotzdem verließen nur wenige vorzeitig das Zelt. Die meisten hielten tapfer durch und ließen sich von den melancholisch-verschlafenen Klängen der Iren bannen. So fasziniert waren die Zuschauer, dass sie auch das bei ruhigen Konzerten beliebte Quatschen meist unterließen.

Extra-Feature fürs Smartphone

In einer großen, für Smartphones ausgelegten Multimedia-Reportage blicken Sebastian Dalkowski und Ludwig Krause zurück auf drei glückliche Tage zwischen Pop und Schlamm.

Haldern Pop Festival: So war der erste Tag FOTO: Ludwig Krause

Interviews, Videos, Reportagen und Fotostrecken - hier geht es zum ganzen Paket.

Das Haldern Pop Festival, das noch bis heute Nacht läuft, ist beliebt. Nicht nur bei den Zuschauern, sondern auch bei Musikern. Weil die Leute eben zuhören, statt zu reden. "Es ist wie ein kleines Glastonbury", sagte der Musiker Tom Odell einmal. Beim deutschen Festivalpreis "Helga" erhielt Haldern 2013 und 2014 den Preis für das beste Line-Up. Fragen deutsche Musikmagazine ihre Leser nach ihrem Lieblingsfestival, taucht Haldern ziemlich sicher in den Top 5 auf.

Zehn Bands, die erst nach ihrem Durchbruch in Haldern spielten FOTO: dpa

Man vergisst bei all dem, dass Haldern zu den eher kleineren Festivals in Deutschland gehört. Zu Rock am Ring kamen in diesem Jahr 90.000 Zuschauer, zum Hurricane mehr als 60.000. Nach Haldern gehen jedes Jahr bloß 6500. Mehr Karten verkauft der Veranstalter nicht. In diesem Jahr waren die Tickets wenige Stunden nach Beginn des Vorverkaufs weg. Haldern ist das Bayreuth des Pop, exzellenter Ruf, aber nichts für die breite Masse - doch woher kommt der scheinbare Widerspruch zwischen Bedeutung und Größe?

Bei der Beantwortung dieser Frage führt kein Weg am Line-Up vorbei, das der Veranstalter jedes Jahr auf die Beine stellt. Haldern hat den Ruf, Bands auftreten zu lassen, bevor sie ihren Durchbruch haben - und es hat den Ruf zurecht. Muse, The National, Sportfreunde Stiller, Bon Iver, Phoenix und andere spielten auf dem Reitplatz, bevor sie berühmt wurden. Wobei diese Strategie auch notwendig ist. Haldern kann sich die großen Stars kaum leisten, wenn die Macher nicht auf ein größeres Gelände ziehen. Hype-Bands sind dort eher selten zu finden.

Alle haben in diesem Jahr die österreichische Band Wanda gebucht, bloß Haldern buchte die österreichische Band Bilderbuch. Die ist zwar auch erfolgreich, wird aber nicht ganz so abgefeiert. Doch Haldern ist nicht nur ein Festival für Entdecker, sondern auch eines für die Konsens-Momente. Dafür sind dann etablierte Künstler zuständig, die dort auch spielen, aber meist lange nach dem Durchbruch, darunter Kettcar, Patti Smith, Wir sind Helden und Franz Ferdinand.

Auch die fehlende Größe hat Vorteile. Haldern ist ein Festival für Leute, die Festivals hassen. Weil es dort all das nicht gibt, was Festivals schwer erträglich macht: übermäßige Präsenz von Sponsoren, lange Laufwege, große Menschenmassen, die ewig gleichen Bands. Der Zuschauer ist nicht einer von 100.000, sondern darf sich beinahe schon auserwählt fühlen.

Haldern ist nicht das einzige Festival in Deutschland, das von beschaulicher Größe ist und auf noch unbekannte Bands setzt. Aber es war eines der ersten und hat den Boden bereitet für andere Veranstaltungen dieser Art, die eine Alternative zu den Riesenfestivals sein wollen. 1984 lief die erste Ausgabe des Haldern Festivals, auf einem Reitplatz mitten zwischen Feldern und Wiesen, damals waren die Veranstalter noch Jugendliche und wollten einfach mal was in ihrem Dorf erleben - und was lag da näher, als selbst etwas auf die Beine zu stellen? Mittlerweile spielen die Bands nicht nur auf der Bühne am Reitplatz, sondern auch in einem alten Spiegelzelt, auf einer Bühne neben dem Zelt, in der Haldern Pop Bar, in der Kirche und in einem Tonstudio am Rande des Festivalgeländes. Rund 300 freiwillige Helfer, überwiegend aus Haldern, tragen dazu bei, dass das Festival kein Verlustgeschäft wird. Gewinn steht nicht im Vordergrund, weil die Veranstalter nicht von Haldern Pop leben müssen.

Heute treten auf dem Festival unter anderem die schon ziemlich etablierten Deus, Marcus Wiebusch und Laura Marling auf. Und bestimmt auch wieder eine dieser Bands, von der wir noch nie gehört haben - von der wir aber noch viel hören werden.

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Quelle: RP
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